Die schönste Fußgängerzone der Kunst
Biennale di Venezia

23. August 2017 • Text von

Es soll Menschen geben, die einen Kurztrip zur Venedig-Biennale machen. Mir ist völlig schleierhaft, wie das gehen soll. Ich nehme mir vier volle Tage in „La Serenissima“ sowie Stift, Notizheft und Skizzenbuch, um die Biennale anzuschauen und von meinen Abenteuern zu berichten.

Phyllida Barlow für den britischen Pavillon, Foto: Christina Grevenbrock

Dienstag, der 15. August: Mein erster Tag in Venedig startet mit Hitze und einem Frühstück in meiner Lieblingspasticceria Dal Mas. Hier wird der Tag typisch italienisch mit köstlichem Kaffee und Brioche begonnen. So gestärkt bewege ich mich mit dem Vaporetto zu den Giardini. Die Tickets für die Boote kosten ein kleines Vermögen, aber als Biennale-Besucher läuft man sich die Füße dermaßen platt, dass ich mir den kleinen Luxus ohne mit der Wimper zu zucken leiste.
Erst mal geht es von Länderpavillon zu Länderpavillon, Grisha Bruskin lässt für Russland archetypische Figuren protestieren, Phyllida Barlow verbaut den britischen Pavillon überzeugend mit großformatigen Skulpturen und Geoffrey Farmer hat für Kanada autobiografische Wasserspiele installiert, die allein durch ihren Abkühlungsfaktor eine Bereicherung darstellen. Ausgerechnet beim deutschen Pavillon habe ich nicht aufgepasst und muss feststellen, dass die viel gepriesene Performance von Anne Imhof heute nicht gegeben wird. Ich beiße mir also kräftig in den Hintern und ziehe weiter.

Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Kiki Smith. Foto: Christina Grevenbrock

Zum Glück lichtet sich die Laune in der Hauptausstellung schnell. Aus den vergangenen Jahren ziemlich verschwurbelte Darbietungen gewohnt, bin ich angesichts der Klarheit von Christine Macels Ausstellung mehr als positiv überrascht. Es geht um nicht weniger als den Humanismus und die Macht der Kunst. Macel zeigt den Mut zur „großen Erzählung“ und schlägt einen weiten, aber stringenten Bogen, der beim Künstler und Kunstproduktion beginnt. In den Giardini werden nur zwei von insgesamt neun Ausstellungskapiteln gezeigt, ich bin sehr auf die weiteren Sieben in den Arsenale gespannt!
Als ich endlich erschöpft in die noch immer heiße Nachmittagssonne stolpere, freue ich mich auf mein zweites Venedigritual: den allabendlichen Aperol Spritz, um den Tag und die Kunst Revue passieren zu lassen.

Alicja Kwade: Pars pro Toto 2017, Foto: Christina Grevenbrock

Mittwoch, 16. August: Heute geht es in die Arsenale. Auch hier lasse ich die Hauptausstellung zunächst links liegen, um den Menschenmengen aus dem Weg zu gehen. Die Länderpavillons habe ich dann tatsächlich fast für mich alleine. Irland beeindruckt mit einer multimedialen feministischen Hexeninstallation von Jesse Jones, die sicherlich im Gedränge weniger überwältigend gewesen wäre. Ein echtes Highlight sind die Steinkugeln von Alicja Kwade. Sie bestechen nicht allein durch die faszinierende Vielfalt der Oberflächen, aus ihnen tönen auch rätselhafte Geräusche – dieselben Aufnahmen, die auch die Voyager in den 70ern mit ins All genommen hat, wie sich herausstellt. Hier soll meine erste Kaffee- und Malpause des Tages stattfinden. Ich habe mir nämlich in den letzten Jahren angewöhnt, immer ein Skizzenheft auf Reisen mitzunehmen, das habe ich natürlich auch diesmal nicht zuhause gelassen.

Die Ausrüstung: Stift, Notitzheft, Kamera, Skizzenbuch und ganz wichtig: Biennale-Heft und Karte! Foto: Christina Grevenbrock

In der Hauptausstellung geht Macels Reise durch die heilenden, transzendenten und dionysischen Eigenschaften der Kunst weiter. Wie weit man ihrer Erzählung folgen will, sei jedem selbst überlassen. Ich bin dankbar, endlich wieder eine Großausstellung zu sehen, die sich angreifbar macht, indem sie eine nachvollziehbare Position bezieht. Meine zweite Pause nehme ich mir in Ernesto Netos gehäkeltem Schamanenzelt, ich staune über Huguette Calands intime Auseinandersetzung mit ihrem Körper und lache über Nevin Aldağs Video, in dem Instrumente sich selbst spielen. Überhaupt bleiben mir vor allem die vielen musikalischen Arbeiten im Kopf: Ich freue mich über Kader Attias Stimminstallation, in der er Couscous tanzen lässt und Mariechen Danz‘ operettenhaftes Environment.

