Wunder-voller Iran
"Wundern über tanawo'" Festival

19. März 2018 • Text von

Vier Tage lang waren Künstler und Kulturschaffende aus dem Iran zu Gast in Hamburg. In der Elbphilharmonie, auf Kampnagel und in der Affenfaust erforschte das Festival „wundern über tanawo'“ zeitgenössische iranische Kunst und Kultur. Wir waren dabei.

Morteza Pourhoseini

Kreuz und quer durch Hamburg verteilen sich die Locations von „wundern über tanawo‘„– und genauso vielschichtig ist das Programm des Festivals. Das Spektrum reicht von der klassischen Gruppenausstellung im weiß gestrichenen Galerieraum über jazzige Interpretationen persischer Lyrik in hanseatischer Filet-Location, DJ-Sets mit Popdiva-Soundtrack, anspruchsvollen Kurzfilmen in Clubumgebung bis hin zu zur energetischen Theaterperformance im Industrieambiente von Kampnagel.

Passend dazu präsentiert sich auch der auf den ersten Blick mysteriös anmutende Festivalname. Worüber wundern wir uns da bitte? Des Rätsels Lösung: „tanawo'“, ein Begriff aus der klassischen islamischen Erkenntnistheorie bedeutet „Vielfalt“. Und spiegelt das mannigfaltige Programm, das bewusst Fragen offenlässt und Denkanstöße provoziert, damit optimal wieder.

Auch wenn man es unmöglich schafft, diese Vielfalt in all ihren Facetten vollständig mitzuerleben, haben wir – Christina und Martina – uns in den kalten Märzwind hinausgewagt und uns zumindest einen Eindruck der Festivalhighlights verschaffen können.

Innen/Außen:Ansichten, Installationsansicht, Foto: Jim Gramming

Innen/Außen:Ansichten, Installationsansicht, Foto: Jim Gramming

Festivaleröffnung: Arshid Azarine Trio + Makan Ashgvari

Am Donnerstagabend ist das Foyer des Kleinen Saals der Elbphilharmonie pickepacke voll. Überall stehen und sitzen plaudernde Gruppen – vom Turnschuhtypen bis zum distinguierten älteren Ehepaar ist fast jeder Menschenschlag vertreten. Das Besondere: neben Deutsch ist auffällig viel Persisch zu hören. An diesem Abend wird „Wundern über tanawo“ feierlich eröffnet.

Gegeben wird iranischer Jazz vom Arshid Azarine Trio. Ihr musikalischer Ansatz ist so vielfältig, wie das gesamte Festival und scheut sich nicht, über die Grenzen der eigenen Kunstform hinauszuschauen. Auf ihrem letzten Album „7 Djan“ setzen sich die Musiker mit den Werken des Sufi-Poeten Attar auseinander.

Innen/Außen:Ansichten, Installationsansicht, Foto: Martina John

Innen/Außen:Ansichten, Installationsansicht, Foto: Martina John

Gruppenausstellung: Innen/Außen: Ansichten

Im Anschluss an den gelungenen Konzertabend zieht das Publikum weiter zur Eröffnung der Ausstellung „Innen/Außen“ in der Affenfaust Galerie. Die Gruppenausstellung mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem Iran, Europa und Afghanistan hat sich zum Ziel gesetzt, die thematischen Stränge des Festivals zusammenzuführen.

Sofort fällt die raumgreifende Installation von Anahita Asadifar ins Auge: von der Galeriedecke hängen lauter kleine Prismen, eine der drei Seiten ist mit Selbstporträts der Künstlerin versehen, auf denen sie eine überdimensionierte Maske ihres eigenen Kopfes trägt, auf den beiden anderen Seiten wird eine Momentaufnahme der Situation beschrieben. Indem sie ihre Individualität betont, erkundet sie zugleich den Blick der Gesellschaft auf sich selbst.

Auch sonst gerät in der Ausstellung immer wieder das Individuum in den Fokus, das sich in der Gesellschaft spiegelt, so wie die Gesellschaft im Einzelnen. So etwa in den filigranen Zeichnungen und Gemälden von Morteza Pourhosseini. Letztere lassen an mittelalterliche Altartafeln denken. Die Videoarbeit „Still life“ von Hoda Zarbaf kommt dabei ganz zurückhaltend ohne eigentliches Subjekt aus, während Sadra Baniasadi seine weiblichen Objekte knallig und betont sexualisiert in Szene setzt.

Papatiha Theatre Group

Theaterperformance: „Sekunden wie Jahre – Sāl Sāniye“

Überhaupt die Frau, sie scheint eine Schlüsselgestalt im aktuellen Diskurs zu sein. Nicht nur die Kunstwerke in der Affenfaust kreisen auffällig oft um sie, Hamid Pourazeri hat ein ganzes Theaterstück um die iranische Frau gestrickt. Oder vielmehr um Frauenbiografien.

Zehn junge Frauen der Pāpatīhā Theatre Group treten in „Sekunden wie Jahre – Sāl Sāniye“ auf die dunkle Bühne, marschieren durch die Halle K2 auf Kampnagel, überschütten sich mit Wasser aus Putzeimern, fegen, kochen, springen Seil, lachen, brüllen.

Mit überbordender Energie reflektieren sie Momente weiblicher Biografien und die schmerzliche Zerrissenheit zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und individuellen Bedürfnissen. Pourazeris These ist, dass alle grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen von Frauen ausgehen. Bei diesem bewegenden Theaterabend wird deutlich, wie viel Gepäck auf diesem Weg zu schultern ist.

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