Warschau im Visier
Polens Kunstszene zum Warsaw Gallery Weekend

24. September 2025 • Text von

Nicht alle, aber doch einige Kunstmenschen schielen derzeit auf Polen. Dort wächst die Wirtschaft, das schafft Begehrlichkeiten. Ganz unabhängig davon, ob neue Geldtöpfe aufzutun sind, entwickelt sich die Szene vor Ort. Das Warsaw Gallery Weekend bietet einen Anlass, sich Künstler:innen und Galerien in der Hauptstadt genauer anzuschauen.

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Helena Minginowicz: Śpiączka/ Coma, Akryl auf Leinwand, 100×80 cm, 2025. Courtesy of the artist and Galeria Lotna.

Im bemerkenswert fußgeräumigen Zug von Berlin nach Warschau sind Sitzplatz und eine Flasche Wasser inklusive. Hier lassen sich fünfeinhalb Stunden aushalten. Auf halber Strecke taucht ein paar Reihen vor mir der Kopf eines befreundeten Berliner Galeristen zwischen denen erwartungsfreudiger Städtereisender auf. Ob ich auch wegen Warsaw Gallery Weekend? Ja, unter anderem. Er auch? Ja, Polen sollte man ohnehin aktuell, nicht wahr? Hmm …

Ob der weich formulierte Imperativ nun aus irgendwie gearteter politischer Verantwortung, brancheninterner Solidarität oder ästhetischer Unausweichlichkeit hergeleitet worden war, wäge ich noch ab, als der Galerist schon die entscheidende Information beisteuert, die ich bei meinen Überlegungen nicht einmal gestreift hatte: Wirtschaftlich geht’s gut in Polen. Das Wirtschaftswachstum liegt über dem europäischen Durchschnitt und das seit Jahren. Ein Schelm, wer hier einen neuen Absatzmarkt vermutet.

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Installationsansicht “Soft Armatures”, Nina Paszkowski, Marta Niedbał, Eliška Konečna, eastcontemporary, Warschau, 2025. Foto: Bartosz Gorka.

Ob Polen ein Kunst-Boom bevorstehe, fragt denn auch die Plattform Artnet pünktlich zum Start des 15. Warsaw Gallery Weekend am 19. September. Wie so oft, wenn eine Überschrift ein Fragezeichen dekoriert, lautet die Antwort: Jein; die Story wäre gut, die Realität stellt sich nuancierter dar. So oder so lohnt es, einzutauchen in die erweiterte Szene einer Stadt, die sich sicherlich gern fix verankert wissen würde in den Kalendern eines internationalen Kunstpublikums.

Das Warsaw Gallery Weekend findet 2025 zum 15. Mal statt. Das Programm stemmen recht ausgewogen einerseits etablierte Galerien aus Warschau, andererseits jüngere Galerien, Institutionen und Stiftungen auch aus anderen polnischen Städten. Einige internationale Teilnehmer sind ebenfalls dabei: aus Deutschland die in Berlin ansässige Galerie Nordenhake, aus Mailand Eastcontemporary. Letztere ist spezialisiert auf Künstler:innen aus Zentral- und Osteuropa sowie weiteren Regionen, die historisch und kulturell von der ehemaligen Sowjetunion beeinflusst worden sind.

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Installationsansicht Cezary Poniatowski “Pharmakon”, Wschód, Warschau, 2025. Courtesy of the artist & Wschód.

Die klaren Frontrunner des Warschauer Kunstwochenendes finden sich rechtsseitig der Weichsel. Recht idyllisch durch ein Wohngebiet schlendert es sich von der Galeria Le Guern mit eigenem Skulpturengärtchen zu Wschód, wo alles sehr bereit für die internationale Bühne wirkt – dass die Galerie seit kurzem eine New Yorker Dependance unterhält, erscheint schlüssig.

Ihr Programm präsentiert Wschód bereits an der Fassade. Stahlstränge wuchern aus Fensterrahmen, um die Ecke des Gebäudes herum und bis auf die angrenzende Garage: eine Installation von Karolina Bielawska. Die eigentlichen Ausstellungsräume bespielt Cezary Poniatowski mit skulpturalen Arbeiten.