Jan Fabre: The Catacombs of the dead Street Dogs, 2009-2017 Foto: Christina Grevenbrock

Donnerstag, den 17. August: Giardini und Arsenale waren der äußerst unterhaltsame „Pflichtteil“, jetzt kommt die Kür. Heute wird ganz im Zeichen der Collateriali stehen: Ausstellungen, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind. Nach dem Frühstück begebe ich mich also wieder aufs Vaporetto gen Markusplatz. Direkt gegenüber dem Anleger lockt mich die erste Ausstellung in den ehemaligen Gefängnistrakt des Palazzo Ducale. Taiwan hat hier eine Retrospektive des radikalen Performancekünstlers Tehching Hsieh eingerichtet. Hsieh hat sich seit den späten 70ern in einer Reihe von sogenannten „one year pieces“ jeweils für ein Jahr strengsten Regeln unterworfen. Besonders bewegt mich die kompromisslose Hingabe einer Aktion, bei der er ein Jahr lang in den Straßen New Yorks gelebt hat, (fast) ohne jemals einen Innenraum zu betreten. Die Ausstellung bleibt eines meiner absoluten Venedig-Highlights. Weiter geht es zum absoluten Kontrastprogramm, Pierre Huyghe im luxuriösen Louis Vuitton Space, aber mein Kopf ist noch bei Hsieh. Nachdenklich setze ich über nach San Salute, um Jan Fabres morbide Glas- und Knochenskulpturen zu bestaunen.

Blick über den Canal Grande. Mit im Bild: Lorenzo Quinns Riesenhände Foto:Christina Grevenbrock

In der Nähe von Peggy Guggenheim besorge ich mir schließlich ein Stück Pizza und halte meine Mittagsause gegenüber von James Lee Byars goldenem Riesenphallus auf dem Campo San Vito. Von dort aus flaniere ich im Zickzack durch die Stadt, schaue mir Michal Cole und Ekin Onat an, Mike Bourscheid für Luxemburg und entdecke den philippinisch-spanischen Modernismus Fernando Zobels. Schließlich lande ich mit platten Füßen am Rialto Markt und läute mit einem Spritz in der Hand und dem Blick auf Lorenzo Quinns gigantische Riesenhände den Feierabend ein.
Jedenfalls fast, denn jenseits der Rialto Brücke bemerke ich Menschenmengen auf dem Dach eines Palazzos und will das auch. Es stellt sich heraus, dass die Fondaco dei Tedeschi kürzlich von Rem Koolhaas zu einem Luxuskaufhaus umgestaltet wurde, dessen Dach frei zugänglich ist und einen unnachahmlich tollen Panoramablick über „La Serenissima“ ermöglicht. Ein perfekter Ausklang für einen tollen Tag!

Anne Imhof: Faust 2017, Foto: Christina Grevenbrock

Freitag, 19. August: Die verpasste „Faust“ Aufführung im deutschen Pavillon mag ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich kehre deshalb zeitig zu den Giardini zurück, um mir den „Goldener Löwe“-Gewinner doch noch anzuschauen. Als ich endlich eingelassen werde, zieht mich die Performance gleich mit ihren kraftvollen Posen in ihren Bann. Der deutsche Pavillon hat einen zweiten Boden aus Glas bekommen, auf und unter dem Anne Imhoffs multifokale Performance stattfindet – im, zwischen, unter und über dem Publikum. Überall fallen die fünf Tänzer in Posen der Dominanz, Unterwerfung und Zärtlichkeit. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen mag. Erst nach ungefähr 90 Minuten ist der Spuk vorbei und die Performer stürmen ausdruckslos davon.
Auf dem Weg zurück zum Zentrum tönt aus Samson Youngs beißend ironischem Pavillon seine schräge Version von „Heal the World“. Das passt irgendwie zum britischen „Diaspora Pavillion“, in dem sich Künstler wie Yinka Shonibare und Isaac Julien mit Themen der Migration befassen. Mein Hauptziel ist jedoch die Fondazione Prada, hier brilliert ein ungewöhnliches Ausstellungskonzept: Fotografien von Thomas Demand und Filme von Alexander Kluge werden mehr als passend in Bühnenbildern von Anna Viebrock präsentiert. Ein großartiger Abschluss für meine Reise, beschließe ich bei meinem letzten Aperol Spritz!

WANN: Die Biennale Arte läuft noch bis zum 26. November, aber Achtung, manche Collaterali enden schon früher!
WO: Venedig, Italien. Es gibt zwei abgegrenzte Ausstellungen, die Giardini und die Arsenale und über das Stadtgebiet verteilt weitere Ausstellungen, die Collaterali. Für Letztere ist die Karte im Begleitheft hilfreich!