Kunstmarathon in New York
Unterwegs mit Caro Jost #3

12. Mai 2016 • Text von

Ein Glas Rotwein zum Mittag? Da muss der Filmemacher Jonas Mekas nicht lange bitten. Wäre ja auch schön blöd, wenn Caro Jost zwischen all den Kunstmomenten nicht auch mal ein wenig verschnaufen dürfte. Es steht aber noch eine ganze Menge mehr auf dem Plan – Champagner zum Beispiel.

Ich treffe heute Jonas Mekas. Der Filmemacher ist 93 Jahre alt. Geboren in Litauen kam er als Flüchtling 1949 nach New York. Risikobereit und getrieben von einer Vision hat er in den 1970ern in der extrem gefährlichen Gegend um die Bowery ein ehemaliges Gerichtsgebäude mit Gefängniszellen gekauft, um darin ein Filmtheater zu betreiben und sein Filmarchiv unterzubringen, das mittlerweile zu einem der wichtigsten in NY gehört: Anthology Film Archives.

Jonas Mekas zeigt mir sein Filmarchiv im Keller des Anthology Film Archivs. © Caro Jost.

Jonas Mekas zeigt mir sein Filmarchiv im Keller des Anthology Film Archivs. © Caro Jost.

Jetzt steht die Sanierung und ein Aufbau auf dem Gebäude an – für ein Café, Bibliothek und öffentliches Filmarchiv. Ein Anteil muss durch fremde Mittel finanziert werden. Was mich daran sehr beeindruckt: Da besitzt Jonas eine Immobilie im guten zweistelligen Millionenbereich, aber anstatt sie an einen Investor für Luxuslofts zu verkaufen und sich ein ruhiges Leben zu machen, stürzt er sich erneut in finanzielle Belastungen (mit 93!!!) und sammelt mit seinem Sohn Zuschüsse für den Dachaufbau seines Film Archivs!

Das finde ich so unterstützenswert, denn da will jemand etwas für seine Stadt und deren Kultur erhalten! Drum kamen wir überein, dass ich ihm ein Werk spende und in Deutschland für ihn auf Unterstützungssuche gehe. Ich hatte seinerzeit meinen Film dort gezeigt, daher der Kontakt.

Ich liefere also mein Bild für die Benefizauktion im September ab und bekomme noch eine Führung durch das überfüllte Filmarchiv im Keller: beschriftete Kartons (ich lese Chaplin), Blechfilmdosen meterhoch, Aktenschränke, Staub. Es ist Mittagszeit und dann kommt der wunderbare Satz von Jonas Mekas: „Let’s have a glas of red wine for lunch.“ Gut, wenn das hier so Sitte ist, gibt es halt nur Flüssiges zu Mittag.

Plakat an Bauzaun und kein Richard Prince. © Caro Jost.

Plakat an Bauzaun und kein Richard Prince. © Caro Jost.

In bester Stimmung erfahre ich viel über den Wandel in New York während der letzten 40 Jahren. Dieses Statement von Jonas bringt wohl alles auf den Punkt: „Today, Manhattan is for Business“. Stimmt, denk’ ich mir und höre schon wieder den Auktionshammer im Minutentakt die Millionen zuschlagen.

Noch schnell ein Galeriebesuch: Die Zürcher Gallery zeigt den New Yorker Matt Bollinger, *1980. Gut! Formate um die 140-100 cm kosten 10.000 Dollar. Immer interessant, was man hier für Preise bei jungen Künstlern ansetzt.

Am Abend im 7. Floor des Sotheby’s Tower in der Upper East Side werden die Gäste mit Champagner empfangen; da lässt es sich doch gleich viel entspannter die Hand zum nächsthöheren Gebot heben! Was sich dann später auch bewahrheitet! (Nein, wir denken jetzt auch nicht an eine mögliche Geschäftsunfähigkeit des Bieters bei Vertragsabschluss aufgrund übermäßigen Alkoholgenusses.)

Sotheby's Auktionssaal im 7. Stock des Firmentowers: ein wahrer Laufsteg in Richtung Auktionspult. Oben rechts hinter den verspiegelten Scheiben sind die Logen. Da wird's dann ganz wichtig und das Sehen geht nur mehr in eine Richtung. © Caro Jost.

Sotheby’s Auktionssaal im 7. Stock des Firmentowers: ein wahrer Laufsteg in Richtung Auktionspult. Oben rechts hinter den verspiegelten Scheiben sind die Logen. Da wird’s dann ganz wichtig und das Sehen geht nur mehr in eine Richtung. © Caro Jost.

Larry war wieder nicht zu sehen. Sonst alles wie bei Christie’s, zudem Spencer Tomkins, das Sammler Ehepaar Rubell aus Miami und aus Deutschland vertreten: Michaela dePury (ehem. Neumeister/München) mit Ehemann, Leo König, Thaddaeus Ropac, Bernd Schultz, und sicher viele mehr, die ich nicht kenne!

Im Vergleich zu der Auktion bei Christie’s lief es hier vom ersten Moment an. Es begann mit einem Los von Adrian Ghenie, der einzige vertretene Künstler, der unter 40 Jahre alt ist!!!! Beschwingt und bei Jazz Musik begrüßt sich der sich selbst feiernde Circle, bevor man seine Plätze und Stammplätze aufsucht. Sehr amüsant zu beobachten sind die Teilnehmer, die so selbstsicher ganz vorne ihren reservierten Sitzplatz suchen und mit überspielter Enttäuschung peinlich berührt, sich immer weiter in die hinteren Sitzbereiche bewegen.

Klar: Die kleine Arbeit von Francis Bacon ging gut für 31 Millionen Dollar plus Aufgeld, auch die Alexander Calders und ein Christopher Wool (Ein zweiter Wool ging nicht weg! Ah, es geht anscheinend doch nicht mehr nur nach Name, sondern auch nach Motiv).

Auf der drehbaren Bühne die Arbeit von Günther Förg. Links daneben hängt besagter Cy Twombly. © Caro Jost.

Auf der drehbaren Bühne die Arbeit von Günther Förg. Links daneben hängt besagter Cy Twombly. © Caro Jost.

Hellhörig wurde dann der Saal bei dem Blackboard von Cy Twombly: grandioses Werk, blieb mit 32.5 Millionen Dollar unter seiner Schätzung. Von den 44 Losen waren zwei von Deutschen Künstlern: Gerhard Richter’s „Abstraktes Bild“, 1988 stabil über dem oberen Schätzpreis bei 5 Millionen plus Aufgeld und dann ein geniales Bietergefecht im Saal zwischen einer Sammlerin und einer bekannten Kunstberaterin um einen Günther Förg! Zuschlag bei 550.000, was dann mit Aufgeld für die Sammlerin 670.000 Dollar bedeutet! Wenn ich jetzt Händler wär, würde ich ja der unterlegenen Kunstberaterin gleich einen Förg anbieten … Denken sicher viele in so einer Auktion.

Schönster Moment für mein Künstlerherz: ein lauter, langer, hinreißender Aufschrei einer älteren Dame, als sie den schnellen Zuschlag für einen Lucio Fontana bekommen hat. Der ging es echt ums Bild, wie schön!!!

Was Caro Jost in New York noch so erlebt, könnt ihr im ersten Teil und im zweiten Teil unserer Serie „Kunstmarathon in New York“ nachlesen. Ihr wollt mehr über die Münchner Künstlerin wissen? Hier lang geht’s zu ihrer Website.