Zugänglichkeit als Konzept

Kathrin Baumstark vom Bucerius Kunst Forum

4. November 2019 • Text von

Das Bucerius Kunst Forum glänzt 2019 nicht nur mit neuen Räumlichkeiten, seit Juni hat die renommierte Hamburger Institution auch eine neue künstlerische Leiterin: Dr. Kathrin Baumstark lebt unseren Traumjob, zu dem die 36-Jährige binnen drei Jahren aufstieg. Meike und Martina haben sie auf einen Kaffee und einen Schnack in der Mittagspause getroffen.

Dr. Kathrin Baumstark, Künstlerische Leiterin © Bucerius Kunst Forum, Foto: Max Eicke

Dr. Kathrin Baumstark, Künstlerische Leiterin © Bucerius Kunst Forum, Foto: Max Eicke

gallerytalk: In bester Innenstadtlage lockt das Bucerius Kunst Forum Passant*innen und langjährige Besucher*innen. Ist Zugänglichkeit das Konzept, das gesellschaftliche Anliegen des Kunst Forums?
Kathrin Baumstark:  Ja, das ist uns ganz wichtig. Das gehört dazu und wir – Andreas Hoffmann, unser Geschäftsführer, und ich – wollen das Haus gerne noch mehr öffnen. Wenn man das alte Kunst Forum kennt, hatte das natürlich die auf den ersten Blick vielleicht prominentere Lage, aber auch etwas sehr Hermetisches: Man kam rein und musste erstmal durch mehrere Türen. Im neuen Gebäude gibt es diese Treppe, die einen im Empfang nimmt und wirklich zur Kunst führt. Dieses Offene, dieses “Kommen Sie einfach mal rein und gucken Sie”.

Spielt das Thema Offenheit und Zugänglichkeit auch in die Kuratierung der Ausstellungen hinein oder ist das allein Sache der Vermittlung?
Es hat auch etwas mit der Konzeption zu tun. Ich glaube, das merken auch die Besucherinnen und Besucher. Die sagen “Ich habe anderthalb Stunden Zeit. Die Kunsthalle ist mir zu groß, da weiß ich nicht, was ich machen soll. Aber wenn ich ins Kunst Forum komme, da werde ich mitgenommen auf eine Reise. Mir wird eine Geschichte erzählt.” Das ist unser Anspruch: dass wir alle mitnehmen können.

Eingangsfoyer © Bucerius Kunst Forum, Foto: Ulrich Perrey

Eingangsfoyer © Bucerius Kunst Forum, Foto: Ulrich Perrey

Was ist denn der Startpunkt für eine Ausstellungskonzeption? Geht das vom Werk-Korpus aus oder eher von einer intellektuellen Leitidee?
Ganz unterschiedlich. Bei unserer Zwanziger-Jahre-Ausstellung kam zum Beispiel Ulrich Pohlmann aus dem Münchner Stadtmuseum und hat gesagt “Es wurde noch nie Fotografie und Malerei der Zwanziger gegenübergestellt, das ist doch merkwürdig.” Und dann haben wir entschieden, dass wir das jetzt machen. Also so etwas gibt es, aber ich bin eher jemand, der aus dem Werk heraus arbeitet.

So ist auch die letzte Ausstellung [Anm.: Ausstellungstitel: „Here We Are Today Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst“] entstanden. Wir wollten als Eröffnung etwas Aktuelles machen und dann habe ich überlegt, was mir im Kopf herumschwirrt, welche Künstlerinnen und Künstler mich fasziniert haben, welche Werke ich in letzter Zeit gesehen habe. Wir hatten irgendwann ein Riesen-Konglomerat und daraus entwickelte sich dann ein Konzept.

Gibt es eine Epoche, eine Stilrichtung, die Sie besonders fasziniert oder findet sich das immer wieder neu?
Es findet sich wirklich immer wieder neu. Natürlich gibt es Sachen, die mich in meinem wissenschaftlichen Leben begleitet haben. Meine Magisterarbeit habe ich über Ólafur Elíasson geschrieben, ganz modern. Bei meiner Promotion bin ich aber ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit zurück. Und dann kommen auch Sachen zu dir. Die Zwanzigerjahre sind zum Beispiel für mich so ein Schlüsselmoment. Mit zehn oder elf habe ich in der Staatsgalerie Stuttgart einmal ein Dix-Gemälde gesehen. Ich weiß noch, dass ich damals dachte “ Warum hat der so gemalt?” Und: “Ja, da will ich mehr darüber wissen!”.

