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„Human Interest“ bei Jochen Hempel in Berlin

9. April 2018 • Text von

Wie werden Nachrichten sinnlich vermittelt, was ist die ästhetische Qualität von Informationen? Die von der Künstlerin Jasmin Werner kuratierte Ausstellung „Human Interest“ bei Jochen Hempel in Berlin untersucht die Oberflächen zeitgenössischer Medienerzeugnisse. Text: Benedikt Seerieder

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin

Berlin, Ecke Axel-Springer-Straße. Durch die ebenerdigen Schaufenster der Galerie Jochen Hempel sehe ich einen kleinen Macht-Mann, etwa in der Mitte des Ausstellungsraums: Schlechtsitzender Anzug, schütterwerdendes Haar, arrogante Gebärde und geringschätziger Gesichtsausdruck. Ist es Trump? Nein, beim Betreten der Galerie erkenne ich Rupert Murdoch wieder, den US-amerikanischen Medienmogul. Der Künstler Bradley Davis hat ihn als Papp-Aufsteller in den Galerieraum gebracht, zu seinen Füßen aufgestapelte Zeitungen.

Diese einfache, aber prägnante Geste bildet das visuelle Zentrum der Gruppenausstellung „Human Interest“, die die Künstlerin Jasmin Werner präsentiert. Die künstlerischen Positionen vereint ihre Aufmerksamkeit für die ästhetische Erscheinung von Information. Nicht der Nachrichtenwert von Zeitungsartikeln, Video-Botschaften oder Hochglanzfotos steht hier im Vordergrund, sondern vielmehr wie sich uns Nachrichten heute sinnlich vermitteln. Das hier durchmessene Feld ist das der Boulevardmagazine- und Käseblätter, von traditionsreichen Formaten wie „Sun“ und „Bild“ bis hin zur persönlichen Meinungskundgabe auf Instagram. Die Künstler*innen hinterfragen die Erscheinung solcher „Informationen“ und die Trigger, die ins Werk gesetzt werden, damit wir auf sie anspringen.

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin

Den wahrscheinlich gegenwärtigsten Ausdruck findet Olga Pedan. Sie navigiert unkommentiert durch die Videos ihres Instagram-Feeds und spielt einzelne Beiträge ab. Die Videos zeigen die Künstlerin selbst, die in ihrer Küche Botschaften in die Kamera des Laptops spricht. Die Botschaften scheinen persönlich-emotional aber letztlich bleiben sie generisch. Dennoch werden die Videos eifrig kommentiert und geteilt. In den Kommentaren findet kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Gesprochenen statt, weil sie sich mehrheitlich auf Emojis und Phrasen beschränken. Viel eher erlauben die Beiträge eine Einschätzung des Status der Künstlerin in der jüngeren Berliner Kunstszene, denn Lokalmatadoren und Junggaleristinnen kommentieren mit. Auf diese Weise dokumentiert Olga Pedan ihre Einbindung in diese Netzwerke und reflektiert die gegenwärtige Ausprägung einer medial hervorgebrachten Aufmerksamkeitsökonomie.

Dario Wokurka erinnert daran, dass die eigene Person schon lange das Zentrum eines spezifischen Netzwerks an Nachrichten und Neuigkeiten bildet. Er überträgt die Briefkästen von bestimmten Wohnhäusern in softes Material und gibt sie gemäß den Maßgaben des Ursprungsorts in der Galerie wieder. Die Brief-Behältnisse der „Boschetsrieder Strasse 44, 81379 München“ sind nun in bunte Wachsprint-Stoffe gefasst und finden sich neben der Türe, jedoch im Inneren des Ausstellungsraums.

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin.

Die direkte Nachbarschaft der Galerie zum Hauptsitz von „Welt“, „Bild“ und „Focus“, spitzt die Auseinandersetzung mit persönlichen Interessen, Informationen und Nachrichten auf die Welt von Corporate Media zu. Das Künstler*innen-Kollektiv STUDIO FOR PROPOSITIONAL CINEMA nutzt die Glasfassade der Galerie, um Fragen und poetische Slogans an die Öffentlichkeit und in Richtung des Medienkonzerns zu richten: „… What can we built in an age of walls? What can we dissemble in an age of erosion?…“

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin.

Auch Jasmin Werners eigener Beitrag erblickt in den kalten Strategien der Medienkonzerne einen Raum für Poetisches: Die Künstlerin schafft eine semi-transparente Wandskulptur in Form einer Rose. Dafür hat sie einzelne Seiten der Bildzeitung mit Kunstharz präpariert und in die neue Gestalt gebracht. Lesbar ist das Geschriebene so freilich nicht mehr, stattdessen rekrutiert die Skulptur auf die Rosen-Allegorie zwischen sinnlicher Verführung und Verletzungsmacht. Die Mobilisierung einer derart abgeschmackten Metapher ist risikoreich. Doch gelingt es Werner, das Sinnbild nicht nur zu gebrauchen, sondern für ihre Zwecke neu zu entfalten.

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin.

Auch die Gemeinschaftsarbeit von Halvor Rønning und Martyn Reynolds wendet sich radikal der Oberfläche zeitgenössischer Medienerzeugnisse zu. Ihr zweiteiliges Wandbild setzt das vergrößerte Cover eines People-Magazins auf rosafarbene Latex-Folie. Auf der ersten Hälfte bleiben nur das Logo, Slogans und Umrissformen bestehen – das obligatorische „Hot Couple“, dass das generische Abbild eines anscheinend bekannten Hetero-Paares in der Sonne zeigt, rückt isoliert auf die komplementäre Bildhälfte. Die Zerteilung offenbart die extreme Schematisierung und letztliche Bedeutungsleere der Anordnung. Das pinke Latexmaterial unterstreicht, dass hier keine intellektuelle Annäherung stattfindet, sondern sinnliche Reize angesprochen werden sollen.

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin.

„Etwas wird sichtbar“: nämlich der Konstruktionscharakter massenmedialer (Bild-)Information und, mehr noch, die billigen Tricks, die unsere Aufmerksamkeit steuern und uns ein weiteres Mal in die Boulevardzeitung blicken oder das nächste Instagram-Video anklicken lassen. „Etwas wird sichtbar“ – dieser Ausspruch von Harun Farocki umriss zugleich das große Thema des deutschen Filmemachers. Er bemerkte sehr früh, welche Macht den Medien zuteil werden kann und begleitete sie zeitlebens, indem er versuchte, das mediale Dispositiv selbst ins Bild zu setzen. In der Ausstellung markiert sein Videobeitrag gemeinsam mit der Bildarbeit von Martha Rosler, die tatsächlich das Logo der Bildzeitung in Szene setzt, die Auseinandersetzung einer vorangegangenen Generation. Das stellt die jungen Künstler*innen in eine starke Traditionslinie.

Fotos: Jasmin Werner / Courtesy: Galerie Jochen Hempel Leipzig, Berlin.

Und was ist mit Pappaufsteller-Murdoch? Ein Blick in die Zeitungen zu seinen Füßen dokumentiert, wie der Künstler mit ihm verfahren ist: Er hat ihn ins Freie gebracht und für einen vollen Tag dort stehen lassen. Draußen in der Natur wirkt sein Aufzug nur noch kläglich.   

WANN: Nur noch bis zum 11. April zu sehen.
WO: Jochen Hempel Berlin, Lindenstrasse 34, 10969 Berlin.

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