Wild Wild East
Slavs and Tatars denken Aufklärung um

29. Mai 2020 • Text von

Ihr Lieblingsklub liegt zwischen den Imperien, sie bewegen sich auf den Grenzen, und Kritik ist ihre süßeste Geliebte: Das Künstler*innenkollektiv „Slavs and Tatars“ erzählt, warum Eurasien sie so fasziniert und wie sie vom Lesekreis zur Verlagsplattform wurden.

Slavs and Tatars, Molla Nasreddin the antimodern, 2012, fibreglass, lacquer paint, steel, 180 × 180 × 80 cm. Installation view at Yinchuan Biennale, 2016.

gallerytalk.net: Wann und wie wurden „Slavs and Tatars“ gegründet?
Slavs and Tatars: Wir haben „Slavs and Tatars“ 2006 als Lesegruppe gegründet, zwei Jahre nach dem Beitritt der zehn neuen osteuropäischen Mitgliedsstaaten zur EU. Wir waren daran interessiert, andere Arten von Wissen zu erforschen, die über das, an unseren Universitäten und öffentlichen Einrichtungen, gelehrte Wissen hinausgehen. Nicht nur die Erweiterung oder Dekolonisierung des Kanons, wie er heute bekannt ist, sondern auch in Bezug auf andere Wissensbereiche: über das Analytische hinaus, um das Metaphysische, das Verdauliche, das Affektive einzubeziehen.

Wie ging es dann weiter?
In den ersten drei bis vier Jahren war unsere Tätigkeit fast ausschließlich druckbasiert, zweidimensional und, was am wichtigsten ist, umfasste Pflichtlektüre. Mit der Ausweitung unserer Arbeit auf andere Medien – Ausstellungen, Installationen, Audio-Arbeiten, Vortragsaufführungen – wurde die Position des Buches in diesem Ökosystem jedoch fragiler und wurde von anderen, eher sinnlichen und verführerischen Plattformen verdrängt. Wenn das Publikum die Möglichkeit hat, nicht zu lesen, wird es sich fast immer für diese Option entscheiden. In ähnlicher Weise tendieren die Institutionen trotz des wachsenden Interesses und der Aufträge, die in ihrem Namen erteilt werden, dazu anderen Medien den Vorrang zu geben. Und selten der Veröffentlichung oder dem kollektiven Akt des Lesens.

Slavs and Tatars, Alphabet Abdal, 2015, woolen yarn, 190 × 495 cm. Installation view at Albertinum, Dresden, 2018.
Photo Klemens Renner

Warum liegt der Schwerpunkt eurer Arbeit auf dem Gebiet Eurasien?
Welchen besseren Weg gibt es, um dem zunehmenden Nationalismus und den reduktivistischen Diskursen von heute entgegenzutreten, als eine Region zu betrachten, in der Glaubensrichtungen, Sprachen und Kulturen zusammenfielen. Nicht nur zusammenfielen, sondern auch, einander entlehnt, angeeignet und voneinander gesampelt wurden. Unsere Region – zwischen der ehemaligen Berliner Mauer und der Chinesischen Mauer – ist ein „Klub“ zwischen Imperien: zwischen Osmanen, Persern, Russen, ganz zu schweigen von Briten und Chinesen. Deshalb interessieren wir uns seit langem für die Ränder von Imperien, die Grenzen der Ideologie, die Ränder der Glaubenssysteme.

Slavs and Tatars, Gut of Gab (Ha’mann), 2018, resin, steel, 160 × 60 × 50 cm. Installation view at Kunstverein Hannover. Photo Raimund Zakowski

Was ist das Besondere an diesem Gebiet?
Ein gesundes Misstrauen gegenüber der Moderne oder dem Aufklärungsprojekt. Zum Beispiel versuchen wir, statt des klinischen, wissenschaftlichen, distanzierten Aufklärungsansatzes eher eine sehr intime Beziehung zum Material aus der Region zu haben. Eine maximalistische Intimität – wir verzichten nicht auf das Kritische, sondern stellen eine sehr schweißtreibende, sehr enge Beziehung zu ihm her, geben ihrem Material fast eine Bärenumarmung, zerbrechen das Material, ersticken das Material.

Wo liegt der Unterschied zu anderen globalen Bereichen?
Regionalismus, impliziert ein Interesse daran, Grenzen zu verwischen, zwischen Disziplinen, Kulturen, Sprachen usw. Eine Region ist notwendigerweise unordentlich: es geht um Einflusssphären. Regionen gehen über nationale Grenzen hinaus, behalten aber genug von kulturellen Besonderheiten, die in größeren Gruppierungen wie dem Globalismus oft verloren gehen.

Slavs and Tatars, To Turn, 2019, UV print, PVC, steel, 340 × 580 cm. Installation view at the 58th International Art Exhibition of the Venice Biennale, 2019. Photo Luca Giardini. Courtesy Kraupa-Tusdkany Zeidler, Berlin

Wie zeigt sich dieser Schwerpunkt in der Arbeit eures Kollektivs?
Ein sehr grundlegender Weg ist unsere mehrsprachige Arbeit und Forschung. Soweit wir wissen, sind wir die einzigen Künstler*innen, die sprachbasierte Arbeiten u.a. in Russisch, Georgisch, Persisch, Polnisch, Französisch, Deutsch, Türkisch und Englisch machen. Es genügt nicht mehr, auch nur zehn Zeitungen zu lesen, wenn sie alle in der gleichen Sprache verfasst sind. Man wird nicht mehr ausreichend zu einer bestimmten Situation lesen. Man muss auch in mehr als einer Sprache recherchieren, wie jeder Wissenschaftler sagen würde – idealerweise in einer Primärsprache und zusätzlich in der zweiten und dritten Sprache. Schließlich gibt es noch die Mischung aus hohen und tiefen Registern, aus Humor und Religiosität.

Slavs and Tatars ist nicht nur ein Kunstkollektiv – welche anderen Aktivitäten gehören dazu?
Wir sind in der Tat eine Verlagsplattform – mit bisher zehn Büchern zu einer Vielzahl von Themen, die von mittelalterlicher Ratgeberliteratur (Mirror for Princes, 2015) bis zur Sprachpolitik (Wripped Scripped, 2018) reichen, darunter die erste Übersetzung der legendären aserbaidschanischen politischen Satire (Molla Nasreddin, 2011), die jetzt in der zweiten Auflage vorliegt. Im Jahr 2018 führten wir ein Residency-Mentorship-Programm für junge Kunstschaffende aus unserer Region ein, und in diesem Sommer lancieren wir in Zusammenarbeit mit den KW Institute for Contemporary Art unsere Pickle Bar, eine slawische Version der Aperitivo-Bar mit gegorenen Produkten und Wodka anstelle von Wein und Käse. 

Mehr zu Slavs and Tatars gibts auf der Website und bei Instagram

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