Wohin die Zeit, Genosse?
Die Frage nach dem Gestern, Heute und Morgen

12. Januar 2017 • Text von

Was bedeutet es, ein Zeitgenosse zu sein? Wie lässt sich über das Hier und Jetzt reflektieren, wo wir doch gerade mittendrin stecken? Zwei Ausstellungen im Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst suchen und finden Antworten.

In unserem durch getakteten Alltag, in dem zwischen Schlafen, Essen und Arbeiten irgendwo das Leben passiert, ist es gar nicht so einfach, ein Auge auf die Zeit zu haben. Ehe man sich versieht, ist ein weiterer Tag, ein weiterer Monat, ein weiteres Jahr vorüber, die Zeit verronnen, wo ist sie nur hin? Oder vielmehr: Wo waren wir eigentlich? „How Long Is Now?“ ist deshalb eine berechtigte Frage, die die Ausstellung im Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst stellt. Zeitgenossenschaft lautet das große Thema, dem sich neun KünstlerInnen aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern versuchen: Was bedeutet es, ein Zeitgenosse zu sein? Steckt hinter dem Begriff mehr als lediglich das Verständnis, dieselbe Zeit mit einer Vielzahl anderer Individuen zu teilen? Und vor allem: Wie kann man über das Hier und Jetzt reflektieren, wenn man sich doch just in diesem Moment in ihm befindet?

15025095_1576019499090502_3510775531836590827_o

„How Long Is Now?“ (Austellungsansicht). Jeppe Hein „YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW“, 2012; Andrea Geyer „Imagine to be here, right now. #21 (Comrades of Time)“, 2011. Foto: Marko Funke, 2016.

Mit seinem eigenen „In-der-Zeit-sein“ wird man gleich zu Beginn der Ausstellung konfrontiert: Jeppe Heins – durchaus selfietauglicher – Neonschriftzug „You Are Right Here Right Now“ wirkt wie ein Weckruf, sich die eigene Präsenz im Ausstellungsraum in genau diesem Moment zu vergegenwärtigen. Auf selbigen Effekt der Bewusstwerdung zielen auch die beiden Videoarbeiten „Drop“ und „1-25“ der britischen Konzeptkünstlerin Ceal Floyer ab. In einer immer ungemütlicher werdenden Wartestarre steht man vor einem hängenden Wassertropfen und wartet sehnsüchtig auf dessen Fall. Wenn dieser dann eintritt, geschieht das allerdings so schnell, dass das Auge es kaum fassen kann. Die Flüchtigkeit des Augenblickes wird hier auf geradezu physische Art und Weise spürbar. Ungeduld packt einen auch im Angesicht der zweiten Projektion: Nacheinander werden auf schwarzem Grund die Wörter Eins bis Fünfundzwanzig sichtbar, wobei die Einblendezeit je nach Zahl variiert. So ist das Wort „Fünf“ genau fünf, „Fünfundzwanzig“ dagegen fünfundzwanzig Sekunden lang zu sehen. Die innere Unruhe, ob der man sich alsbald von den Arbeiten abwendet, könnte bezeichnender nicht sein.

15000246_1576019395757179_7742286697753621914_o

Andrea Geyer „Imagine to be here, right now. #21 (Comrades of Time)“, 2011. Courtesy: the artist, Galerie Thomas Zander, Köln.

Dass das Dasein als Zeitgenosse jedoch nicht nur ein „In-der-Zeit-sein“, sondern auch ein „Mit-der-Zeit-sein“ impliziert, wird anhand der Fotoserie „Imagen to be here, right now. (Comrades of Time)“ von Andrea Geyer deutlich. Die Aufnahmen der Künstlerin sind mit Zitaten bestückt, die allesamt von KünstlerInnen und AktivistInnen aus der Zeit der Weimarer Republik stammen. Jede Botschaft ist mit der Ansprache „Comrade“ oder „Dear Comrade of Time“ – zu deutsch: „Lieber Zeitgenosse“ – direkt an den Betrachter adressiert. Zeitgenossenschaft bedeutet hier nicht nur Zugehörigkeit zu einer bestimmten Zeit, sondern vor allem auch die aktive Gestaltung dieser. So haucht Rosa-Luxemburg nicht wenig poetisch: „[…] our dreams only prove that we know how to sleep / daylight will forever remain the school of action […]“.

15042054_1576019422423843_8875936622140119196_o

„How Long Is Now?“ (Ausstellungsansicht). Michael Rakowitz „The invisible enemy should not exist“ 2007 – ongoing; Philip Akkerman „Self-portraits“, 2006–16. Foto: Jens Ziehe, 2016.

Richtig spannend wird es aber erst, wenn der geforderte Aktionismus auch exerziert werden darf: Inmitten des Ausstellungsraumes liegen Pflastersteine verstreut, wie man sie von Baustellen oder Straßenkämpfen kennt. Zunächst einmal schleicht man fragenden Blickes um den banalen Haufen, bis man sich schließlich zum Anfassen durchringt: Und siehe da, hier hat man es nicht etwa mit Stein, sondern mit hauchdünnem, handbemaltem Porzellan zu tun. Ist diese virtuose Täuschung einmal aufgedeckt, will man eigentlich nur noch tatschen und staunen. Und genau das ist auch der Sinn der Sache, denn durch das aktive Eingreifen wird die Arbeit im Laufe der Ausstellung verändert und der Blick auf die eigene Handlungsmacht gelenkt. Zeitgenossenschaft demnach als ein Zusammenarbeiten mit der Zeit, als ein „In-ihr-Stecken“, aber auch „In-ihr-Handeln“ – das setzt nicht nur die Verortung des Selbst in der Gegenwart, sondern auch die Einbeziehung eines Davor und Dahinter, einer Vergangenheit und einer Zukunft, voraus.

static1-squarespace-com

David Claerbout „Olympia (The Real-Time Disintegration into Ruins of the Berlin Olympic Stadium over the Course of a Thousand Years)“, 2016. Courtesy: the artist and galleries Sean Kelly, New York; Esther Schipper, Berlin; and Micheline Szwajcer, Brussels. VG BILD-KUNST, Bonn, 2016.

Um sich dem Großen und Ganzen, diesem aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen gekleisterten Konstrukt, dann jedoch tatsächlich bewusst zu werden, muss man sich hinüber ins Kesselhaus begeben. Dort nämlich hat der belgische Videokünstler David Claerbout seine in jedem Sinne monumentale Arbeit „Olympia“ realisiert. Auf einer überdimensionalen Leinwand schwenkt in hypnotisierender Langsamkeit die Kamera durch einen Säulengang. Auf dem kleinen Fetzen Himmel daneben ziehen träge Wolken über ein sich wiegendes Wiesenstück. Claerbout hat das Berliner Olympiastadion digital nachgebaut und lässt dieses nun nach und nach zerfallen. Ein Ende jedoch ist nicht in Sicht: Die Echtzeit-Projektion ist auf 1000 Jahre angelegt und entzieht sich damit radikal unserer zeitlichen Wahrnehmung. Und so fühlt man sich auf einmal ganz klein, wie man da auf den Sitzkissen lungert und die Wand anstarrt. Die Frage lautet am Ende nicht mehr: „How Long Is Now?“, sondern „How Long Are We?“.

WANN: Die Ausstellung „How Long Is Now?“ im Maschinenhaus ist noch bis zum 19. Februar zu sehen. David Claerbouts Installation „Olympia“ kann im Kesselhaus bis zum 28. Mai besichtigt werden. Infos gibt’s hier.
WO: Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, 12053 Berlin.

Weitere Artikel aus Berlin