Zurück im Jugendzimmer
Teenie-Erinnerungen im Frise Künstler*innenhaus

14. September 2025 • Text von

Unter dem Titel “Das ungenutzte Jugendzimmer” widmen sich vier Künstler*innen im Frise Künstler*innenhaus den Geschichten, die in den vier Wänden eines Teenie-Zimmers hängen. Zwischen Nostalgie und Konsumkritik verhandeln sie die Bedeutung persönlicher Objekte für die eigene Identität. (Text: Jana Winnen)

jugendzimmer frise kuenstlerinnenhaus gallerytalk 1 Jasmin Schmidt
Johannes Listewnik, Jasmin Schmidt, Installationsansicht “Das ungenutzte Jugendzimmer”, Frise Künstler*innenhaus, Hamburg, 2025.

Das alte Jugendzimmer im Haus oder in der Wohnung der Eltern noch im Erwachsenenalter besuchen zu können, ist ein Privileg. Egal, ob es als Gästezimmer, Home-Gym oder Abstellkammer genutzt wird, bleibt es ein Ort, an dem unzählige Erinnerungen hängen. Hier fühlten sich Träume noch viel weniger unrealistisch an – den naiven Optimismus der Jugend gewöhnen sich die meisten mit der Zeit ab. Was bleibt, ist eine Nostalgie für vergangene Zeiten und die Konfrontation mit der Gegenwart und der Zukunft. Wie viel Bedeutung kann Gerümpel tragen? Alex Gehrke, Johannes Listewnik, Jasmin Schmidt und Josefine Schulz verwandeln das Frise Künstler*innenhaus mit der Ausstellung „Das ungenutzte Jugendzimmer“ in einen Schrein für die Vergangenheit.

Zu diesem Eindruck trägt der installative Charakter einiger Arbeiten bei. Ein modulares Regal im Mid-Century-Modern-Stil bildet den Rahmen für eine Auswahl an Gemälden und Papierarbeiten der Künstlerin Jasmin Schmidt. Zusammen entsteht aus hineingestellten und aufgehängten Arbeiten ein Interieur. Ein keilförmiges Stoffobjekt öffnet die Komposition auch in den Raum hinein. Die zusammengenähten und bemalten Streifen eines festen Lodenstoffs sorgen für eine organische, warme Oberflächenstruktur.

jugendzimmer frise kuenstlerinnenhaus gallerytalk 2 Josefine Schulz
Josefine Schulz: “Everything in between”. Installationsansicht “Das ungenutzte Jugendzimmer”, Frise Künstler*innenhaus, Hamburg, 2025.

Gefundene Materialien wie dieser Stoff bilden auch die Leinwände für Schmidts Gemälde. Wie tiefe Furchen oder Falten verlaufen die Nähte durchs Bild und werden in den Motiven aufgegriffen. Durch das Entfernen einzelner Fäden in einem teppichartigen Stoffrest entsteht in „Reader“ ein zweifarbiges Bild. Der Untergrund bestimmt hier den Inhalt. Eine überwiegend gedeckte Farbigkeit, die textile Materialität der Arbeiten und ihre Anordnung im Regal evozieren behagliche Gefühle und Assoziationen zu einer Zeit, die wohl schon länger zurückliegt als die Jugend der Künstlerin. Passend dazu handelt es sich bei dem Teakholzregal an ein Erinnerungsstück aus dem Haus ihrer Großeltern.

Um Aufbewahrtes und Übriggebliebenes drehen sich auch die Stillleben von Josefine Schulz. Das wandfüllende Triptychon „Everything in between“ zeigt, was im Jugendzimmer zurückgelassen wird. Vereinzelte Möbel, ein einsames Bild an der Wand, ein altes Kuscheltier und ein Paar glitzernde Stiefel bringen die unterschiedlichsten Versionen der Person zum Ausdruck, die mal in diesem Zimmer gelebt hat.

