Zeitkapseln
Alex Hanimann im Kunstmuseum St. Gallen

21. August 2019 • Text von

Alex Hanimann erschafft mit seinen Arbeiten vermeintliche Zeitkapseln, die uns einen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart gewähren. Gleichzeitig weist er auf deren mögliche Entfremdung und Inszenierung hin. Wie aussagekräftig sind sie für unsere Annahmen über vergangene Jahrzehnte und deren Individuen?

Alex Hanimann, turning inside out, 2019, Foto: Sebastian Stadler, Kunstmuseum St. Gallen, Same but different

Alex Hanimann, turning inside out, 2019, Foto: Sebastian Stadler

Die künstlerische Reproduktion der Wirklichkeit ist bei Alex Hanimann nur auf den ersten Blick realitätsgetreu. Dies wird gleich zu Anfang der Ausstellung „Same but different“ deutlich, wenn der Künstler dem Betrachter einen Blick hinter die Kulissen seiner Arbeit gewährt. So betritt man mit dem ersten Raum das nachgebaute Fotostudio „turning inside out“, das mit diversen Kleidungsstücken, Schuhen und Accessoires bestückt ist. Perfekte Voraussetzungen, um neue Rollen zu kreieren und diese der Außenwelt in bestimmter Art und Weise zu präsentieren. Ausgangspunkt ist dabei das eigene Abbild, das den Besucher aus einem Garderobenspiegel entgegenblickt. Wechselt man den Betrachtungswinkel, wird man mit dem Portrait des Künstlers konfrontiert, das als vierteilige Passfotoserie an der vorderen Raumwand hängt.

Alex Hanimann, Conversation Piece, 2018-2019 Foto: Sebastian Stadler, Kunstmuseum St. Gallen, Same but different

Alex Hanimann, Conversation Piece, 2018-2019 Foto: Sebastian Stadler

Die von Alex Hanimann gewählten Medien nutzt er dazu, wirklichkeitsgetreue Abbildungen durch eingefügte Unregelmäßigkeiten künstlerisch zu verfremden. Ein Beispiel für dieses Vorgehen ist die Installation im zweiten Raum, die er eigens für die Einzelausstellung im Kunstmuseum realisierte. Hier findet man sich zwischen fünf überlebensgroßen Aluminiumgüssen von Kunststudenten der Züricher Hochschule der Künste wieder, wo der Künstler eine Professur für Visuelle Kommunikation innehat. Die abgebildeten Personen wurden mit einem 3D-Scanner digitalisiert und dann von der Kunstgießerei St. Gallen in Aluminium gegossen. Durch die gewählte Technik ist eine haargenaue Analogumsetzung möglich. Die dargestellte Realität bricht Alex Hanimann aber auf, indem er die Scanvorlagen für den Guss um 8% vergrößert. Ein scheinbar geringer Größenunterschied, doch erscheinen die Figuren dadurch seltsam unwirklich.

Alex Hanimann, Conversation Piece, 2018-2019 Foto: Sebastian Stadler, Kunstmuseum St. Gallen, Same but different

Alex Hanimann, Conversation Piece, 2018-2019 Foto: Sebastian Stadler

Alex Hanimann bewegt den Betrachter allein dadurch zum Innehalten und dazu, über die Themen der kollektiven Identität und der sozialen Inszenierung nachzudenken. Der Künstler friert die abgebildeten Personen in ihrer Alltagskleidung und ihrem Alltagsgebaren regelrecht ein und macht sie so zu skulpturalen Zeitzeugen der Gegenwart. Die Figuren tragen Cappies, Sneakers, T-Shirts und Rucksäcke. „o.T. [Romy]“ hat ein Smartphone in der Hand, auf das sie schaut. Ähnlich einem Portrait geben die Figuren somit kommenden Generationen scheinbar Auskunft über die soziale Identität von Kunststudenten aus dem Jahre 2019.

Alex Hanimann, 1971 [into the light], 2019 Foto: Sebastian Stadler, Kunstmuseum St. Gallen, Same but different

Alex Hanimann, 1971 [into the light], 2019 Foto: Sebastian Stadler

Das gleiche Prinzip wendet Hanimann bei künstlerisch verfremdeten Fotografien aus anderen Jahrzehnten an. Die Leuchtkästen „1971 First Step Toward Achieving Superconciousness]“ und „1971 [into the light]“ im dritten Raum zeigen Fotografien, die das sexuelle Freiheitsgefühl und das gesellschaftliche Aufbegehren verdeutlichen, das wir heutzutage mit der Generation der 68er verbinden. Durch die Verfremdung der Bilder schafft es Hanimann jedoch, dass wir diese automatisierte Reflexion anhand des kollektiven Gedächtnisses hinterfragen und nach neuen Aspekten in der abgebildeten Szenerie suchen.

Alex Hanimann, Installationsansicht Kunstmuseum St.Gallen Foto: Sebastian Stadler

Alex Hanimann, Installationsansicht Kunstmuseum St.Gallen Foto: Sebastian Stadler

Ähnliches gilt für die Rasterbilder im vierten Raum. Hier wird ebenfalls ein Rückblick auf vergangene Ereignisse geworfen. „1971 Entertainers at the Aussie Badcoe Club Jung Tau, Vietnam]“ zeigt beispielsweise Sängerinnen bei einem Konzert, das für die in Vietnam stationierten US-Soldaten gegeben wurde. Die Fotografien hat Hanimann gerastert und die Vorlage mit Tusche auf Papier gebracht. Je näher man den Kunstwerken kommt, desto mehr verschwimmt das dargestellte Motiv. Gleichzeitig nehmen wir Abstand von unserer ersten Assoziation mit einem freudigen Musikereignis bei näherer Analyse des Bildkontextes.

Mit seinen Kunstwerken lässt Hanimann uns somit unsere eigenen sozialen Zuschreibungen zu Vergangenheit und Gegenwart hinterfragen. Ebenso wie er die Unterschiede der sozialen Inszenierung über die Zeit hinweg aufzeigt, so wird eine elementare Gemeinsamkeit deutlich. Obwohl jedes Jahrzehnt eine eigene Formensprache hervorbringt, so ist es den Menschen doch ureigen, soziale Codes an sich zu produzieren.

WANN: Alex Hanimanns Arbeiten werden noch bis zum 01.09.2019 im Kunstmuseum gezeigt. Die Ausstellung wird danach noch an zwei weiteren Stationen zu sehen sein, als nächstes ab 15. September 2019 in der Villa Merkel in Esslingen.
WO: Im Kunstmuseum St. Gallen, Museumstraße 32, 9000 St. Gallen.

Diese Review entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum St. Gallen.

Weitere Artikel aus St. Gallen