Zwischen Kamelen und Panzern
Christoph Bangerts Kriegsfotografien

12. November 2016 • Text von

„Vom Lachen und vom Sterben – Fotografien vom Krieg“ heißt eine Ausstellung des Fotojournalisten Christoph Bangert, die derzeit im Nürnberger Künstlerhaus zu sehen ist. Trotz humorvoller Bildmomente ist die Ausstellung keine leichte Kost und konfrontiert uns mit unseren durch die Medien vermittelten Vorurteilen von dem was Krieg bedeutet. Bangerts Arbeit verdeutlicht die Kluft zwischen weltfernem Heldenepos und Kriegsalltag.

„Kamele!“ ist ein Ausruf, der oft von amerikanischen Soldaten zu hören ist, wenn eines der Tiere gesichtet wird. 1. Juni 2005, Ba'aj, Nineveh, Irak © Christoph Bangert

„Kamele!“ ist ein Ausruf, der oft von amerikanischen Soldaten zu hören ist, wenn eines der Tiere gesichtet wird. 1. Juni 2005, Ba’aj, Nineveh, Irak © Christoph Bangert

Steht man erst einmal vor den gezeigten Aufnahmen wird das zwiespältige Gefühl, auf das der Ausstellungstitel referiert, schnell spürbar. Zu sehen sind Bilder von militärischen und kriegerischen Situationen, deren makabere Komik sich scheinbar aus sich selbst heraus ergibt und die in Bangerts neuer Publikation zusammengefasst sind. Schon im leicht absurden Titel dieser Publikation, „Hello Camel“, spielt Bangert darauf an, was in seinen Arbeiten zu sehen ist und wie diese funktionieren: Beobachtungen und Begegnungen, oftmals auf Nebenschauplätzen, gewürzt mit einer Prise Humor und überraschender Leichtigkeit im Kontext bedrückender Ereignisse.

pf_bangert_04

Irakische Leiharbeiter fahren einen in China hergestellten T55-Panzer, bevor dieser repariert, neu bemalt und einer Einheit der irakischen Armee übergeben wird. 6. April 2005, Forward Operating Base Normandy, Diyala, Irak © Christoph Bangert

Ein Mann in blauer Arbeitskluft gibt Anweisungen und zeigt energisch nach rechts. Das Schussrohr des vor ihm befindliche Panzers, mit dessen Fahrer er zu kommunizieren scheint, ragt allerdings exakt spiegelverkehrt nach links. So entsteht eine zufällige, V-förmige Choreographie, die die oft absurde Diskrepanz zwischen Anordnung und Ausrichtung, nicht nur im militärischen Bereich, anschaulich illustriert. In einer anderen Aufnahme ist eine rechteckige Zielscheibe mitten in der felsigen Einöde einer kargen Landschaft zu sehen. Sie steht im krassen Kontrast zu ihrer Umgebung, zeigt diese doch eine idyllische, sattgrüne Landschaft, gerahmt von einer Zypressenallee als befände man sich mitten in der Toskana beim Ackerbau. In Wahrheit findet sich die Szenerie aber auf einem Schießübungsplatz deutscher Soldaten mitten in der Afghanischen Wüste in der Nähe von Kabul.

pf_bangert_02

Eine Zielscheibe, auf die von deutschen Scharfschützen bei einer Zielübung auf einem Schießplatz außerhalb von Kabul geschossen wurde. 27. März 2007, Kabul, Afghanistan © Christoph Bangert

Natürlich wurden solche abstrusen Momente vom Fotografen gesehen und interpretieren das, was sich in seiner Anwesenheit abspielte auf bisweilen humorvolle Weise. Trotzdem ziehen sie nichts ins Lächerliche. Er nahm, das darf man nicht vergessen, ein hohes persönliches Risiko auf sich um diese Aufnahmen in Krisengebieten zu machen. Die Eindrücke von Konfliktherden wie Afghanistan oder dem Irak verdichten die Absurdität und das Provisorische des Krieges in gekonnt komponierten Bildern zu einer greifbaren Größe, die dem Betrachter in der Tat ein wenn auch sarkastisch gebrochenes Lächeln abzuringen vermag. Krieg ist also mehr als der staatlich organisierte Waffengang; er äußert sich im Kleinen, bei den Menschen, Soldaten, wie Zivilisten, die um ihn zu ertragen eine täglich neu zu bestimmende (Über-)Lebensstrategie benötigen. Der Gewalt, dem Tod Unschuldiger und Unbeteiligter, steht das Bedürfnis nach einem Quäntchen Normalität innerhalb dieser Katastrophe gegenüber, Normalität, die sich nicht zuletzt durch eine Portion Humor zumindest temporär bewahren lässt.

