Von Wölfen und Sehnsucht nach Idylle
Gespräch mit der Malerin Kathrin Hausel

20. September 2017 • Text von

Seltsame Typen, schräge Szenerien, Momente wie aus düsteren Märchen, aber auch immer wieder Alltagsbeobachtungen, große Erzählungen – Kathrin Hausel ist Geschichten-Malerin und gibt uns einen kleinen Einblick in ihren Kosmos.

Ausstellungsansicht "Kathrin Hausel – Mata Forgana", Kulturort Badstraße 8, Fürth, 2017

Ausstellungsansicht „Kathrin Hausel – Mata Forgana“, Kulturort Badstraße 8, Fürth, 2017

Warum stehen zwei junge Kerle in Adidas-Kluft zwischen spitzen Kakteen? Was haben Wölfe mit der blutenden Nase eines Mannes zu tun? Antworten wird man von der Malerin Kathrin Hausel wohl eher nicht erhalten. Wohl aber Hinweise, Anregungen, Überlegungen zu den Geschichten, die sie in dicht gehängten Bildgruppen unterschiedlicher Größe ausbreitet. Und dann muss man schon selbst denken, das Kopfkino anschalten und sich einlassen auf die Bildwelten, die durchaus mysteriös, seltsam-düster, aber auch immer wieder beinahe liebevoll-melancholisch sein können. Uns hat Kathrin Hausel, die in Bonn studierte und erst jüngst mit dem Fürther Kulturpreis und dem SI-Kunstpreis ausgezeichnet wurde, einen bisschen mehr verraten über die Entstehung ihrer Geschichten, ihrer Malerei und warum die düstere Nacht eigentlich gar nicht so unheimlich ist.

Kathrin Hausel: "Flashed 01" und "Flashed 02", 2015, Öl, Lack auf Leinwand, je 70x60 cm

Kathrin Hausel: „Flashed 01“ und „Flashed 02“, 2015, Öl, Lack auf Leinwand, je 70×60 cm

gallerytalk.net: Du hast Deine derzeitige Ausstellung „Mata Forgana“ genannt. Was hat es mit diesem seltsamen Titel auf sich?
Kathrin Hausel: In dem Ausstellungstitel steckt natürlich „Fata Morgana“, das ist das Naheliegendste. Es gibt aber noch weitere Bedeutungen, denn „Mata“ und „Forgana“ haben jeweils auch einen Sinn. „Mata“ kommt aus dem Spanischen und heißt „Gestrüpp“, „Hain“, „Strubbelkopf“. „Matar“, als Verb, kann heißen „töten“, „umbringen“, „schlachten“, „stillen“, „löschen“, „abstempeln“, „glätten“, „vernichten“, „zugrunde richten“, „quälen“, „nerven“. Schon hier kommt eine gewisse Stimmung rüber, eher düster, gewaltig. „Forgana“ ist ein Tonikum für das zentrale Nervensystem, ein Mittel also um Nervenkrankheiten zu behandeln. Anhand dieser zwei Worte habe ich die Ausstellung konzipiert. Es geht also einerseits um etwas Gewaltiges, Gestrüpp, etwas Ursprüngliches, was man auch in der Natur findet, wie Buschwerk oder Kakteen. Aber es geht mir auch um das Abstempeln von Dingen, also darum, dass man Dinge vielleicht gar nicht mehr hinterfragt und dass man sein Bild von etwas wieder ins rechte Licht rückt. Mit dem Begriff „Forgana“ geht es auch ein bisschen um die Verrücktheit des Ganzen.

Ausstellungsansicht "Kathrin Hausel – Mata Forgana", Kulturort Badstraße 8, Fürth, 2017

Ausstellungsansicht „Kathrin Hausel – Mata Forgana“, Kulturort Badstraße 8, Fürth, 2017

Wie gehst Du konkret vor, um zu Deinen Bildideen zu gelangen?
Oft sind es Nachrichten, deren Themen ich interessant finde; oder ich lese ein Buch und merke, dass das zu dem passt, was ich momentan so um mich spüre. Eine Nachricht, die kürzlich für mich relevant war, war die Meldung, dass der Wolf wieder in Deutschland beiheimatet ist. Hier geht es stark um eine Vorstellung von „meinem Reich“, das jetzt von jemand anderem in Beschlag genommen wird. Es geht um Grenzabsteckung. Und da kommt die Frage auf, wie weit man bereit ist, sein Reich ein Stück zu öffnen, oder wie viel Platz man für sich selbst braucht. In meiner malerischen Umsetzung fängt es dann immer mit einem Bild an. Beim Thema „Wolf“ geht es auch um unser Leben mit der Natur und wie sehr wir Menschen da noch eingebunden sind – dann geht es auch schnell um etwas Archaisches, so ist dann zum Beispiel der Mann mit der blutenden Nase entstanden. Ich hangele mich dann von Bild zu Bild und muss irgendwann festlegen, wann Schluss ist. Natürlich könnten diese Themen immer weitergehen. Es entsteht sozusagen aus dieser ursprünglichen Nachricht, die in mir ein ganz bestimmtes Gefühl auslöst, eine Geschichte, wenn ich versuche, dieses Gefühl zu verbildlichen. Der Betrachter muss auch die ursprüngliche Geschichte nicht kennen, sondern darf sich seine eigene Geschichte dazu überlegen. In Ausstellungen lege ich also eine Grundstimmung fest, innerhalb der die einzelnen kleinen Episoden aber immer noch variieren können.

