Virtuelles Aufbegehren
Clemens von Wedemeyer bei KOW Berlin

22. Mai 2020 • Text von

Clemens von Wedemeyer wirft in seiner virtuellen Show bei KOW Berlin einen futuristischen Blick auf das Phänomen der Menschenmasse. Werden wir zukünftig als Avatare durch virtuelle Städte marschieren und protestieren?

Auf dem Still von Clemens von Wedemeyer ist eine virtuelle Menschenmasse zu sehen.

Clemens von Wedemeyer, 70.001, 2019, video still, courtesy the artist and KOW Berlin.

In Zeiten von Quarantäne und Social Distancing überkommt einen ja fast schon ein sehnsuchtsvoller Schauer, wenn man das Wort Menschenmasse hört. Der Videokünstler und Filmemacher Clemens von Wedemeyer nimmt sich dem Phänomen nun in der Ausstellung „The Illusion of a Crowd“ bei KOW Berlin an. Ob der Krisenrealität findet diese im virtuellen White Cube statt. Das ist in doppelter Hinsicht passend, da die vier filmischen Arbeiten, die aktuell auf der Webseite der Galerie gestreamt werden können, ein ebenso komplexes wie radikales Bild von Massenbewegungen der Zukunft entwerfen.

Clemens von Wedemeyers Videoarbeit „700.001“ eignet sich bestens dazu, das Wesen der Menschenmasse bis in seine extremsten Randschichten durchzuexerzieren. Man findet sich in der virtuell nachgebauten Stadt Leipzig wieder. Anfangs sind die Straßen noch leer, doch die Stille hält nicht lange an. Schon nach ein paar Sekunden strömen erste Menschen aus verschiedenen Himmelsrichtungen ins Bild. Nach und nach befüllt ein Algorithmus die Stadt mit umherschwirrenden Avataren. Die einzelnen Körper verdichten sich zu einer grölenden Masse. Es ist Tag und es wird Nacht, die Schatten der Gebäude wandern, doch niemand geht nach Hause, es kommen nur immer mehr Avatare hinzu. Die algorithmisch gesteuerten Klone kennen keine Schlafens- oder Essenszeiten, die Zeit ist suspendiert und dem Wachstum der Masse damit keine natürliche Grenze gesetzt. Spätestens am Ende des Videos, als man aus der Vogelperspektive hinab auf die Gesichter der Avatare gleitet, erreicht das Unbehagen seinen Höhepunkt: Ihre Gesichtszüge sind nahezu identisch, ihre Blicke strahlen alle dieselbe Leere aus. Die Selbstaufgabe des Individuums ist total, man weiß nicht, zu welchem Schritt sich diese Meute als Nächstes hinreißen lässt.

Videoarbeit Clemens von Wedemeyer. Zu sehen sind virtuelle Demonstrierende vor der Kulisse von Hochhäusern und Bergen.

Clemens von Wedemeyer, Crowd Control, 2018, video still, courtesy the artist and KOW Berlin.

Von Wedemeyer macht die zerstörerische Kraft, die der Menge eingeschrieben ist, physisch spürbar. Vor allem aber weisen seine Videos auf eine Frage hinaus, die sich in der aktuellen Virusrealität mit besonderer Vehemenz stellt: Was passiert, wenn die reale Masse ausgelöscht wird und als virtueller Kollektivkörper aufersteht? Worin unterscheidet sich die virtuelle Crowd von jener auf der Straße, und lässt sich diese überhaupt noch kontrollieren

Beobachtet man den Protest, den Gruppen wie „Fridays for Future“ derzeit gezwungenermaßen im Netz organisieren, könnte man meinen, die Masse würde online ihre Wirkkraft verlieren: Ohne die aus kollektiver Bewegung und Geräuschkulisse zusammengeschmolzene Atmosphäre scheint ihr Echo nahezu unbeachtet zu verklingen. Von Wedemeyer spinnt die Virtualität jedoch viel weiter, indem er ein Szenario entwirft, in dem wir unsere persönlichen Avatare stellvertretend für uns zum Protestieren schicken. Man stelle sich vor, 200.000 Menschen würden zeitgleich ihre VR-Brillen aufsetzen und lärmend durch die virtuellen Straßen ziehen. Oder, um noch ein zweites Szenario ins Spiel zu bringen: Virenresistente humanoide Roboter, die nach unterschiedlichen menschlichen Charakteren programmiert wurden, nehmen die reale Stadt ein.  

Video von Clemens von Wedemeyer. Zu sehen sind eine Wartehalle, eine menschliche Figur, mehrere Menschen.

Clemens von Wedemeyer, Transformation Scenario, 2018, video still, courtesy the artist and KOW Berlin.

In von Wedemeyers Arbeit „Transformation Scenario“ wird diese Idee noch weiterentwickelt: Mit softer Stimme macht eine Frau den Betrachtenden ein neues Gesellschaftsmodell schmackhaft, in dem eine künstliche Intelligenz das perfekte Verhalten eines jeden Individuums bestimmt. Die Menschheit wird zu einem kollektiven Organismus, in dem die von einer KI optimierten und kontrollierten Handlungen jeder einzelnen Person zu einer einzigen gesamtgesellschaftlichen Wirkungsmacht verwoben werden. Niemand braucht mehr angesichts von Individualentscheidungen zu verzweifeln, denn die Steuerung hat längst eine höhere Macht übernommen. Eine solche maschinengesteuerte Menschheit würde sich der Kontrolle durch staatliche Organe wie Polizei und Militär vollends entziehen.

Dass diese Computersimulationen schon jetzt nutzen, um das Verhalten von Menschenmassen vorauszusehen, wird in einer weiteren Arbeit der Ausstellung, „Crowd Control“, aufgegriffen. Von Wedemeyer zeigt ein Simulationsprogramm der Polizei, das es ermöglicht unterschiedliche Modellszenarien von Massenveranstaltungen durchzuspielen und sich so bestmöglich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Videoarbeit Clemens von Wedemeyer. Zu sehen sind virtuelle Polizist*innen und Demonstrierende.

Clemens von Wedemeyer, Crowd Control, 2018, video still, courtesy the artist and KOW Berlin.

Es sind viele Fragen, die von Wedemeyers Ausstellung bei KOW aufwirft, und die doch alle in einem Punkt fusionieren: Was bedeutet es, wenn sich unser Leben – wie es derzeit schon in vielerlei Hinsicht passiert – immer mehr ins Virtuelle verlagert und dadurch eine neuartige Art der Massenbewegung entsteht? Eine, die zugleich unkontrollierbar durch den Menschen selbst, dafür modelliert durch eine vermeintlich unfehlbare technologische Hoheit ist? Folgt man der Frauenstimme in „Transformation Scenario“ wäre eine solche Zukunft verheißungsvoll – menschliches Versagen zumindest wäre ausgeschlossen. Und doch schwingt den Arbeiten in ihrer Gesamtheit am Ende ein eher mahnender Unterton bei: Gäben wir unsere Macht an eine Maschine ab, würde wir uns denn auch das Recht, die eigene Stimme zu erheben und Veränderung einzufordern, ein für alle Mal entziehen.

WANN: Die Ausstellung „The Illusion of a Crowd“ läuft noch bis Sonntag, den 31. Mai.
WO: Online via KOW Berlin.

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