Identität mit Bindestrich
Taravat Talepasand trägt IRAN auf dem T-Shirt

9. März 2020 • Text von

Band-Shirts und das weinende Gesicht von Kim Kardashian stehen bei Taravat Talepasand nicht nur für Popkultur. Anhand solcher Sybole verhandelt die Künstlerin ihre iranisch-amerikanische Identität. gallerytalk.net erzählt sie, was es bedeutet, ein Kind der Diaspora zu sein und die Konflikte zwischen der westlichen und der östlichen Welt an der eigenen Person verhandelt zu sehen.

Taravat Talepasand: „IRAN“ army jacket via SUMUS.

gallerytalk.net: Was bedeutet es heute in den USA, iranische Wurzeln zu haben?
Taravat Talepasand: Wir nennen es „Hyphenated Identity“ (bedeutet so viel wie „mit Bindestrich geschriebene Identität“; Anm. d. Red.): amerikanisch-iranisch, iranisch-amerikanisch. Früher habe ich aus Angst, meinen Vorfahren nicht gerecht zu werden, damit gerungen, mich Iraner*innen gegenüber als Iranerin zu bezeichnen. Heute empfinde ich ihnen gegenüber insofern ein Gefühl großer Verbundenheit, als unser aller Identität noch immer missverstanden wird.

Was meinst du damit?
Die US-Bundesbehörde „Bureau of the Census“, deren Hauptaufgabe die alle zehn Jahre stattfindende Volkszählung ist, erkennt MENA-Abstammung (kurz für „Middle Eastern or North African“; Anm. d. Red.) noch immer nicht an. Dass man hinsichtlich der Herkunft nicht „Nahost“ ankreuzen kann, ist nur eine von vielen Ebenen, auf denen unsere Identität verloren geht. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung hat sich in der jüngeren Vergangenheit allerdings durchaus etwas verändert. Ich fühle mich endlich sicher dabei, meine iranische Abstammung zum Ausdruck zu bringen.

Taravat Talepasand. Foto: Afra Pourdad. // Taravat Talepasand: „Trump Runner“ (Detail), 2018. Cotton tapestry, made in Iran, 112 x 20 inches.

 

Dabei sind die Beziehungen der USA zum Iran angespannt wie lange nicht. Verändert das, wie Menschen dich wahrnehmen?
Das ist das „Hot Topic“ bei jeder Dinner-Party. Ich wurde 1979 während der Islamischen Revolution geboren, aus der das heutige Regime im Iran hervorging. 1983 war der Krieg zwischen Irak und Iran. 1990 folgte der Zweite Golfkrieg. Der nächste Einschnitt waren die Terroranschläge am 11. September 2001. 2003 sind die US-Truppen dann im Irak einmarschiert. 2007 kam der Arabische Frühling. Und heute, 40 Jahre nach der Gründung der Islamischen Republik Iran, besteht das  Regime noch immer fort und sorgt weiter für Unruhen. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, mich vom Iran-Diskurs abzugrenzen, aber ich werde immer und immer wieder damit konfrontiert.

Welches Ereignis hast du als besonders prägend erlebt?
Insbesondere der 11. September hatte starke Auswirkungen darauf, wie ich und andere Iraner*innen gesehen werden. Wir erleben vermehrt Islamophobie und Xenophobie. Das hat traumatische Auswirkungen: Unsere Identitäten werden brüchig, wir schämen uns für unsere Wurzeln. Heute weiß ich mich als Kind des iranischen Volkes. Sein Schmerz ist mein Schmerz.

Fällt es dir schwer zwischen den Bedürfnissen abzuwägen, einerseits als Individuum wahrgenommen zu werden und andererseits die Geschichte einer Gruppe erzählen zu wollen?
Vielleicht ist das ein vorgeschriebener Kampf für alle Künstler*innen, die autobiografisch arbeiten. Es war nicht immer leicht, zu verkraften, wie meine Arbeiten rezipiert wurden – besonders wenn mir Blasphemie unterstellt wurde.

Sprichst du von Arbeiten wie Westoxicated? Das Gemälde zeigt eine Frau mit Kopftuch – in Jeans, mit Sonnenbrille und mit blanker Brust.
Genau. Ich möchte die dunkle, absurde und sanktionierte Seite des Irans, der Iraner*innen, der Perser*innen und der Diaspora zeigen, einen Untergrund, der die Millenials mit Bindestrich-Identität mitdenkt.