Kathrin Hausel: "Los caidos", 2016, Öl auf Leinwand, 110x90 cm

Kathrin Hausel: „Los caidos“, 2016, Öl auf Leinwand, 110×90 cm

Der Duktus Deiner Bilder ist oft nebulös und leicht diffus, die Szenerie manchmal in rätselhaftem Licht erleuchtet. Geht es Dir auch um ein Wechselspiel von Realität und Trugbild?
Es geht immer um die Infragestellung der Realität, um die Hinterfragung der Wirklichkeit. Mir wird oft unterstellt, dass meine Arbeiten so düster sind. Ich empfinde aber Dunkelheit nicht immer unbedingt als gruselig. Nacht hat für mich auch etwas Geheimnisvolles und kann auch etwas Beschützendes sein. Natürlich gibt es auch immer wieder Bilder, die zunächst vielleicht gruselig erscheinen, die aber vielleicht eigentlich gar nicht so gruselig sind. Unsere Vorstellung davon ist erst einmal eine Gruselige. Mir geht es auch oft um die Frage, inwieweit wir überhaupt noch Eins sind mit Natur, oder wieweit wir uns davon entfremden. Und vielleicht gibt es ja doch andere Planeten, auf denen sich der Mensch irgendwann niederlassen könnte… Manchmal darf es in meinen Bildern auch ruhig ein wenig absurd sein, es ist nicht immer alles bierernst.

Kathrin Hausel: "Show me 01", 2014, Öl auf Leinwand, 60x50 cm

Kathrin Hausel: „Show me 01“, 2014, Öl auf Leinwand, 60×50 cm

Viele Deiner Arbeiten suggerieren einen quasi fotografischen Blick in der Wahl des Ausschnitts und der Übersetzung des Motivs. Inwieweit arbeitest Du mit fotografischen Vorlagen? Fotografierst Du selbst und welche Bedeutung hat das für Dich?
Früher habe ich nur selbst fotografiert, habe mich da aber mittlerweile geöffnet und benutze auch Bilder aus dem Internet, die ich dann verändere oder anders kombiniere. Irgendwie gehört diese Bilderflut ja heute einfach dazu. Wenn ich eine Vorlage habe, entsteht bei mir meistens erst eine recht konkrete Idee, die sich während des Malens aber ändern kann. Im besten Fall schaffe ich es, dass etwas Besseres daraus wird. Im schlechtesten Fall male ich es so, wie ich es mir vorgestellt habe. Und dann ist es meistens totgemalt. Manchmal gelingt es mir, im rechten Moment zu erkennen, dass jetzt etwas aus dem Unterbewusstsein heraus entsteht, was meine ursprüngliche Idee übersteigt und besser ist.

Ausstellungsansicht "Kathrin Hausel – Mata Forgana", Kulturort Badstraße 8, Fürth, 2017

Ausstellungsansicht „Kathrin Hausel – Mata Forgana“, Kulturort Badstraße 8, Fürth, 2017

Der menschliche Körper und die menschliche Figur spielen in Deinen Arbeiten eine sehr wichtige Rolle. Allerdings verzichtest Du oft auf konkrete Gesichter. Versuchst Du bewusst, das klassische Portrait zu vermeiden?
In älteren Arbeiten habe ich oft auch Gesichter gemalt, aber dass Gesichter vermieden werden zieht sich durch, ja. Ich glaube, wenn das Bild ein eher allgemeines Gefühl widerspiegelt, zum Beispiel ein Mann in gebückter Haltung auf einem Stuhl sitzend, dann geht es nur um dieses Gefühl, das jetzt nicht speziell eine bestimmte Person hat, sondern das allgemeingültig ist. Deswegen ist es mir auch nicht wichtig, wer genau das jetzt ist.

Du arbeitest vorwiegend figürlich, plötzlich erscheinen aber zwischendurch grafische und abstrakte Elemente. Was bedeuten diese Arbeiten für Dich?
Zu viele ausgestaltete, gegenständliche Bilder sind mir manchmal zu viel. Die grafischen Elemente sind für mich etwas, das die malerischen ergänzen und vielleicht auch eine Ruhe dazu schaffen. Es ist aber auch ein Bruch. Ein Element wie ein „X“ bringt Assoziationen zu einem Verbotsschild oder etwas in der Art. Es geht also nicht nur um ästhetische Gründe, sondern für mich ist es auch für die Geschichte relevant.

Ausstellungsansicht Kunstverein Kohlenhof, 2015

Ausstellungsansicht Kunstverein Kohlenhof, 2015

Zeitgenössische Kunst wendet sich derzeit vermehrt anderen Techniken zu, wenn auch Malerei nach wie vor wichtig ist. Die pure Malerei im Jahr 2017 – ist das für sich schon ein Statement?
Früher habe ich wesentlich mehr experimentiert, habe auch installativ gearbeitet oder unterschiedliche Untergründe wie zum Beispiel Teppiche für die Malereien benutzt. Dann wurde ich immer klassischer in meinen Arbeiten. Mittlerweile gehe ich allerdings wieder eher in die entgegengesetzte Richtung, arbeite wie bei „Mata Forgana“ auch wieder installativ und habe schon überlegt, auch Film mit einzubeziehen, wenn es passt. Ich finde, das kann sich gegenseitig gut befruchten und spiegelt eine Vielschichtigkeit wider. Manchmal war mir das Ausprobieren mit anderen Materialen zu viel Effekthascherei, deswegen wollte ich lieber klassischer arbeiten, dafür aber inhaltlich an sehr aktuelle Themen gehen, die uns im Moment beschäftigen. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals ausschließlich Filme machen werde. Ich bin schon Malerin.

WANN: „Mata Forgana“ läuft noch bis zum 8. Oktober.
WO: Aktuell zeigt Kathrin Hausel ihre Arbeiten in der Fürther Badstraße 8. Auf ihrer Webseite gibt’s noch mehr zu sehen.

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