Wer spricht?
Subjektivierung als Des-Identifikation

18. November 2019 • Text von

Abseits von Definitionszwängen stellt die Kuratorin Melanie Ohnemus in der Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof unterschiedliche künstlerische Strategien so zusammen, dass sich daraus ein polyphones Gespräch ergibt. Denn, so der Titel der Ausstellung: „We need more than one term for these big things!“

Yasmina Haddad Quodlibet, 2016 Foto-Collage, gerahmt, Serie von 6, 39 x 26 cm Courtesy die Künstlerin

Eine weibliche Stimme schallt durch die barocken Räume, als ich die Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof betrete. Oder sind es zwei Stimmen, die in ein Gespräch verwickelt sind? Ich folge ihnen und lande im repräsentativsten, zentralen Barocksaal, der vollkommen abgedunkelt ist. Auf zwei einander gegenübergestellten Videoscreens, zwischen die ich mich als Dritte körperlich hineinbegeben muss, wohne ich einer psychoanalytischen Sitzung bei. Abwechselnd sprechen Analysandin und Analytikerin – beide werden von Andrea Fraser dargestellt – auf jeweils einem Screen. Sie blickt direkt in die Kamera, wodurch sowohl die gegenüberliegende Leinwand als auch ich, die Betrachterin im Zwischenraum, angesprochen werden: „I have always been very ambivalent about my field, and I made a kind of career out of that […] but in the last couple of years it’s just gotten extremely difficult and […] I just don’t think that I can do it anymore…“ Ich werde gleichzeitig Adressatin als auch – im psychoanalytischen Sinne – lebende Projektionsfläche der verhandelten Konflikte zwischen Ich und Über-Ich. Andrea Frasers Videoinstallation „Projection“ dominiert akustisch alle Räume der von Melanie Ohnemus kuratierten Ausstellung und bildet ihren grundierenden Text: Ambivalenz, Zweifel, Identitätssuche und die damit einhergehende Kritik an sich selbst als Künstlerin und an Kunst als Medium und Institution. Während Zweifel und Missmut bei Fraser jedoch ihre selbstzerstörerisch-aggressive Seite zeigen, erscheint Identitätssuche in vielen anderen Exponaten als etwas Produktives und Positives. So finden wir in Louise Lawlers Fotografien keinen aggressiv exponierten Selbstbehauptungsgestus, sondern subtil schlaue Seitenhiebe auf einen männlich dominierten Kunstmarkt. Sophie Gogl lässt einen Hummer schreiben „No one cares what my Definition of ‚is‘ is“, und bezieht sich gleichzeitig auf eine Aussage von Bill Clinton während des Lewinsky-Skandals: „It depends on what the meaning of the word ‘is’ is” und betont damit die Absurdität von männlichem Machtgehabe.

© We need more than one term for these big things, kuratiert von Melanie Ohnemus, Ausstellungsansicht, Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof, Wien, 2019/2020. Foto: Till Megerle

Lange bevor Judith Butler das soziale und vor allem das sexuelle Geschlecht als gesellschaftliches Konstrukt entlarvte, entwarf die Schriftstellerin Ursula K. Le Guin eine Science Fiction Utopie, in der androgyne Wesen sich mal als Mann, mal als Frau fühlen können, meist aber als Neutrum, mal menstruieren und mal nicht. Nur für die Fortpflanzung nehmen sie vorübergehend ein Geschlecht an. Le Guin erschuf eine Welt ohne binäres Geschlechtersystem, ohne Ödipus- und Elektra Komplex. Und mehr noch: Einen Allmachtstraum nicht nur vom Ende der Binarität des menschlichen Geschlechts, sondern des Geschlechtlichen überhaupt. Ursula K. Le Guin und Donna Haraway dienen Melanie Ohnemus als Titelgeberinnen einer Ausstellung, die emanzipierte, postfeministische Positionen zusammenzubringen verspricht, in der den Meta-Diskursen des Symbolisierens und der Repräsentation und weniger den gesellschaftlichen Strukturen an sich, eine entscheidende Rolle zukommt. Es soll hier also keine retrospektiv angelegte Schau feministischer Positionen und damit Historisierung einer bereits gelungenen emanzipatorischen Bewegung präsentiert werden, sondern eine Ausstellung, die als künstlerisch inszenierte Selbstbefragung geschlechtsbedingter Selbstverständnisse zu verstehen ist.

© We need more than one term for these big things, kuratiert von Melanie Ohnemus, Ausstellungsansicht, Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof, Wien, 2019/2020. Foto: Till Megerle

Dieser postfeministischer Zugang zu einer nicht nur weiblichen Identität versucht durch eine radikale Offenheit und Zerstreutheit – ganz im Sinne der Dekonstruktion – einer definitorischen Zwangsjacke zu entkommen. Weder wird sich männliche Dominanzhaltung angeeignet, noch eine sogenannte weibliche Ästhetik beschworen. Stattdessen wird die geschlechtliche Orientierung parodistisch desorientiert, es wird mit maskulinen oder mit femininen Klischees gespielt, um ihre Machtstrukturen zu verflüssigen und abstrakt-fantastische Formen versuchen spekulative Realitäten zu bieten. Darunter sind recht plakative Arbeiten, wie Nicole Wermers feministische Rockertruppe und Lilli Thiessens Women Cave, die offenlassen, welche Weiblichkeit darin wohnt. Aber auch subtile und abstraktere Arbeiten, wie die Zeichnungen von Bonnie Camplin. Sie entwirft einen fantastischen Bilderkosmos aus mystifizierten androgynen Figuren und geometrischen Mustern. Ebenfalls rätselhaft-faszinierend sind die „Quodlibets“ genannten Fotomontagen von Yasmina Haddad, die Schönheitsideale – genauer gesagt Hair-Extensions – ziemlich raffiniert mit globalisierter Selbstausbeutung und Herrschaftsarchitektur verknüpfen. Die Parodie einer auf Sexualität fixierten Identitätssuche befindet sich im letzten Raum der Ausstellung. Ernst Yohji Jaeger bemächtigt sich auf seinem großformatigen Bild der Figur der Dorothy aus „Wizard of Oz“, die die Sehnsucht nach home, sweet home, nach Identität, verkörpert. Mit hoch erigiertem Penis schickt er sie barfuß, mit geschlossenen Augen und selig lächelnd über eine „yellow brick road“, die aus der eigenen Scheiße geformt ist – und die nicht nach Hause sondern in einen ewigen Loop des Begehrens führt.

© We need more than one term for these big things, kuratiert von Melanie Ohnemus, Ausstellungsansicht, Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof, Wien, 2019/2020. Foto: Till Megerle

Alle Exponate setzen sich mit gesellschaftlich produzierten Geschlechterbildern auseinander, nicht indem sie pauschal verworfen und in positive Gegenbilder verwandelt werden, sondern indem sie das Widersprüchliche, das noch Ungelöste, das Konfliktreiche zum Ausdruck zu bringen. Die Stärke der Ausstellung liegt genau darin: Hier wird nichts endgültig vereinbart und definiert. Quod libet.

WANN: Die Ausstellung läuft bis zum 25. Januar 2020. Vom 22. Dezember 2019 bis zum 07. Januar 2020 bleibt sie geschlossen. Am 24. und 25. Januar 2020 wird ein begleitendes Symposium stattfinden.
WO:
 Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof, Eingang Grashofgasse 3 oder Schönlaterngasse 5, Stiege 8, 1. OG 1010 Wien.

 

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