In ihren kleinformatigen Arbeiten öffnet die Künstlerin eine zusätzliche zeitliche Ebene. Die Seiten eines Tagebuchs, die in „Everything in between“ noch leer sind, füllt sie in „Dear Diary“ mit einem Ausschnitt aus ihrem eigenen Tagebuch, der vor jugendlicher Zuversicht strotzt, die man sich im Erwachsenenalter manchmal zurückwünscht. Eine leere Pinnwand wird in „Stronger than yesterday“ bestückt mit einer To-do-Liste, einer Postkarte und Motivationssprüchen. Der traurige Anblick eines leer geräumten Zimmers wird so doch mit Leben gefüllt. Die niedliche Ästhetik von Schulz Gemälden lässt die Motive wie ein Souvenir aus der eigenen Kindheit wirken.

jugendzimmer frise kuenstlerinnenhaus gallerytalk 4 Johannes Listewnik Alex Gehrke
Johannes Listewnik. Installationsansicht “Das ungenutzte Jugendzimmer”, Frise Künstler*innenhaus, Hamburg, 2025. // Alex Gehrke. Installationsansicht “Das ungenutzte Jugendzimmer”, Frise Künstler*innenhaus, Hamburg, 2025.

Dass “Das ungenutzte Jugendzimmer” immer auch flüchtige Lebensphasen konserviert, nahezu fossilisiert, greift Johannes Listewnik in seinen collagenartigen Wandinstallationen auf. Den großflächigen Hintergrund bilden Fotos einer alten Wohnung des Künstlers, die für ein Wohnungsinserat kurz vor einem Umzug entstanden. Der Wunsch danach, etwas Vergangenes zumindest visuell festhalten zu können, zieht sich als roter Faden auch durch die anderen Positionen der Ausstellung.

Um eine gelungene Skizze oder hastige Wörter in einem Notizbuch in ein Bild zu transformieren, macht Listewnik sich technische Druck- und Reproduktionsverfahren zunutze. Sein „Rotes Bild“ ist mit Epoxidharz überzogen, sodass die vergrößerten Kalenderseiten ihre ephemere Form verlieren und zu einem beständigen Objekt werden. Die Kombination aus einem Foto im Hintergrund und kleinerer Werke auf Keilrahmen dekoriert der Künstler hier mit kitschigen Stickern und Illustrationen. Durch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ursprungsmaterial wird es aufgewertet.

Diese Erhöhung von alltäglichen Gegenständen durch künstlerische oder emotionale Reflexion treibt Alex Gehrke in „Cosmic Era III“ auf die Spitze. Er vergrößert die Kartons von Gundam-Actionfiguren und präsentiert diese ebenfalls gestapelt auf einem Regalbrett. Auf den ersten Blick lässt sich kaum erkennen, wo die einzelnen Boxen anfangen und aufhören, das Design ist kleinteilig und überfüllt. Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass die Kartons den Rahmen für ein Video bilden – es ist auf dem Instagram-Account des Künstlers zu sehen. Eingebettet in eine Anime-Szene spricht der Künstler im Interview mit einem Kurator über seine Arbeit und gibt so einen Einblick in den Entstehungsprozess des Werks.

jugendzimmer frise kuenstlerinnenhaus gallerytalk 5 Alex Gehrke Jasmin Schmidt
Alex Gehrke “Cosmic Era III”. Installationsansicht “Das ungenutzte Jugendzimmer”, Frise Künstler*innenhaus, Hamburg, 2025. // Jasmin Schmidt. Installationsansicht “Das ungenutzte Jugendzimmer”, Frise Künstler*innenhaus, Hamburg, 2025.

Der Gang durch die Ausstellung im Frise Künstler*innenhaus weckt Erinnerungen, nicht zwangsläufig an etwas Bestimmtes, doch was zu sehen ist, wirkt vertraut. Bei den großen Unterschieden in Technik, Materialität und Schaffensprozess eint alle Positionen diese Sentimentalität. In der sanften Vertrautheit regen die Arbeiten dazu an, das Verhältnis zu Konsum, Besitz und Vergänglichkeit zu hinterfragen. Auf der Suche nach Antworten hilft vielleicht ein neuer Eintrag in das eigene Tagebuch.

WANN: Die Ausstellung “Das ungenutzte Jugendzimmer” läuft bis Sonntag, den 14. September.
WO: Frise Künstler*innenhaus, Arnoldstraße 26-30, 22765 Hamburg.

Weitere Artikel aus Hamburg