„Walking in the artist’s mind“
Ein Crash im Martin Gropius Bau

2. Oktober 2018 • Text von

Am Freitag hat im Gropius Bau „Crash“, die Ausstellung der koreanischen Künstlerin Lee Bul, eröffnet. Sie steht exemplarisch für die programmatische Ausrichtung des Ausstellungshauses, die vor allem eines will: Das Haus für Begegnungen öffnen.

Der Gropius Bau als Ort der Kunstproduktion und Kreativität soll künftig wieder im Vordergrund stehen, Foto: Christian Riis Ruggaber.

Die kuratorische Referentin Clara Meister und Isabell Ertl, die stellvertretend den Bereich Kommunikation verantwortet, haben mit uns über die Künstlerin Lee Bul, das Ausstellungsprogramm in spe für die kommenden Jahre und die Kunst, gute Ausstellungen zu machen gesprochen.

Seit Februar 2018 ist Stephanie Rosenthal Direktorin des Martin Gropius Baus. Über das Haus der Kunst in München und die Hayward Gallery in London kam sie nach Berlin. Mitgebracht hat sie eine klare Vision. Dabei will sie den Gropius Bau nicht umkrempeln, oder gar ein aus London exportiertes Geschäftsmodell implementieren – ein Vorhaben, das, wie Chris Dercons Vision der Volksbühne gezeigt hat, nicht immer und überall umsetzbar ist. Nein, Stephanie Rosenthal knüpft an die Wurzeln des Hauses an und schöpft dabei aus ihrem langjährigen Begleiten von und gemeinsamen Denken mit Künstler*innen.

Lee Buls „Crash“ ist nun die erste Ausstellung, die Stephanie Rosenthal im Martin Gropius Bau kuratierte. Die Beiden hatten schon 2016 zur Sydney Biennale zusammengearbeitet und taten es wieder für diese Schau, die Mitte dieses Jahres unter dem Titel „Crashing“ bereits in der Hayward Gallery zu sehen war. Über dreißig Jahre künstlerischen Schaffens der in Südkorea geborenen Künstlerin Lee Bul umfasst die Schau, die über das gesamte 1. Obergeschoss und im Lichthof zu sehen ist. Dabei spiegeln die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung sowohl essentielle Aspekte Rosenthals eigener Praxis als Kuratorin als auch des fortlaufenden Ausstellungsprogramms wieder.

„Ein Ort der Begegnung“

Lee Bul begann ihre Karriere Ende der 1980er Jahre. In frühen, teils sehr radikalen Performances, wie „Cravings“ oder „Abortion“, setzt sie ihren eigenen Körper ein, um aktuelle, von der öffentlichen Debatte in Südkorea exkludierte Themen wie die Definition von Geschlechterrollen, Körperoptimierung oder Abtreibung aufzuwerfen. Später verschiebt sich der Fokus weg vom eigenen Körper zu technischen Körpern, den Cyborgs, zu architektonischen Körpern in Form utopischer Stadtlandschaften, bis hin zum Körper des Betrachters, der sich durch Lee Buls immersive Rauminstallationen bewegt.

Lee Bul, „Cravings“, 1989, Performance, Jang Heung, Korea, Foto Courtesy: Studio Lee Bul.

Der Körper, insbesondere der weibliche Körper, aber auch die sinnliche Erfahrung anhand des eigenen Körpers sowie dessen Rückkopplung an seine Umgebung, finden ihre Entsprechung in der Vorstellung des Gropius Baus als offenen Begegnungsort. Damit ist zum einen natürlich die Begegnung mit der Kunst gemeint, aber auch das Ausstellungshaus als Plattform für solche Aufeinandertreffen – über Kooperationen mit anderen Institutionen und den Austausch mit und zwischen den Berliner Künstler*innen und den Berliner*innen.

„Ein Ort der Kreativität, ein Ort des Lernens“

Lee Buls Kunst ist untrennbar mit ihrer eigenen Geschichte verbunden. Sie wurde in ein geteiltes Korea geboren und ist in einem politischen System der Unterdrückung unter Präsident Park Chung-hee aufgewachsen. Auch der Übergang von Militärdiktatur zur Demokratie, die Öffnung gen Westen, hin zu Kapitalismus, Kommerz und Konsum, haben sie und ihre Kunst grundlegend geprägt. Ähnlich wie bei Louise Bourgeois ergibt sich so ein ganz existentielles Verständnis vom Kunst-Machen. Die Kunst wird Ausdruck des eigenen Überlebens und insbesondere, anders als bei Bourgeois, des Sich-Wehrens gegen ein ideologisches Regime.

