Wem gehört die Stadt?
Stadtplanung vs. Selbstorganisation

31. Juli 2019 • Text von

Die Frage nach und das Ringen um Wohnraum haben im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lange Tradition. Seit 2015 thematisiert die Dauerausstellung „Geschichte wird gemacht. Berlin am Kottbusser Tor“ im FHXB Museum Geschichte, Gegenwart und Entwicklung des Bezirks.

Geschichte(n) zum Anfassen – der Ausstellungsraum im FHXB Museum.

Etwas versteckt, und abseits des Kotti Trubels, befindet sich am Ende der Adalbertstraße das Friedrichshain-Kreuzberg Museum, kurz FHXB. Seit 2015 ist dort, in der 1. Etage, eine Dauerausstellung zum Kreuzberger Bezirks- und Gesellschaftsentwicklung zu sehen. Der Raum ist ein Miniaturabriss des Straßennetzes rund um das Kottbusser Tor, im Zentrum das 1974 fertiggestellte Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ). Wir sind also mitten drin – im Stadtbild und seiner Geschichte.

Entlang der Wände vermitteln bebilderte, übersichtliche Tafeln die Geschichte des Bezirks nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Vernichtung und Wiederaufbau, Verdrängung und Widerstand ziehen sich wie ein roter Faden durch die Kreuzberger Stadt-Geschichte der vergangenen 75 Jahre. Den diversen städtebauliche Zäsuren – der systematische Wiederaufbau im Sinne der sogenannten „gelockerten Anordnung“ (ab 1953), der Mauerbau (1961), die sogenannte „Kahlschlagsanierung“ (1963), die „Behutsame Stadterneuerung“ (1984-87), die Entscheidung des in finanzielle Bedrängnis geratenen Senats die Förderung sozialen Wohnungsbaus einzuschränken und landeseigene Wohnungsbaugesellschaften an Investorengruppen zu veräußern – stehen das Heranwachsen einer linksalternativen Szene, politischer Initiativen und eigeninitiierter Stadtplanung gegenüber. Ob Mieterprotestbewegungen nach Fertigstellung des schon damals als „menschenunwürdig“ empfundenen Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ), der Wettbewerb „Strategien für Kreuzberg“, die Kreuzberger „Instandbesetzungen“ (Hausbesetzungen mit dem erklärten Ziel, verfallende Altbauhäuser, – wohnungen wie auch Gewerbeanlagen vor dem Abriss zu retten und wieder bewohnbar zu machen), die Internationale Bauausstellung (IBA; 1984-87) – sie alle hatten gemein, den Dialog zwischen Bürger*innen und Stadtverwaltung und -planung zu stärken. Die Gewaltausschreitungen zwischen Polizei und Hausbesetzerszene in den 80er Jahren markieren dabei einen Scheidepunkt, an dem die Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Ideologien und Definitionen von Recht auf Grund und Boden offenbar werden. Heute steht die Bodenfrage aufgrund des erneuten bzw. immer noch anhaltenden städtischen Notstands wieder im Mittelpunkt politisch und medial geführter Diskussionen.

Da Stadtentwicklung nicht nur in architekturhistorischen Veränderungen zu erkennen ist, geben die Tafeln auch Auskunft über das organische Heranwachsen und den Wandel einer ursprünglich sehr heterogen gewachsenen Gesellschaft aus Handwerkern, Künstlern, Studierenden, Wehrdienstverweigern und Gastarbeiter*innen. Sukzessive Mieterhöhungen und mangelnde Alternativen an bezahlbarem Wohnraum führen langfristig zu einer Zersetzung dieser organisch gewachsenen und verschränkten Bevölkerung. Schon in den 1950er Jahren hatte man, hier wieder von städtebaulicher Seite, versucht die „Kreuzberger Mischbebauung“ mit ihrem typischen Mix aus Gewerbe, Wohnen, Industrie, Kultur und Freizeit zugunsten einer funktionellen Bezirksumgestaltung zu ersetzen.

Aus der Broschüre „Wir bauen die neue Stadt“, 1956, BA Friedrichshain-Kreuzberg.

Die Ausstellung informiert, wenn auch mit klar bestimmten Impetus. „Geschichte wird gemacht“, heißt es im Titel der Ausstellung – und die wird vor allem hier in Kreuzberg gemacht. Nicht nur einmal wird Kreuzberg als „Experimentierfeld für neue Lebensformen“ benannt. Die Kreuzberger Stadtgeschichte zeichnet sich durch einen starken Wechsel von Top-down Planung und Bottom-up Strukturen aus. Die Frage, wem die Stadt gehört und wer sie plant, wird zwar nicht nur in Kreuzberg gestellt und verhandelt, doch zeigt seine Geschichte, wie ein solcher Kampf geführt, verloren und gewonnen werden kann. Der Blick in die Vergangenheit, nicht nostalgisch, sondern investigativ, verdeutlicht den Zusammenhang dieser Entwicklungen: Die Stadt, das sind ihre Bewohner*innen, unabhängig ihres sozialen und ethnischen Milieus, die Architektur, die Gewerbe, Clubs und Lokale, Parks und Schulen – eine heterogene Mischung eben.

WANN: Das Museum hat Dienstag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr, Samstag/Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
WOFHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Adalbertstraße 95a, 10999 Berlin.

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