Zu fest an der Weißwurst gezuzelt
Bayern wehrt ausländische Künstler*innen ab

20. Februar 2021 • Text von

Die bayerische Staatsregierung hat mal eben im Stillen eine Förderquote für bayerische Kunstschaffende eingeführt. Unmöglich, findet unser Autor Marian Wild. Eine sehr persönliche Polemik zur Ausländerkulturmaut.

Collage: gallerytalk.net. Bildquellen: Kunstverein München (Instagram / kunstvereinmuenchen), Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft (Instagram / kv_nuernberg), Pixabay.

Da ist das ganze Land seit Monaten im Lockdown, die Museen, Galerien und Kunstvereine liegen im Koma, ein Ende der Krise ist schwer abschätzbar. Die Regierung hat wahrscheinlich viele schlimme Dinge dadurch verhindert; dass ihre Verwaltung aber durch ein Übermaß an proaktiven, visionären Konzepten gegen die kulturelle Verödung aufgewartet hätte, kann man nun auch mit der positivsten Einstellung nicht behaupten. Ein Glück, dass die bayerische Staatsregierung das nun geändert hat, die fleißigen Beamt*innen des weltoffenen Regionalgroßgewichts (leicht interpretierte Eigenaussage) haben das Problem der Kulturbranche glücklicherweise erkannt, und es sind, was einen überraschen kann, aber nicht muss: die Ausländer.

Wie viel Arbeitsstunden bayerischer Beamt*innen sind wohl in die neue Vorgabe von Dezember 2020 geflossen, nach der die freistaatliche Kulturförderung in Zukunft nur noch kulturelle Angebote unterstützen werde, in denen eine Quote regionaler Kunstschaffenden nicht unterschritten wird? Von 66 Prozent kulturellem Biogemüse aus der bayerischen Region ist die Rede, und das ist schlicht und ergreifend eine menschliche und organisatorische Bankrotterklärung. Die bösen Ausländer*innen nehmen uns also das Kunstpublikum weg? Normalerweise ist man hier ja mit Quoten traditionell eher zurückhaltend, besonders als es um Frauenquoten in Betrieben und Chefetagen geht: Da wurde und wird immer argumentiert, man müsse die Auswahl der stärksten Bewerber*innen deren persönlicher Kompetenz überlassen, nicht dem Protektionismus.

Liebe Freistaatsmitarbeiter*innen: Wenn man A sagt, muss man halt auch B sagen. Den Eindruck zu erwecken, eine Bayernkünstler’*innenquote sei notwendig, ist nicht zuletzt auch eine Beleidigung für all die großartigen regionalen Kunstschaffenden und Kunstvereine, die diese Travestie einer Ressentimentkultur mit großer Mehrheit ablehnen. Kuratierte Ausstellungen leben essentiell von der Entscheidungsfreiheit zur besten künstlerischen Position und dem ständigen Dialog verschiedener Kulturkreise, wie der wunderbare Kulturtheoretiker Édouard Glissant so schön in seinen Aufsätzen skizziert. Den Kunstvereinen durch solche Entscheidungen indirekt diese Freiheit zu nehmen, ist mindestens kleinkariert und provinziell, dramatisch formuliert aber womöglich auch eine verfassungsrechtliche Einschränkung. Denn die Freiheit der Kunst ist im Grundgesetz nicht gerade weit hinten verankert, und man könnte wohl leicht argumentieren, dass die Sichtbarkeit von politisch unabhängigen Ausstellungen davon ebenfalls geschützt wird.

Aber das Rechtliche sollen andere beurteilen, meine Ausführung soll sich darauf beschränken, die außerordentliche Peinlichkeit dieser Ausländerkulturmaut aufzuzeigen. Hat man sich jetzt nicht genug blutige Nasen mit der auf der gleichen populistischen Idee basierenden PKW-Maut geholt und auch mehr als genug Geld damit verbrannt? Ein kleiner Bruchteil dieser unzähligen in den Kamin geschürten Millionen, klug in eine hochwertige regionale Kulturpolitik investiert, würden die vermutlich sowieso minimalen Förderbeträge für nichtbayerische Künstler*innen nicht nur augenblicklich obsolet machen, sondern wohl noch genügend finanziellen Spielraum für die Maßnahmen bieten, die momentan tatsächlich dringend wären: bedingungslose, zeitnah ausgezahlte Corona-Hilfen für Kulturschaffende zum Beispiel, oder ein Zukunftsfonds für digitale Kulturangebote. Aber man kann ja immerhin immer darauf hoffen, dass die Umsetzung dieser Erlasse irgendwann einem hochkompetenten Mitarbeiter (Andreas Scheuer) übertragen wird; der wird dann sicher alles wieder ins Lot bringen.

Bayern möchte Ausstellungen der Kunstvereine nur noch dann bezuschussen, wenn überwiegend Positionen von bayerischen Künstler*innen zu sehen sind. Betroffen sind die von uns sehr geschätzten Kunstvereine in München und Nürnberg. Gestern solidarisierten sich der Dortmunder Kunstverein sowie der Neue Aachener Kunstverein.

Wieso das vermeintliche Kunststabilisierungsprogramm eher wie eine Heimatkunst-Fördernovelle daherkommt, zeigt der Beitrag des Journalisten Tobias Krone. Ihr könnt ihn in der ARD Audiothek nachhören. Darin kommen auch Maurin Dietrich, Direktorin des Kunstvereins München, sowie Milan Ther, Direktor des Kunstvereins Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft zu Wort.