Poniatowski hat Teppiche mit ihrer Unterseite nach außen gerollt, zerschnitten, in kleine Würste gedreht arrangiert, mit Ohropax verziert, mit verschiedenen Belüftungselementen versehen und was man gemeinhin sonst noch alles nicht mit Teppichen anstellen sollte. Einige Werke stoßen gelegentlich Rauch aus.

Das Wohnliche, was auf dem Teppichmaterial einst stattgefunden haben mag, verbirgt der Künstler. Die weiche Oberfläche der Bodenbedecker hat er mit Muttern verschraubt oder mit Kabelbindern vernäht. Kleine Versatzstücke wie ein Miniregal, Nagelscheren oder Teesiebe lassen Geschichten aus dem häuslichen Raum imaginieren, der Künstler erzählt keine.

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Installationsansicht, Julia Woronowicz “Princess of the Three Hills”. Courtesy of WHOISPOLA (Warsaw, Poland), Foto: B. Górka.

Komplett gegensätzlich arbeitet Julia Woronowicz, die sich für ihre Ausstellungen ganze Märchen ausdenkt. Bei Whoispola in Laufnähe von Wschód erzählen ihre Malereien sowie die Mitarbeitenden proaktiv von einer jugendlichen Königin, die ihre pubertären Impulse in Einklang mit der Regentschaft bringen muss. Mit Turmfrisur und in edlem Zwirn bewässert sie bei Nacht unter den Augen der Bediensteten Gänseblümchen: drübergehockt, draufgepinkelt.

Junge Malerei hat allgemein die Nase vorn in Warschau. Helena Minginowicz beweist bei Lotna, dass ihre Arbeiten nicht nur auf Instagram hervorragend aussehen – wer noch nie ein Werk im Feed hatte, werfe den ersten Stein. Sie mischt die für sie typischen Wegwerftucharbeiten, hier hinter Schutzscheiben oder gleich frisch von der Rolle präsentiert, in gewohnter Manier mit mittel- bis großformatigen Airbrush-Szenerien auf Leinwand, in deren smoothe Oberfläche sie feine Details einarbeitet. Zum Hilferuf gekräuselte Haare zum Beispiel: SOS.

Bei Turnus, wo man im Erdgeschoss übrigens hervorragend mit „Bolek i Lolek“-Limo in buntem Mobiliar herumlungern kann, hat Ant Łakomsk Malerei zum Thema Selbstdarstellung mithilfe von Zuzanna Kozłowska ein Bühnenbild geschaffen. Die Stockholmer Galerie Coulisse zeigt unter anderem ein märchenhaftes Diptychon des in Warschau arbeitenden Duos Øleg&Kaśka in einer insgesamt malereilastigen Ausstellung. Die in Wrocław wie London ansässige Galerie Krupa zeigt ausschließlich Malerei, neben zwei wenig spannenden Positionen hervorzuheben: Marko Obradović aus Belgrad.

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Installationsansicht Roman Stańczak “New Works”, Stereo, Warschau, 2025. Foto: Błażej Pindor.

Polnische Künstler:innen, die sich bereits international einen Namen gemacht haben, finden sich über die Stadt verteilt. Stereo zeigt Roman Stańczak, der 2019 bei der Venedig-Biennale den polnischen Pavillon bespielt hat. BWA Warszawa paart die verstorbene Bildhauerin Magdalena Abakanowicz, vor ein paar Jahren mit einer Tate-Retrospektive bedacht, sehr harmonisch mit dem Nachwuchsmaler Bartłomiej Flis. Paweł Althamer hat im Garten der Galerie Raster eine rosafarbene Frauenskulptur platziert, eine seiner Mitmacharbeiten, in diesem Fall entstanden in Zusammenarbeit mit Einwohner:innen der italienischen Gemeinde Licenza.

