Von der Gemachtheit der Bilder
Johannes Kersting in der Galerie Evelyn Drewes

6. Juli 2018 • Text von

Nicht zuletzt durch die Triennale der Fotografie ist das Lichtbild ein Schwerpunkt dieses Hamburger Sommers. Doch neben den offiziellen Spielorten gibt es auch Positionen, die sich auf ganz eigene Weise dem Medium widmen: Johannes Kersting nutzt in seiner Arbeit Fotografie als Ausgangspunkt, gelangt aber letztlich zu medienreflexiven Aussagen über die Gemachtheit von Bildern im Allgemeinen.

Johannes Kersting: 'Bangkok Space Dance', 2018

Johannes Kersting: ‚Bangkok Space Dance‘, 2018

Über Farbe in Fotografie lässt sich streiten. Da gibt es einerseits die Puristen, die die schwarzweiße Entrücktheit feiern und zelebrieren, oder diejenigen, welche in der Becher-Tradition stehend die Kamera im allerbesten Fall bei diffusem Licht und bedecktem Himmel zücken, um ja weder Farben noch Formen zu sehr zu strapazieren. Und dann gibt es Johannes Kersting, der mit einer Selbstverständlichkeit insbesondere die leuchtendsten Farben und härtesten Schatten sucht – und genau diese auch immer findet.

Johannes Kersting: 'Red Stripe (extended)', 2018

Johannes Kersting: ‚Red Stripe (extended)‘, 2018

Vielleicht ist es grade diese formale Direktheit und Schnörkellosigkeit und dieser angenehm unaufgeregte Umgang mit Fotografie, die einen spüren lassen, dass Johannes Kersting in künstlerischer Hinsicht alles Mögliche ist, nur kein Fotograf. Seine Arbeiten sind von einer formalen Stringenz, ästhetisch, aber nie – auch im wahrsten Sinne des Wortes – oberflächlich; Johannes Kersting ist ein Forschender, der stets hinter die Oberfläche der Dinge will, indem er sich ihrer Gemachtheit bedient und diese anschließend in seinem innerbildlichen Kosmos auf spielerische Weise in neue Kontexte setzt. Dass dabei die rein formalen Oberflächen seiner Arbeiten zum allergrößten Teil Fotografien sind, ist dabei mehr Mittel zum Zweck, als wesentlicher Einsatz der fotografischen Technik um der reinen Fotografie Willen.

Johannes Kersting: 'Streifenschrein', 2018

Johannes Kersting: ‚Streifenschrein‘, 2018

„Sonderfarben“ nennt Johannes Kersting treffenderweise seine aktuelle Ausstellung in Hamburg. Und aufs Feinste eingelöst wird dieser Titel, wenn man die Ausstellungsräume in der Galerie Evelyn Drewes betritt: Sonderliche Farbkonstrukte reihen sich aneinander, brechen aus Bildflächen aus und fliegen luftballongleich auch einfach mal gen Decke davon. Strahlend bunt – und dieses Wort sei hier ausschließlich in all seinen positivsten Assoziationen eingesetzt – ist die Ausstellung und widerspricht so mit einem Schlag sämtlichen Haltungen, die in der zeitgenössischen Kunst die spröde Zurückhaltung feiern. Ein Fest der Farben, bildlich manifestiert in Kerstings Arbeit „Streifenschrein“, ist jedoch nur ein kleiner Aspekt dieser gut konzipierten Ausstellung. Lässt man sich ein auf die unterschiedlichen Bildtypen, die Kersting auffächert, werden mediale Fragen aufgeworfen, die sich nicht nur um Fotografie oder Malerei drehen, sondern um das Machen von Bildern im Allgemeinen. Wahrnehmungen werden gänzlich aufgebrochen, Sehroutinen irritiert.

Johannes Kersting: 'Air Conditioned Extended', 2018

Johannes Kersting: ‚Air Conditioned Extended‘, 2018

Was nämlich geschieht mit einer in seinem Ursprung mit lichtbildnerischen Mitteln entstandenen Fotografie, wenn man ihr die ursprüngliche Bedeutung, nämlich die Referenz an die Realität, fast zur Gänze nimmt (oder zumindest zu nehmen scheint)? Wohin führt es, wenn man auch Malerei, der in dieser Hinsicht zunächst vielleicht noch mehr Freiheit zugestanden wird, ebenso auf die Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmungskonventionen hin abklopft? Übrig bleibt schlicht: ein Bild. Und dann ist es in der Konsequenz auch nur folgerichtig, dieses von jeglichen medial-technischen Anforderungen befreite Bild auch mit freigewählten Mitteln weiterzudenken – in Kerstings Arbeiten sind das Mittel der Malerei, aber auch Bauten aus Holz, 3D-Drucke oder zuweilen auch Realelemente wie zum Beispiel Kabel.

Ausstellungsansicht 'Johannes Kersting: Sonderfarben'

Ausstellungsansicht ‚Johannes Kersting: Sonderfarben‘

Die Ergebnisse sind Arbeiten, die keine eindeutigen Einordnungen zulassen und die in beinahe gleicher Weise abgebildete Realität, konstruierte Ordnung oder fragmenthafte Montage sein können. Johannes Kersting präsentiert einen medialen Spagat, der in scheinbar spielerischer Leichtigkeit kunsttheoretische Normen sprengt, der einen rätseln, staunen, aber auch spüren lässt, wie veränderbar Wahrnehmung ist.

WANN: Sputet Euch, die Ausstellung ist nur noch bis zum 13. Juli zu sehen!
WO: Die Galerie Evelyn Drewes ist in der Burchardstraße 14, im Sprinkenhof; ein Paternoster (!) bringt Euch in den ersten Stock zur Ausstellung.

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