Parallel dazu rücken die Geschichte des Martin Gropius Baus ebenso wie seine Architektur wieder in den Vordergrund. 1881 als Kunstgewerbeschule und -museum gegründet, ist er ein „Ort der Kreativität und ein Ort des Lernens“. Das neue Format „In House: Artist in Residence“ ergibt sich also ganz natürlich. Anfang des Jahres bezog die amerikanische Performerin und Filmemacherin Wu Tsang ihr Studio im Haus. Nächstes Jahr wird es die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga sein. Das Programm wird nicht öffentlich ausgeschrieben. Vielmehr lädt das kuratorische Team des Gropius Bau Künstler*innen zum gemeinsamen Austausch über das Haus und Ausstellungsvisionen ein. Auch die Geschichte Berlins und die außergewöhnliche Lage des Gropius Bau an der Mauer und neben der ehemaligen Gestapo-Zentrale spielen eine Rolle. Die Themen Archäologie und Ethnologie bleiben fester Bestandteil des Programms. Zuletzt soll der Lichthof wieder dauerhaft geöffnet werden und Besucher*innen unabhängig von den Ausstellungen zum Verweilen einladen.

Bisher war der imposante Lichthof im Martin Gropius Bau nur im Rahmen des Ausstellungsbesuches zugänglich, Foto: Mathias Völzke.

„Ein unterliegender Soundtrack“

Vom Bildhauereistudium zur Guerillaperformance, über Cyborgs zu dystopischen Landschaften und immersiven Rauminstallationen. Unterhalb all der so unterschiedlichen Medien und Materialien, die sich Lee Bul über die Jahre angeeignet hat, schimmert eine eigenartige, geradezu zwingende Stringenz durch ihr künstlerisches Schaffen. „Ein unterliegender Soundtrack“, wie Clara Meister es formuliert. Es geht nicht darum zu verstehen, sondern zu erleben, und eben dadurch ein Verständnis zu erlangen. So liegt die Deutungshoheit keineswegs im Kennen der Architekt*innen und Autor*innen, die Lee Bul häufig in ihren Titeln zitiert. Ihr Interesse an utopischer und dystopischer Architektur und Literatur resultiert aus dem Drang heraus zu verstehen, welche Visionen Menschen für ihre jeweilige Gegenwart hatten. Was sie angetrieben hat und welche Utopien Realität geworden sind. Literatur und Architektur verkörpern den Idealismus einer Zeit wie kein anderes Medium. Lee Buls Weltverständnis beginnt im eigenen Körper. Erst dann folgt der Kopf. Erst kommt die Begegnung, dann die Veränderung. Und es ist keineswegs so, dass ihre Kunst eindimensionale Anstöße geben würde, die Werke bleiben mehrdeutig.

Lee Bul, Ausstellungsansicht „Lee Bul: Crash“, Gropius Bau, 2018, Foto: Maxie Fischer.

Was aber steckt hinter dem Ausdruck „eine Ausstellung erleben“? Gleich zu Beginn unseres Gesprächs zeigen sich erste terminologische Schwierigkeiten mit dem Verb „erleben“. Erlebnis erinnert an Event, an Spektakel. Jedoch soll der Anspruch der Ausstellung nicht verflacht werden. Clara Meister beschreibt es so:

„Im Team des Gropius Baus sind wir überzeugt, dass so komplex oder abstrakt, politisch korrekt oder theoretisch die Kunst oder ein künstlerischer Ansatz auch sein mag, sie kann Spaß machen und erlebt werden und vielleicht kann eben dadurch ein anderes Verständnis für die Kunst entstehen.“

Im Bestfall finden wir in Ausstellungen Inspiration und Anregung zum Nachdenken – auch nach Verlassen des Ausstellungsraums. Dies geschieht am ehesten dann, wenn wir einen eigenen Bezug aufbauen – eine Begegnung, die uns weiter begleitet. Stephanie Rosenthals Ausspruch, „Walking in the artist’s mind“ ist ein Destillat dieses Anspruchs. Es geht hier um die Kunst als Ausgangspunkt und Ausdrucksmittel. Daraus ergeben sich kuratorische Fragestellungen, Begleitprogramme und Ausstellungsformate. In der Vergangenheit ist diese Reihenfolge in vielen Museen und Ausstellungshäusern oft durcheinander geraten. Der Gropius Bau versteht sich nicht als kuratorischer Spielball, sondern als Begegnungs- und Verhandlungsort aktueller und fortlaufender Fragestellungen.

Das sind viele, große Pläne. Schöne Pläne. Es bleibt dem sehr begeisterten Team des Gropius Baus nur viel Glück zu wünschen. Doch ein Plan als solcher muss auch umgesetzt und vor allem finanziert werden. „Geplant“ ist jeweils im Folgejahr der Künstlerresidenz eine Einzelpräsentation des Künstlers. Auch ist das Programm für 2019 noch nicht bekannt gegeben. Der bisherige Auftakt mit Ana Mendieta und Lee Bul ist mit zwei herausragend kraftvollen, weiblichen Positionen gelungen. Wir bleiben gespannt!

WANN: Die Ausstellung „Crash“ von Lee Bul läuft noch bis 13. Januar 2019. Das Begleitprogramm gibt es hier.
WO: Martin Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.

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