Taravat Talepasand: „IRAN“ t-shirt, getragen von der Journalistin Jenna Wortham. // Taravat Talepasand: „IRAN“ t-shirt via SUMUS.

Wieso hast du dich überhaupt dazu entschieden, dich in deiner künstlerischen Praxis mit Identität zu befassen?
Ich fand es immer schwierig, mich selbst zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen. Aber ich habe einfach keinen anderen Weg gefunden, auszudrücken, was für mich und andere iranische Womxn wahr ist (Womxn ist gebräuchlich vor allem im intersektionären Feminismusdiskurs, um einerseits Transfrauen explizit miteinzuschließen, andererseits das „man“, also Mann, aus „woman“ zu eliminieren; Anm. d. Red.). Meine Arbeit ist getrieben von Nostalgie, Selbsterkenntnis und Rebellion. Sie soll für Gleichberechtigung, Fairness, Female Empowerment und nicht zuletzt für Liebe stehen.

Gerade wirbst zu für ein T-Shirt, auf dem mehrfach der Schriftzug „Iran“ aufgedruckt ist. Das könnte vieles meinen. Worum geht es dir?
Mit dem T-Shirt möchte ich Aufmerksamkeit für das Land Iran generieren und Solidarität mit seinem Volk bekunden – aber nicht mit seinem Regime! Die Schriftart „Old English“ habe ich mir bei Kanye West abgeguckt. Er ist ein wahnsinnig politischer, kontroverser Typ, ein Trump-Supporter mit egomanischen Tendenzen. Damit ist er Irans Ayatollah und den Klerikern des Regimes nicht unähnlich. Widersprüchliche Botschaften provozieren eine Diskussion. Für mich war das ein guter Anfangspunkt. Und ich wollte Kunst machen, die man tragen kann. Kunst, die jeder erwerben kann und die jedem steht.

Ist es effektiver, eine Botschaft auf ein Shirt zu drucken und das Shirt zu verkaufen, als die Botschaft in einem Museum zu platzieren?
Wenn ich die Zahl der Personen, die meine Arbeiten sammeln, mit der Zahl derer vergleiche, die mein T-Shirt tragen, ist die Antwort: Ja! Ich sehe meine Kunst gern auf der Straße. Dass sie so zugänglich ist, macht mich froh.

Taravat Talepasand: „Iran Iran Iran Iran“, 2017. Pigment, metal, rope, denim, handmade patches, assorted pins, iPhone 7 Plus. // Taravat Talepasand: „Iran Iran Iran Iran“ (Detail), 2017. Pigment, metal, rope, denim, handmade patches, assorted pins, iPhone 7 Plus.

Ich habe „deine Irans“ das erste Mal Anfang 2019 aufgedruckt auf eine Jeans-Jacke gesehen, die außerdem mit Patches von Kim Kardashians Emojis bedruckt waren. Kannst du mir etwas über die Installation im Yerba Buena Center for the Arts in San Francisco erzählen?
2016 hat die Iranische Revolutionsgarde Kim Kardashian unterstellt, eine Geheimagentin zu sein. Die Behörde ist für die Regulierung des Häuslichen zuständig. Sie versucht, den Einfluss anderer Nationen auf die iranische Bevölkerung einzudämmen. Es hieß damals, Kim Kardashians Einfluss per Social Media sei Teil einer Verschwörung seitens Instagram. Deren Ziel sei es, junge Frauen mit Fotos dahingehend zu korrumpieren, dass sie einen Lebensstil begehren, der dem Islam widerspricht.

Absurd!
Sollte man meinen. Die Iranische Revolutionsgarde hat ein Online-Überwachungsprogramm namens „Project Spider“ zu verantworten, aufgrund dessen Hunderte Frauen, die im Iran leben, wegen vermeintlich unanständiger Instagram-Posts verhaftet wurden – weil sie kein Kopftuch trugen. Die Idee, dass Kim Kardashian als Geheimagentin arbeiten könnte, mag absurd klingen. Aber die ganze Angelegenheit ist alles andere als lustig: Frauen werden zum Ziel strafrechtlicher Verfolgung gemacht. Bis heute verschwinden Leute aufgrund von Beiträgen in sozialen Netzwerken, die dem islamischen Regime nicht passen.

Taravat Talepasand: „Trump Runner“, 2018. Cotton tapestry, made in Iran. 112 x 20 inches.