Andererseits kann es auch passieren, dass man erst gar keine Lust auf ein Thema hat und dann überkommt es einen und plötzlich ist man ein Fan. So ging es mir mit Paula Modersohn-Becker. Ich kannte immer nur die Biografien, die sich um sie als Frau und als früh Verstorbene drehten. Wir haben sie dann in unserer Ausstellung komplett rausgezogen aus dem Biografischen, um zu zeigen, wie früh diese Frau eigentlich ganz vorne mit dabei war. Und wo ich früher gesagt hab “Oh, Paula Modersohn-Becker” [seufzt] sage ich heute “Wow! Paula Modersohn-Becker!” [lacht]

Wie Sie auch sagten, erzählen die Ausstellungen im Kunst Forum Geschichten, und zwar mit einer klaren Struktur. Es werden Fragen nicht nur aufgeworfen, sondern auch beantwortet.
Genau, aber eben ohne erhobenen Zeigefinger. Es gibt ja auch Ausstellungen, in denen man denkt “Ja, ich weiß… Ich will selber denken!” Aber wenn man einmal in einer Ausstellung einen Moment hat, in dem man denkt: “Ach ja, so ist das!”, oder wenn man durch eine Gegenüberstellung etwas erkennt, wenn irgendetwas passiert, dann habe ich einen guten Job gemacht.

In der zeitgenössischen Kunst habe ich oft das Gefühl, das ist so ganz auf der Metaebene. Es dreht sich sehr um sich selbst. Dadurch schalten viele ab und glauben, sie könnten mit zeitgenössischer Kunst nichts anfangen, was ich schade finde. Da denke ich: “Nein, ich weiß, du könntest was mit zeitgenössischer Kunst anfangen, wenn man dich mitnimmt!” 

Wir haben hier in Hamburg ja ein sehr bürgerliches Publikum. Wie bedingen sich Stadt und Kunst Forum aus Ihrer Perspektive? 
Ich denke schon, dass Hamburg ein spezielles Publikum hat. Es ist nicht Berlin, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber wenn man sich ein bisschen umguckt, wie viele Off-Spaces es hier gibt, da ist eine Szene da, sie ist halt nur nicht so präsent. 

Ein guter Vergleich von Hamburg und Berlin ist die Anton Corbijn Ausstellung, die mein Vorgänger gemacht hat. Ungefähr die gleiche gab es auch im C/O Berlin – da war es ein Blockbuster, die Leute standen Schlange, jeden Tag. In Hamburg lief die Ausstellung gut, aber sie war keine Blockbuster-Ausstellung.

Sie waren ja früher schon Kuratorin im Kunst Forum, sind als künstlerische Leiterin aber jetzt in einer ganz neuen Rolle. Wie haben sich Ihre Aufgaben verändert?
So viel hat sich gar nicht verändert. Ich war vorher schon viel eingebunden. Es ist natürlich klar, dass es jetzt noch viel mehr organisatorische Aufgaben sind. Ich wusste aber immer, dass ich, wenn ich Direktorin werden sollte, keine bin, die nur am Schreibtisch sitzt, sondern dass ich immer noch Kuratorin bin. Denn das macht mir Spaß und ich glaube, das ist auch, was ich richtig gut kann. 

Und klar, dann sind da neue repräsentative Aufgaben – wie dass ich hier heute sitze [lacht]. Auf einmal kommen alle und wollen einem die Hand schütteln. 

Aber ich habe das beste Team der Welt. Meine Kollegen haben mir diesen Gang leicht gemacht. Dann kann man so eine Rolle auch wechseln. Und wir leben in einer Zeit, da musst du als Chefin nicht laut und streng sein, sondern kannst auch anders führen.

