Der mit dem Wolf tanzt
Daniel Birnbaum über neue Technologien in der Kunst

17. Februar 2020 • Text von

Virtual-Reality ermöglicht Immersion, ein künstlerisches Gesamterlebnis – Abkehren von der realen und Eintauchen in eine virtuelle Welt. Mit Daniel Birnbaum, dem Leiter von Acute Art, Produktionsfirma für Virtual- und Augmented-Reality spricht gallerytalk.net über neue Möglichkeiten für die zeitgenössische Kunst.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, still from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist.

Der Abstand soll aufgehoben werden, die Grenzen zwischen Kunstwerk und Betrachter zerfließen. So passiert es auch in der 2018 entstandenen Virtual-Reality-Arbeit „It Will End in Stars“ des schwedischen Künstlerpaares Nathalie Djurberg und Hans Berg. Letztere lassen eine fiktive Welt entstehen, in der man nicht nur in einer Holzhütte mit einem Wolf tanzen kann, sondern auch eine Reise in dessen psychische Untiefen erlebt. In Kooperation mit Acute Art zeigt die Julia Stoschek Collection nun die Virtual-Reality-Arbeit in den Räumen von JSC Berlin. Anlässlich der Vorstellung von „It Will End in Stars“ spricht gallerytalk.net mit dem schwedischen Kurator Daniel Birnbaum und jetzigen künstlerischem Leiter von Acute Art über immersive Räume, kuratorische Herausforderungen mit Virtual- und Augmented-Reality-Arbeiten und die Bedeutung klassischer Institutionen in der Zukunft.

Portrait Daniel Birnbaum Courtesy of Acute Art.

gallerytalk.net: Herr Birnbaum, seit nun mehr einem Jahr leiten Sie Acute Art. Sie sind somit einer der ersten, der versucht Virtual Reality (VR) in der zeitgenössischen Kunst zu etablieren. Was finden Sie an dieser neuen Technologie so reizvoll?
Daniel Birnbaum: Neue Technologien haben bisher immer die Möglichkeiten der Kunst radikal verändert. Wir wissen alle, dass es mal eine Zeit gab, in der die Fotografie noch nicht existierte. Dann wurde sie etabliert, und das führte zu allen möglichen Behauptungen und Übertreibungen und in eine gewisse Verwirrung: Was ist eigentlich Fotografie? Kann es Kunst sein oder ist es Wissenschaft? Ist es okkulte Wissenschaft? Es gibt immer ein Zeitfenster von einigen Jahren, wo viel experimentiert wird und wo man nicht weiß, was aus den neuen Technologien wird.

Welche Rolle schreiben Sie dabei der Augmented Reality oder Virtual Reality zu?
Ich denke, dass diese neue Medien, diese virtuelle Welt – AR, VR oder Mixed Reality sind ja aus der technischen Perspektive sehr verwandte Möglichkeiten – sich genau jetzt in dem „Fenster des Experimentierens“ befinden. Aber ich bin ziemlich überzeugt, dass es viel verändern wird. Und es ist das erste neue Medium in unserem Jahrhundert. Wenn wir jetzt über Film, Foto oder sogar Video sprechen, dann sind das ja Medien, die wir über Jahrzehnte oder beinahe Jahrhunderte kennen.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, still from It Will End in Stars , 2018. Courtesy of Acute Art and the artist.

Sie haben knapp ein Jahrzehnt die Sammlung des Moderna Museet in Stockholm geleitet. Was hat Sie bewegt von einer klassischen Institution zu Acute Art, einer Produktionsfirma für VR und AR, zu wechseln?
Ich habe mich immer für das Zusammenspiel von Kunst und Technologie interessiert. In der Sammlung des Moderna Museets ist Kunst, die sich mit Technik auseinandersetzt, sehr zentral platziert. Es gibt Werke von Duchamp, Picabia und Rauschenberg sowie der Gruppe „Experiments in Art and Technology (E.A.T.)“. Die intensive Auseinandersetzung mit diesen Arbeiten hat mich einen Neuanfang wagen lassen wollen. Ich finde es gerade wahnsinnig spannend, die Möglichkeiten von neuen Technologien für die Kunst zu erforschen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht irgendwann wieder mit Freude in einem klassischen Museum arbeiten könnte.

Wo haben Sie die ersten VR-Arbeiten gesehen?
Bei Warner Bros. in London. Das waren allerdings nicht einmal Kunstwerke im klassischen Sinne. In den Post-Production-Ateliers der Studios haben wir Spiele und andere Produktionen anschauen können. Das war visuell einfach überwältigend!