Bei Ewa Opałka sind Arbeiten der Konzept- und Performancekünstlerin Ewa Partum zu sehen. Haar dreht sich auf einem Plattenspieler. Es geht auch um Frédéric Chopin, denn in dessen Klänge hatte Partum einst ihr Haar geschnippelt. Wer nicht über den Chopin-Flughafen angereist ist und auch kein Knöpfchen an einer der Chopin-Bänke entlang des Warschauer Königsweges gedrückt hat, kommt hier auf Umwegen zur obligatorischen Dosis Kulturheiliger.

Selbstverständlich ist während des Warschauer Kunstwochenendes auch der Wiederentdeckung einer heute wenig bekannten, dereinst jedoch richtungsweisenden Künstlerin beizuwohnen. In der Galeria Monopol können Besuchende anhand kleinerer Arbeiten und mittelambitioniert inszenierter Installationsfragmente erahnen, welche Freuden bevorstünden, würden sie etwas tiefer eintauchen in das Werk einer Frau, die im New York der 1970er-Jahre durchstartete zwischen Pop und Punk, mit viel Rüschen und Lust daran, immer wieder eine neue Persona anzunehmen: Colette Lumiere.

Im Rahmen des Warsaw Gallery Weekend sind also Künstler:innen unterschiedlicher Generationen, kultureller Hintergründe und Karrierestufen zu sehen. Einzig, so richtig politisch wird es nicht. TBA zeigt im neuen Ausstellungsraum neben dem jungen polnischen Maler Konrad Krzyżanowski Collagen von Andriy Rachinskiy aus der Ukraine. Fotos verlassener Spielplätze überlagert der Künstler, der sein Heimatland im vergangenen Jahr auf der Venedig-Biennale vertreten hat, mit Kinderreimen und historischen Cartoonfiguren. Nur 300 Kilometer östlich von Warschau grenzt Polen an die Ukraine. Eine irgendwie geartete Stimmung im Land spiegeln die Ausstellungen an diesem Wochenende nicht.

Szczur warsaw gallery weekend wgw gallerytalk
Installationsansicht “Play”, Galerie S, Kuba Stępień, Linda Lach. Foto: Klara Woźniak. // Brad Nath. Foto: Klara Woźniak.

Die Warschauer Kunstszene macht einen aufgeräumten Eindruck. Alle Orte haben einheitliche Öffnungszeiten und sind zu selbigen auch tatsächlich besetzt. Spätestens ab dem frühen Freitagnachmittag sieht man an den einschlägigen Knotenpunkten mehr Publikum mit rosafarbenem Faltplan als am Wochenende der Berlin Art Week mit dem gelb gebrandeten Orientierungsäquivalent in Nähe der Potsdamer Straße. Vielleicht wollen in Warschau mehr Menschen keinen Programmpunkt ihrer stadtweiten Kunstveranstaltung verpassen. Vielleicht sind sie sich auch einfach nicht zu cool für Faltpläne. Doch irgendwo in Warschau müsste es doch noch ein bisschen wilder zugehen, oder?

Jak Zapomnieć aus Krakau bespielt eine Altbauwohnung mit einer Duo-Show: Malerei (Kornel Leśniak), Skulptur (Karolina Jarzębak) und nicht unerheblichen Mengen Laub – ein Anfang inmitten des brav Kuratierten, wenn auch ein bisschen zu sehr Off-Space für Galerie. Experimentierfreude auch bei Szczur aus Posen, in der Gruppenausstellung „Play“, unter anderem mit Kuba Stępień und Linda Lach, darf eine Arbeit auch mal auf Knöchelhöhe hängen. Damit ist das Rad nicht neu erfunden, aber für ein bisschen Dynamik gesorgt.

Mein Warsaw Gallery Weekend beginnt unweit des Bahnhofs, in dem der Zug aus Berlin eingelaufen ist. Zu Füßen des die Stadtkulisse dominierenden Kulturpalasts, auf Gleis 3 der Metro-Station Śródmieście hat sich Śmierć Człowieka nach acht Jahren Galeriebetrieb in einem Glaskasten eingerichtet. Zu sehen sind temporär installierte Arbeiten von fünf Künstler:innen und Mosaike von Wojciech Fangor – die waren nämlich ohnehin schon dort. Sie sind, weiß man einmal Bescheid, an verschiedenen Orten in der Station zu entdecken. Es bleibt der einzige Moment an diesem Wochenende, in dem Kunst und Stadt so richtig ineinandergreifen, jedenfalls in den Augen der Außenstehenden.