Der Jeans-Jacke zu Füßen lag ein Teppich mit weinenden Trump-Gesichtern. Was hatte es damit auf sich?
Die Trump-Gesichter kommen ebenfalls aus der Kimoji-App, Kim Kardashians Emoji-App, die 2015 kurz für Aufsehen sorgte. Kontrovers ist hier, dass der Teppich im Iran gefertigt wurde. Man darf dort nichts herstellen, was mit Trump zu tun hat! Diese verschiedenen Ebenen von Absurdität sind für mich der Inbegriff des Ikonoklasmus: Islam, Politik, Berühmtheit – schnelle Sucht und Zugang zu Technologie.

Auf der Plattform SUMUS vertreibst du neben dem „IRAN“-Shirt auch das Shirt „Islamic Youth“. Man erahnt das Cover des Sonic Youth Albums „Goo“, doch die beiden Männer sind bei dir vermutlich Frauen. Sie tragen Tschador, einen Ganzkörperschleier, bei dem das Gesicht frei bleibt. Wofür stehen sie?
Mein T-Shirt rückt islamische Kultur in den Kontext von Rock’n’Roll. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als das Sonic Youth Album rauskam, fing es mit dem Schwarzmarkt für Musik im Iran an. Trotz Zensur und dem omnipräsenten Vorwurf einer „Westoxication“, einer Vergiftung durch den Westen, gibt es eine Untergrund-Szene für Musik und die steht in voller Blüte. Das T-Shirt-Motiv steht also für Rebellion. Für mich ist es außerdem eng mit einer persönlichen Geschichte verknüpft. Ich habe nämlich für meine Familie und meine Freunde Band-Shirts aus den USA in den Iran geschmuggelt.

Taravat Talepasand: „Islamic Youth“ t-shirt, getragen von Rahill Jamalifard von der Band „Habibi“.

Es liegt in der Verantwortung aller, sich über den Iran-Konflikt zu informieren. Und es ist nicht die Aufgabe von Menschen mit iranischen Wurzeln, das für den Rest von uns zu übernehmen. Ohne also eine konkrete Anleitung zu formulieren. Gibt es etwas, von dem dir wünschen würdest, dass es alle verstehen?
1. Es ist kompliziert.
2. Jeder Krieg wirft seine Schatten. Wenn es wieder Krieg gibt, wird es eine neue verlorene Generation geben.
3. Im Islam wird zwischen Schiiten und Sunniten unterschieden – im Iran leben vor allem Schiiten, im weltweiten Vergleich eine Minderheit. Die Gruppen haben unterschiedliche Ansichten über die Nachfolge des Propheten Mohammed.
4. Das Problem wird dadurch verschlimmert, dass sich jenseits der Landesgrenzen mit finanzieller und medialer Unterstützung einflussreicher Staaten korrupte und abhängige oppositionelle Gruppen formiert haben.

Was wünscht du dir für die Zukunft?
Die Menschen im Iran haben Freiheit und Lebensqualität verdient. Ihre Stimmen müssen gehört werden. Darf ich mit einem Statement der demonstrierenden Studierenden der Amir Kabir University in Iran vom 12. Januar dieses Jahres schließen?

Gern.
„Dear Iranian people! The only way to escape the current crisis is to return to a policy based on people’s democratic rights, a policy that will not rush into the arms of imperialism due to its fear of despotism, and one hat in the name of resistance and fighting against imperialism will not legitimize despotism. Yes, the only way to reject and escape the current situation is to equally reject both despotism and imperialism.
We need a policy that will not limit freedom and quality to a special social group and class, but regards these principles as the inalienable right for all the people. Today, everyone is clear about the need for social and political democracy. In such a democracy, the government will not be indifferent to the condition of the people, and will safeguard security, freedom and equality for all.”

Taravat Talepasand: „IRAN“ t-shirt, getragen von der Stylistin Farnaz Dadashi.

WANN: Arbeiten von Taravat Talepsand sind noch bis Montag, den 30. März im Rahmen der „FAULTline Art Show“  zu sehen.
WO: Bartolini Gallery, San Rafael Civic Center, Kalifornien.

Taravat Talepsands Shirts und Jacken könnt ihr über die Plattform des Kollektivs SUMUS erwerben.

Dort erscheint bald außerdem die Kollektion von Jenna Wortham, Kulturjournalistin der „New York Times“. Ihren Podcast „Still Processing“, den sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Wesley Morris aufnimmt, können wir euch allerwärmstens empfehlen.