Olafur Eliasson, still from, Rainbow , 2017. Courtesy of Acute Art.

Spannend – welche Möglichkeiten ergeben sich dann Ihrer Meinung nach für die Kunst?
Man sieht, dass es visuell-phänomenologisch Möglichkeiten gibt, Gedankengut, das bereits in der Kunst vorhanden war, zu verwirklichen. Die Idee eines immersiven Raums lässt sich beispielsweise ermöglichen. Künstler wie James Turrell oder Olafur Eliasson haben ja Räume geschaffen, wo es längst nicht mehr um Bilder oder Objekte geht, sondern um den Gedanken einer kompletten Immersion. Und die macht Virtual Reality jetzt möglich.

Acute Art versteht sich als Forschungslabor für digitale Kunst. Wo steht das Unternehmen im Moment?
Wir befinden uns genau in dieser Phase des Experimentierens von der ich anfangs gesprochen habe. Über Kollaborationen wie mit der Julia Stoschek Collection freue ich mich deshalb sehr. Die Julia Stoschek Collection ist eine spannende Institution, weil sie offen für Neues ist. Es ist irgendwie logisch, dass wir in einer Sammlung für Medienkunst anfangen. Und trotzdem ist es nicht klar, wie diese neuen Medien sich in den Strukturen der Kunstwelt verewigen mögen. Wir haben gestern eine virtuelle Ai Weiwei-Arbeit mit dem Guardian gelauncht. Innerhalb des ersten Nachmittags wurde die Arbeit von 250.000 Menschen angesehen.

Ai Weiwei, ‘Omni’, 2019. Courtesy of the artist and Acute Art.

Unglaublich. Dadurch haben Sie um ein Vielfaches mehr Menschen erreicht, als wenn Sie die Arbeit in einem Museum gezeigt hätten.
Es zeigt, dass es bereits ganz andere Möglichkeiten gibt, als die Leute annehmen. Ai Weiweis Arbeit ist wie ein Dokumentarfilm, aber in 360 Grad gedreht. Dieser Film ist eine sehr authentische Arbeit des Künstlers, in der es um freie und heimatlose Elefanten im Dschungel geht und damit um sein Hauptthema – Migration. Die Zusammenarbeit mit einer überregionalen Zeitung ermöglicht es, dass mehrere hunderttausend Menschen diese durchaus politische Arbeit von Ai Weiwei sehen werden. Diese neue Kunstgattung oder wie sollen wir das nennen? diese neuen Medien können somit außerhalb von etablierten Strukturen, das heißt Galerien, Messen und Museen, ein anderes Leben führen. Das war nur ein Beispiel, aber es ist das erste Mal, das wir eine Arbeit nicht physisch lancieren, sondern direkt online.

Koo Jeong A, density (2019), in Berlin at Julia Stoschek Collection, from the series Prerequisites 7, augmented reality. Courtesy of the artist and Acute Art.

Wenn man ein Kunstwerk direkt online lanciert, stellt sich die Frage, ob oder wie man es kuratieren kann.
Ich denke, dass es enorme Möglichkeiten gibt. Die Ai Weiwei-Arbeit ist beispielsweise eine politische Arbeit. Und die sieht man als Teil seiner politischen Bestrebungen. Das eignete sich für eine Zusammenarbeit mit einer Zeitung. Aber nähmen wir eine poetische Arbeit wie den Eiskubus von Koo Jeong A, den könnte man natürlich online stellen, aber man bräuchte trotzdem einen Kontext. Deshalb muss auch weiterhin kuratiert werden. Aber was bedeutet Kuratieren bei diesen neuen Medien? Das weiß niemand. Und ich frage mich das auch. Mit dieser neuen Technologie lassen sich visuelle Unendlichkeiten erforschen. Aber die Frage ist eben, wie man sie ausstellt.

Im Prinzip können VR-Arbeiten ja überall gezeigt werden. Wie steht es dann Ihrer Meinung nach um die klassische Institution Museum?
Eine Kollaboration wie mit dem Guardian gibt einem natürlich zu denken. Brauchen wir da überhaupt noch ein Museum? Bisweilen jedoch bleiben solche Überlegungen fernliegend. Man kann nicht einfach plötzlich eine Arbeit ins Netz stellen. Sie muss kontextualisiert werden, das hat der Guardian in diesem Fall gemacht. Trotzdem bleiben Institutionen wichtig. Sie erreichen ein interessiertes Publikum als Orte der Interpretation.

Koo Jeong A, density as seen on the Acute Art app. From the series Prerequisites 7 (2019). Augmented Reality. Courtesy of Acute Art and the artist.