Ich habe, so ist es ja immer, eine Menge mittelmäßige Ausstellungen gesehen, aber auch einige sehr gute. Irgendetwas fehlt, vielleicht ist es die Off-Szene. Inwieweit man das dem Warsaw Gallery Weekend vorwerfen kann, sei mal dahingestellt. Doch während des Wochenendes halten diverse Akteur:innen der unabhängigen, nicht-kommerziellen Kunstszene eben die Füße still. Sie warten auf Fringe – das Programm der Initiative startet nur drei Tage nach Ende des Gallery Weekends. Auch ihre Aktivitäten wären allerdings für ein einigermaßen vollständiges Bild von Warschau als Kunststandort entscheidend.

Es hilft nichts, ich muss wiederkommen. Für Fringe, gern auch fürs Warsaw Gallery Weekend. Am besten fände in einem überlappenden Zeitraum auch die fünfte Ausgabe der Hotel Warszawa Art Fair statt, die in diesem Jahr zwei Wochen vor Gallery Weekend anfing und endete. Noch Wünsche? Am Termin für die nächste „NADA Villa Warsaw“-Ausstellung will ich gar nicht rütteln, irgendwas darf auch im Frühjahr passieren. So großzügig bin ich dann schon. Danke, das wär’s.

Das Warsaw Gallery Weekend 2025 ist vorbei, doch die Ausstellungen laufen noch. Solltet ihr demnächst nach Warschau reisen, notiert euch:

Eastcontemporary (temporärer Standort): „Soft Armatures“, Nina Paszkowski, Marta Niedbał, Eliška Konečna, bis Sonntag, den 28. September, Krakowskie Przedmieście 79, 00-079 Warschau.
Wschód: Cezary Poniatowski, bis 8. November, Walecznych 38/1, 03-916 Warschau.
Whoispola: Julia Woronowicz, bis 8. November, Londyńska 13, 03-921 Warschau.
Lotna: Helena Minginowicz, bis 31. Oktober, Marszałkowska 45/49, 00-648 Warschau.
Turnus: Ant Łakomsk, bis 26. Oktober, Wolska 46/48, 01-187 Warschau.
Coulisse (temporärer Standort): „Secret Histories“, Ferdinand Evaldsson, Bartosz Kowal, Øleg&Kaśka, bis Sonntag, den 28. September, Clay.Warsaw, Wenantego Burdzińskiego 5, 00‑079 Warschau.
Krupa (temporärer Standort): „The gaze. Beyond“, Łukasz Stokłosa, Marko Obradović, Patryk Staruch, bis Sonntag, den 28. September, Krakowskie Przedmieście 79, 00-079 Warschau.
Stereo: Roman Stańczak, bis 31. Oktober, Tamka 37/1, 00-355 Warschau.
BWA Warszawa: Magdalena Abakanowicz, Bartłomiej Flis, bis 8. November, Marszałkowska 34/50, 00-554 Warschau.
Ewa Opałka: Ewa Partum, bis 9. November, Nowolipki 2, 00-160 Warschau.
Monopol: Colette Lumiere, bis 22. November, Marszałkowska 34/50, 00-552 Warschau.
TBA: Konrad Krzyżanowski, Andrii Rachynskyi, bis 1. November, Wilcza 62, 00-679 Warschau.
Jak Zapomnieć (temporärer Standort): Karolina Jarzębak, Kornel Leśniak, bis Sonntag, den 28. September, Widok 22/19, 00-023 Warschau.
Szczur (temporärer Standort): „Play“, bis Sonntag, den 28. September, Inwestycja „Na Okrzei” (Matexi), Okrzei 27, 03‑715 Warschau.
Śmierć Człowieka (temporärer Standort): „DOM – a Summary“, bis 30. Oktober, Śródmieście, Gleis 3, Aleje Jerozolimskie 50, 00-024 Warschau.