Kunst in Quarantäne #6
Mütter, Strände, Aloe Vera

21. April 2020 • Text von

Nicht alle Kunst lässt sich ins Digitale übersetzen. Mit Videoarbeiten gelingt das aber ziemlich gut. Deswegen klicken wir uns einmal quer durch die Julia Stoschek Collection. Außerdem betrachten wir Kunst durchs Fenster, schauen Künstlerinnen bei der Arbeit zu und vielleicht entdecken wir auf Instagram sogar einen echten Schnapper für zu Hause, wenn wir nach dem richtigen Hashtag suchen.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, It’s the Mother, 2008, Video, 6′, Farbe, Ton. Videostill. Courtesy of the artists and Gió Marconi, Milan.

Entspannt zurücklehnen und hochwertige Video-Kunst zu Hause genießen. Keiner, der einen weiterdrängt, weder Platz- noch Sichtprobleme. Endlich in vollkommener Ruhe die milchschlabbernde, weiß-schwarz gefleckte Katze Büsi aus dem gleichnamigen Werk von Fischli & Weiss beobachten oder über die sich windenden Knet-Figuren des Künstlerduos Nathalie Djurberg & Hans Berg staunen. All dies ermöglicht seit kurzem ein frei einsehbarerer Online-Katalog der Julia Stoschek Collection. Auf der Website sind bereits mehr als 50 Werke online verfügbar, unter anderem von John Bock, Tobias Zielony oder Taryn Simon online verfügbar.

Dieser Tipp kommt von Teresa Hantke.

Bojan Sarcevic Installation "Thank you for pointing to your perineum" in der Berliner BQ Galerie. Von der Decke hängt Aloe Vera.

Installationsansicht: Bojan Sarcevic „Thank you for pointing to your perineum“, BQ.

Weil Ausstellungsräume geschlossen bleiben müssen, setzen Institutionen auf Kunstrezeption via Display. Dabei braucht es gar nicht mal so viel Transferleistung – und vor allem nicht so viel technischen Einsatz, um eine Show auch dieser Tage zugänglich zu gestalten. Die Berliner Galerie BQ ist den eigentlich offensichtlichen Weg gegangen: Die Ausstellung „Thank you for pointing to your perineum“ von Bojan Sarcevic ist so konzipiert, dass sie ganz hervorragend durch die Fensterfront der Galerie betrachtet werden kann. Wir wollen ehrlich sein: Wir wären schon lieber ganz nah an den von der Decke baumelnden Aloe-Vera-Blättern entlanggeschritten – so ohne Glasscheibe dazwischen. Aber auch von der Weydingerstraße aus macht die Ausstellung eine ganz hervorragende Figur. Also schlendert doch einfach mal dran vorbei, solltet ihr in der Nähe sein!

Der Tipp kommt von Anna Meinecke.

Screenshots vom Instagram-Account des Artist Support Pledge.

Screenshot Instagram/artistsupportpledge.

Künstler*innen leben und arbeiten oft ohnehin schon unter prekären Umständen. Finanzielle Einbußen aufgrund der Coronakrise fallen da besonders ins Gewicht. Der britische Künstler Matthew Burrows hat deswegen den Artist Support Pledge ins Leben gerufen. Das Konzept ist simpel: Künstler*innen können auf Instagram unter dem Hashtag #artistsupportpledge Arbeiten zum Kauf anbieten. Die dürfen 200 Pfund (rund 228 Euro) kosten – exklusive Versand. Die teilnehmenden Künstler*innen verpflichten sich, jedes Mal wenn sie mit dem Verkauf ihrer Arbeiten 1000 Pfund (rund 1144 Euro) verdient haben, ihrerseits 200 Pfund in Arbeiten von Kolleginnen zu investieren. Wieso das auch für euch spannend ist, wenn ihr nicht gerade Künstler*innen seid: Unter dem Hashtag gibt es gerade Kunst zu guten Preisen. Wer also nicht gerade mit tiefen Taschen sammelt und ohnehin zu viel Zeit auf Instagram verbringt, der schaue doch einfach mal unter dem Unterstützer*innen-Hashtag vorbei.

Der Tipp kommt von Anna Meinecke.

Janina Totzauer: „Sleeping Seeds“, video installation, stills, 2020.