Trotzdem fragen sich bestimmt viele: Was sind die Umstände und die Fähigkeiten, die einen in diese Position bringen? Vor allem so schnell?
[Lacht] Man muss richtig viel Glück haben! Und zum Erfolg gehört auch, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich hatte einfach das Glück, die richtige Entscheidung zu treffen und zu sagen, ich mach nicht an der Uni weiter nach der Promotion. Dann bin ich ans Bucerius Kunst Forum gekommen und hatte da wieder Glück, weil mein Vorgänger nach Potsdam ans Museum Barberini gegangen ist und seine Stelle frei wurde und ich mich gegen andere Bewerber durchgesetzt habe.

Und dann ging es immer so weiter. Ich konnte zur richtigen Zeit mein Können unter Beweis stellen. Ich glaube, ich kann nicht viel, aber was ich kann, kann ich hier alles einbringen. Der Job verbindet einfach so viel. Das wissenschaftliche Arbeiten, das man von der Uni kennt, aber auf der anderen Seite auch was ganz Kreatives, dieses Neugierigsein, Planen, und so weiter.

Norman Rockwell: Marriage Counselor, 1963, Norman Rockwell Art Collection Trust © The Norman Rockwell Family Agency

Norman Rockwell: Marriage Counselor, 1963, Norman Rockwell Art Collection Trust © The Norman Rockwell Family Agency



„Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol“ heißt die aktuellste Ausstellung. Was erwartet die Besucher dort? 


Wir machen ganz bewusst das Feld „Amerika“ auf. Allerdings eher auf der Kunstebene, als auf der politischen Ebene. Wenn man reinkommt, das finde ich ganz schön für das Publikum, gibt es aber einen Zeitstrahl, der zeigt, was die Künstler machen und was jeweils gerade in Amerika passiert, sodass man viel in Relation setzen kann.

Ich will die vier, wie ich sie nenne, “Image Maker” zeigen, und wie sie auf unterschiedlichen Ebenen das visuelle Gedächtnis Amerikas geprägt haben und bis heute prägen. Disney zum Beispiel – ‚wenn man jemanden bitten würde „zeichne eine Figur aus Amerika“ wäre Mickey Mouse ganz vorn dabei. Und dann Norman Rockwell, auf den freue ich mich besonders. Den kennt man hier weniger, aber seine Bilder kennen alle, weil er so stark dazu beigetragen hat, dass wir so ein verherrlichendes Bild von Amerika haben.


Ein Blick in die Zukunft: Was kommt im Bucerius Kunst Forum danach? 


Es kommt ganz viel. Es wird wieder eine Antikenausstellung geben, was ich ganz klasse finde. Es gibt auch wieder eine Fotografieausstellung und dann kommt auch die Klassische Moderne wieder zu Besuch. Wir machen eine Ausstellung zu den Samurai im Sommer. Und dann zeigen wir in einem Jahr Georges Braque aus dem Centre Pompidou, das darf ich schon verraten. Ich finde es ganz toll, dass wir Braque mal aus der zweiten Reihe hervorholen und nicht nur Picasso gezeigt wird. Und Anfang nächsten Jahres ist dann David Hockney dran. Man arbeitet ja als Kuratorin immer an fünf Projekten parallel.



Ausstellungsansicht Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol Foto: Ulrich Perrey

Ausstellungsansicht Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol Foto: Ulrich Perrey

Zum Abschluss noch kurz zu den neuen Räumen: Was ist neu, was ist anders?


Im Prinzip haben wir jetzt einen einheitlichen großen Ausstellungsraum, da sind nur die Säulen, die das Ganze strukturieren und auch etwas an die alten Räume erinnern sollen. Insgesamt haben wir jetzt 200qm mehr Fläche.

Aber wir sind immer noch das Bucerius Kunst Forum, es genügt eine Stunde oder anderthalb für den Besuch. Wir haben immer noch das Prinzip eines konzentrierten Blicks. Aber die Besucherinnen und Besucher sagen schon, man könne jetzt mehr atmen. Und ich kann etwas mehr spielen, habe nicht mehr die Aufteilung der Ausstellung auf zwei Ebenen. Und dass ich die erste Ausstellung hier in den neuen Räumen machen, die Räume quasi mit Leben füllen durfte, ist einfach klasse!

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