Verwandelt kehr' ich als dieselbe wieder
Alicja Kwade im Haus am Waldsee

30. September 2015 • Text von

Kultur trifft auf Natur, das vom Menschen Geschaffene steht seiner natürlichen Vorlage gegenüber. Dieser fundamentale Gegensatz der Welt, in der wir leben, ist selten so offensichtlich wie in Alicja Kwades Einzelausstellung im Haus am Waldsee.

Die Anreise fühlt sich an wie ein Prolog zu dem Monolog aus dem 11.Stock. Um sein kulturelles Interesse auszuleben, verlässt der Großstädter die Innenstadt und staunt bei seiner Ankunft über die Ruhe und Idylle von Berlin-Zehlendorf – ein Stück Natur. Ein kleines Häuschen, ein großer Garten, strahlender Sonnenschein. Alicja Kwade negiert diesen Eindruck des Ursprünglichen und Unberührten, indem sie das Innere des Hauses am Waldsee in eine White Cube verwandelt. Die weißen Wände werden durch das einfallende Sonnenlicht grell erleuchtet und der graue Boden ist klinisch sauber. Die Besucher/innen werden gebeten, ihre Straßenschuhe mit Stoffüberziehern zu bedecken, damit das Draußen nicht nach Drinnen getragen wird. Während den Ausstellungsräumen der Charakter eines wissenschaftlichen Laboratoriums anhaftet, scheint das Haus dagegen aufzubegehren. In den fast leeren Räumen werden Fenster, Türen und Heizkörper wie die eigentlichen Kunstobjekte zu Protagonisten der Geschichte, die Alicja Kwade hier erzählen will.

Alicja Kwade: „Monolog vom 11.Stock“, Installationsansicht. Haus am Waldsee, 2015, Foto: Roman März.

Vielleicht erinnern die Ausstellungsräume mit Absicht an ein Labor, denn die Exponate sind eine Übersetzung von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen in die Sprache der Kunst. Die begleitenden Texte verweisen auf Raum-Zeit-Krümmung, Zwillingparadoxa und sogenannte Wurmlöcher. Willkürlich erscheinende Formen visualisieren die Erkenntnisse von Physikern, deren Namen jedem Geisteswissenschaftler kalten Schweiß über den Rücken laufen lassen. Diese Form und Bedeutung verleihenden Bezüge sind aber weder belehrend, noch erklärend. Im Gegenteil – Alicja Kwade verwandelt sie in wunderschöne Objekte.

Alicja Kwade „Stellar Day (23 Stunden, 56 Minuten, 4,099 Sekunden)“ 2015. Foto: Gion Pfander. Courtesy: Alicja Kwade, KÖNIG GALERIE.

Die Materialität der ausgestellten Kunstwerke entspricht dem Zeitgeist: Spiegel, Kupfer, Äste und altmodische Türen. In dieser Verbindung von konkreten naturwissenschaftlichen Referenzen und der Ästhetik des urbanen Hipsters liegt die Stärke der Kunst von Alicja Kwade. Nur weil wir Vertrautes sehen, sind wir bereit uns mit dem Abstrakten auseinanderzusetzen, was uns die Künstlerin nahe bringen will. So verhält es sich zum Beispiel mit einer spiralförmig um die eigene Achse gebogenen Tür, welche den lateinischen Titel „Eadem Mitata Resurgo 3“ trägt. Es ist die Tür aus jeder Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg und gleichzeitig aus keiner, weil sie sich wie eine Schnecke eingekringelt hat. Die Tür steht frei, sie ist nichtmehr von der Wand abhängig und hat damit auch ihre teilende und trennende Funktion aufgegeben. Der Experimentalphysiker Jacob Bernoulli erkannte, dass die Natur Spiralverläufe nach logarithmischen Reihen bildet. Alicja Kwade wandt eben diese Form der Natur auf ein Objekt an, welches nicht nur von Menschen geschaffen ist, sondern dessen Notwendigkeit allein durch unsere Kulturform bedingt ist.

Alicja Kwade „Ast/AntiAst 2 tbd“, 2014. Foto: Roman März. Courtesy: Alicja Kwade, KÖNIG GALERIE.

Das Thema der Doppelung, der Existenz von zwei identischen Gegenständen, durchzieht die ganze Ausstellung. Auf der einen Seite überrascht die Ähnlichkeit von zwei Fotografien, die doch nicht dieselbe Person zeigen, auf der anderen Seite die Verschiedenartigkeit von zwei Handschriften, die derselben Person gehören. Diese illusionistischen Arbeiten stehen Objekten aus der Natur gegenüber. Wie die Minimal Art im 20.Jahrhundert lehnen zwei Äste an der Wand. Es sind die einzigen wirklich identischen Gegenstände und erneut scheint die Schöpfung der Natur der des Menschen überlegen. Alicja Kwade erlaubt uns die Differenz davon zu sehen, was wir gewohnt sind für die Realität zu halten und der Realität an sich. Es geht um Schwerkraft, wenn eine zerbrechende Vase im freien Fall abgebildet ist. Es geht um Raum, wenn das Treppengeländer aus der Wand kommt oder der Spiegel wie Dalís Uhren von der Wand auf den Boden zu fließen scheint.

Unsere Abhängigkeit von Konstrukten, die unsere Wirklichkeit bestimmen, zeigt sich vor allem in der Reaktion der Betrachter/innen auf die von der Künstlerin manipulierten Uhren. Das Ticken der Wanduhr erfüllt den ganzen ersten Ausstellungsraum, man blickt nach oben und alle Zeiger stehen still. Wenn man das nächste Mal auf die Uhr sieht, rast der Minutenzeiger über das Ziffernblatt. In der oberen Etage hängen drei Uhren, die ebenso mahnend und unermüdlich ticken, doch ihr Ziffernblatt ist von einem konvexen Spiegel verdeckt, indem man den gesamten Raum hinter seinem Rücken sehen kann. Der Blick auf die Uhr verspricht uns die Zeit anzuzeigen, stattdessen nehmen wir den Raum wahr. Doch beides ist unsichtbar, nur erfassbar durch die Regeln, denen wir die Zeit unterworfen haben, und durch die Wände, mit denen wir den Raum begrenzen. Raum und Zeit sind keine Konstanten, sagte Einstein. Die Kunst von Alicja Kwade hat mich zum ersten Mal begreifen lassen, was er damit meint.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. November 2015.
WO: Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, 14163 Berlin.

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