Kunst aus der Distanz. Unter dem Titel „Art from Apart“ veröffentlicht die Münchner Galerie von Empfangshalle seit Ende März künstlerische Statements aus der Abgeschiedenheit. Diese medialen Tagebucheinträge von Künstler*innen aus dem bisherigen Ausstellungsprogramm erschienen bis zuletzt täglich auf Instagram. Nun geht die Galerie einen Schritt weiter: Ihre Räume werden in der ausstellungsbeschränkten Zeit zu einem temporären Atelier. Für je einen Monat können Künstler*innen dort arbeiten. Die Prozesse sind von außen einsehbar und die Social-Media-Kanäle werden mit Dokumentationen bespielt. Den Anfang macht die Medienkünstlerin Janina Totzauer mit ihren rituellen Experimenten und Videoscreenings. Im Mai wird Janna Jirkova zu Gast in der „Art from Apart“ Residency sein. Vielleicht und hoffentlich sogar mit einer Ausstellungseröffnung, wenn es die Virolog*innen erlauben.

Der Tipp kommt von Quirin Brunnmeier.

Shahram Entekhabi, Breakfast with Dinosaurs, 2008, Full HD, video still, courtesy the artist

Eigentlich seit 2010 im Berliner Kino Babylon, dieses Jahr weltweit von der Couch: Das Berlin Video Art Festival, präsentiert von der Berlinischen Galerie und Videoart at Midnight, bietet dem Publikum vom 24. April bis 26. April drei Tage lang die Möglichkeit, 15 Videoarbeiten von 10 internationalen Künstler*innen auf der Website der Berlinischen Galerie zu streamen. Die funktioniert in zwei Teilen: Part I (ab 20 Uhr bis 22 Uhr) und Part II (22 Uhr bis Mitternacht). Alle Infos zum Stream findet ihr hier.

Der Tipp kommt von Lynn Kühl.

Osías Yanov, Coreografías de Sal, 2019, performance and installation, Faena Art, Buenos Aires, photo Loló Bonfanti

Im Rahmen von „exp. 3“ bei der Berlin Biennale gibt es zehn Tage lang Instagram Takeover als Ausstellungsersatz. Den Anfang machen „flüchtige geografien“ mit dem politischen Geografen Sinthujan Varatharajah. Hier wird sieben Tage lang vergessene Geschichte live auf der Landkarte Berlins gezeigt. Danach folgt Osías Yano, der eigentlich einen Aktions- und Bewegungsworkshop geplant hatte. Der Zeitpunkt lag aber, wie ja alle wissen, denkbar ungünstig für Intimität und Körperkontakt und so kam es, dass „Jornadas de Sal entre Cucharas“, also Tage aus Salz, zwischen Löffeln, nun auf Instagram dazu einlädt, durch digitale Beiträge aus Bildern und Texten, in seine Praxis einzutauchen. Zwei Takeover vom Feinsten und zum langsamen Rückerkunden von Bewegung und Nähe, Raum und Zeit. Die Takeover können hier erlebt werden.

Der Tipp kommt von Lynn Kühl.

Olia Lialina: Summer, 2013. Find it at http://www.newrafael.com/olia/summer/ .

„We have been online before the crisis and we’ll be here after.“ – Mit dieser klaren Ansage präsentiert die Upstream Gallery ihre neue Online-Plattform upstream.gallery. Dieser digitale Raum soll für eine Reihe von Online-Ausstellungen genutzt werden, die von KünstlerInnen entwickelt und kuratiert werden, die zu den führenden Protagonisten der digitalen Kunstwelt gehören. Netzkunst kann in mehrfacher Hinsicht als eine zeitgenössische Avantgarde angesehen werden: Sie umgeht die traditionellen Institutionen der Galerien und Museen, jeder mit einem Internetanschluss kann sie wahrnehmen. Die erste Ausstellung „Quiet, Calm, Staring“ wurde von Rafaël Rozendaal kuratiert. Er hat eine Auswahl von 13 Künstlern getroffen, die Webseiten als ihr Medium nutzen. Er wählte dabei Websites aus, die keine Interaktion erfordern, Websites, die Endpunkte sind. Keine Information zu viel, keine Links – sie sind Destinationen in sich selbst.

Der Tipp kommt von Quirin Brunnmeier.