Christoph Bangert im Einsatz © Christoph Bangert

Christoph Bangert im Einsatz © Christoph Bangert

Man spürt diesen Zwiespalt wenn man mit Christoph Bangert spricht. Einerseits bringt ihn sein Beruf an Orte, die sich ausserhalb unserer zivilisatorischen Kategorien befinden. Wie er selbst sagt, gibt es in der westlichen Welt wenige Menschen mit Kriegserfahrung. Andererseits ist er doch noch Teil dieser westlichen, zivilisatorischen Lebensform, ein netter, lockerer Typ von Nebenan. Man findet diese Ambivalenz aber nicht nur im Gespräch mit ihm, sondern eben vor allem in seinen Fotografien. Er sucht das Banale, Alltägliche, zuweilen Groteske im Ausnahmezustand, andererseits kommt er nicht umhin das Grauen, die Gräueltaten, die Gewalt zu dokumentieren. Er kann und will die Linse nicht verschließen im entscheidenden, alles verändernden Moment, nur um der selbst auferlegten Zensur der Massenmedien Genüge zu leisten, die meinen das Format des Krieges in ihrer Berichterstattung viel zu oft auf wohnzimmertaugliche Temperatur herunterdimmen zu müssen.

pf_bangert_06

Afghanischer Soldat, der einen NATO-Trupp begleitet hat, als ein Taliban-Angriff stattfand. 17. Juli 2010, Zhari District, Kandahar, Afghanistan © Christoph Bangert

Neben „Hello Camel“ zeigt das Künstlerhaus – ausstellungstechnisch sehr gut gelöst – in einer abgetrennten Nische ebenfalls einen kleinen Auszug aus Bangerts Buch „War Porn“. Die Fotografien dieses Projekts, das ein großes mediales Echo auslöste, thematisieren dieses Dilemma der sich latent eingebürgerten Routine des Nicht-Zeigens grausamer Ansichten. “War Porn“ enthält schwer erträgliche Szenen, die man allerdings, möchte man sie sehen, mit der Schere in der kleinen Publikation erst selbst freilegen muss. Auch in der Ausstellung im Künstlerhaus hat man die Wahl: An den Wänden hängt eine kleine Auswahl weniger brutaler Bilder aus dem Buch. Besagte Schreckensaufnahmen sind nur auf Wunsch einsehbar und werden nicht öffentlich gezeigt – nicht zuletzt aus Gründen des Jugendschutzes. Die Wirksamkeit dieses Jugendschutzes sei in Zeiten unkontrolliert kursierender YouTube-Videos von fiktiven und realen Gewalthandlungen, frei zugänglich für alle Altersklassen, mal da hingestellt.

Das Buch und auch die Ausstellung werfen die grundsätzliche ethische Frage auf, ob wir durch das Zeigen grausamer Fotografien eine Art Abschreckung, eine Mahnung vor dem Krieg generieren können oder, mit der Susan Sonntag von 1977 gedacht, durch den (inflationären) Gebrauch solcher Aufnahmen eine Art Abstumpfung unserer visuellen und moralischen Urteilskraft stattfindet. Der Antimilitarist Ernst Friedrich wollte 1924 mit seinem Buch „Krieg dem Kriege“ das wahre, grausame Gesicht des Krieges einer breiten Öffentlichkeit vor Augen führen und diese nach den Erfahrungen des ersten Weltkrieges zum Umdenken bewegen. Dass sein Versuch leider scheiterte, wissen wir aus heutiger Sicht. Trotzdem ist es wahrscheinlich vonnöten, dass Fotojournalismus und Konfliktfotografie ihr Selbstverständnis und ihre Aufgabenstellungen immer wieder neu definieren und hinterfragen. Dies tut Christoph Bangert in seiner Arbeit. Dass sie mittlerweile eher im Umfeld des Feuilletons und in Galerien zu finden ist, denn als Bebilderung politischer Leitartikel, ist eine weitere paradoxe Wendung in der gesellschaftlichen Rezeption von Kriegsfotografie und bietet für sich genommen eine satirische, wenn nicht gar zynische Qualität.

WANN: Nur noch bis zum 20. November sind Christoph Bangerts Fotografien in Nürnberg zu sehen.
WO: „Vom Lachen und vom Sterben“ wird im Glasbau des Künstlerhauses im KunstKulturQuartier, Königstraße 93, gezeigt.

Weitere Artikel aus Nürnberg