Inwiefern bleiben die klassischen Institutionen von Bedeutung?
Einerseits werden die klassischen Medien wie Fotografie, Bildhauerei, Malerei und Performance eventuell noch wichtiger in einer Welt in der alles digitalisiert wird. Dann freut man sich über die physische Präsenz der Kunst. Oder man sehnt sich danach. Zwar werden immer mehr Inhalte digital und virtuell erreichbar, aber das Publikum braucht die Pädagogik und den ritualisierten Austausch. Wobei es sicherlich Mischformen geben wird, die einerseits von neuen Medien Gebrauch machen, andererseits in klassischen Strukturen verhaftet bleiben. Das bedeutet gleichzeitig global und lokal agieren zu können.

Dass Kunst in Zukunft global wie auch lokal gleichzeitig gezeigt werden kann, spielt ja auch für die Debatte um den Klimawandel eine bedeutende Rolle. Man muss heutzutage auch in der Kunstwelt darüber nachdenken, wie man das Ausstellungswesen nachhaltiger gestaltet. Meinen Sie, dass VR-Kunst da eine Möglichkeit bietet, die Leute davon abzuhalten, von Biennale zu Museumsshow zu Messe zu reisen?
Da bin ich überzeugt. Dass Tausende Menschen nach Hong-Kong fliegen für ein Wochenende ist einfach nicht mehr haltbar. Gleichzeitig wollen wir nicht zurück in eine Welt, in der nicht global agiert wird. Die Frage nach der Rolle der Kunst, der Kultur oder akademischer Konferenzen finde ich dabei sehr interessant. Ich bin überzeugt, dass in der Zukunft komplett neue Formate entwickelt werden. Aber man muss auch daran erinnern, dass das Internet nicht harmlos ist. Diese Serverparks sind aus ökologischen Gesichtspunkten ein Teil des Problems. Natürlich nutzen wir mit den VR-Arbeiten diese Systeme, aber ich denke es ist trotzdem viel sparsamer, als teure physische Arbeiten durch die Welt zu schicken und das Publikum gleich hinterher.

Marina Abramović, still from Rising. Courtesy of Acute Art.

Hat sich Ihre Tätigkeit bei Acute Art im Vergleich zu Ihrer Arbeit in einer Institution wie dem Moderna Museet verändert?
Absolut. Wir überlegen natürlich, wo die Arbeiten, die wir realisieren, gezeigt werden können. Aber der Ausgangspunkt ist eigentlich ein anderer. Nämlich die Frage, was kann verwirklicht werden. Da geht es um Wahrnehmungsformen und die Möglichkeiten des Erzählens. Zudem arbeiten wir mit Künstlern sehr diverser Richtungen, wie dem Bildhauer Anish Kapoor, der Performance-Künstlerin Marina Abramović oder aber Medienkünstlerinnen wie Koo Jeong-A.

Anish Kapoor, still(s) from Into Yourself, Fall , 2018. Courtesy of Anish Kapoor and Acute Art.

Meinen Sie, dass diese neuen Technologien die Art, wie wir Kunst im Ausstellungskontext betrachten verändern werden?
Natürlich bedeutete eine Onlinepräsenz wie beim Guardian, dass man mit den klassischen Strukturen bricht. Für uns war es aber natürlich ein riesen Erfolg. Egal, was wir jetzt genau von dieser Arbeit oder diesem Kontext gewinnen dass Hunderttausende Menschen innerhalb von wenigen Stunden eine solche Arbeit sehen ist überwältigend!

Allerdings. Wie sieht ein zukünftiges Projekt von Acute Art aus?
Morgen fliege ich nach Porto, wo das Museum Serralves mit uns eine große Ausstellung macht. Das ist eine Art Durchbruch, dass ein klassisches Museum eine rein virtuelle Ausstellung organisiert. Das wird ein spannendes Projekt. Am Ende sind eben das Museum, die Galerie oder auch die Messe die geeigneten Orte dafür. Die Kunstwelt liebt doch die rituellen Eröffnungen, Konferenzen, Partys, und würde man alles nur online stellen, wäre das doch ziemlich traurig (lacht)!

WANN: Die Ausstellung „Acute Art at JSC: Nathalie Djurberg & Hans Berg“ mit der Virtual-Reality-Arbeit „It Will End in Stars“ ist bis 26. April 2020 zu sehen. 
WO: JSC Berlin, Leipziger Straße 60, 10117 Berlin.

Mehr zu erfahren über Projekte von Acute Art gibt es auf deren Website.

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