Unter die Haut
Francesco Cascavilla gibt preis

26. August 2016 • Text von

In Francesco Cascavillas Arbeiten machen sich sowohl Fotograf als auch Model nackig. Nein, nicht wortwörtlich, sondern emotional. Wir haben mit dem italienischen Jungfotografen über Intimität, Verletzlichkeit und die Kunst der Selbstakzeptanz gesprochen.

Francescos Studio liegt unweit des Kottbusser Tors in einem Hinterhaus in der Adalbertstraße verborgen. Bevor es ans Eingemachte geht, wird erst mal Lunch bei Maroush eingesackt: Einmal Magali-Haloumi im Brot bitte, wir sind hier  schließlich in Kreuzberg. Mit erhöhtem Blutzuckerspiegel geht es anschließend ins Studio und an die Arbeit, die denn da so aussieht: Plauschen auf Couch mit Schokolade und Mate. Kaum ist die erste Frage gefallen, wird klar: Hier hat sich jemand nicht nur sehr intensiv mit Fotografie, sondern auch mit sich selbst auseinandergesetzt.

gallerytalk.net: Francesco, warum Fotografie?
Francesco Cascavilla: Mir ging es nie nur um Fotografie an sich, sondern vielmehr darum, meinen Emotionen und Gedanken durch das Festhalten eines bestimmten Augenblickes Ausdruck zu verleihen. Als ich das erste Mal eine Kamera in den Händen hielt, war ich 19 Jahre alt. Eine Leidenschaft für visuelle Dinge habe ich allerdings schon immer gehegt – bevor ich mit dem Fotografieren anfing, habe ich zunächst Malerei und Zeichnen studiert und einige Jahre als Make-up Artist gearbeitet. Was mich an Fotografie vom ersten Moment an fasziniert hat, ist die Verbindung, die zwischen mir, dem Fotografen, und der fotografierten Person entsteht. Im Grunde genommen ist es das, was Fotografie für mich ausmacht: die Magie zwischen mir und der Person vor der Kamera.

Francesco in seinem Studio. Courtesy: Francesco Cascavilla.

Francesco in seinem Studio. Courtesy: Francesco Cascavilla.

Aus deinen Bildern spricht oft eine große Intimität. Die Menschen, die du fotografierst, zeigen sich meist von einer verletzlichen, angreifbaren Seite. Wie schaffst du es, den Gefühlen anderer so nah zu kommen?
Die Person, die ich fotografiere, muss mir vertrauen, das ist das Allerwichtigste. Ich versuche immer ein Umfeld zu schaffen, in dem das Model sich wohlfühlt. Schon vor dem Shooting verbringe ich deshalb Zeit mit der Person und rede mit ihr. Eine Verbindung entsteht also quasi schon, bevor ich überhaupt mit dem Fotografieren anfange.

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Porträt Alexander. Courtesy: Francesco Cascavilla.

Du sagst, deine Bilder seien nicht Abbild der Realität, sondern vielmehr visueller Ausdruck von Etwas, das im Inneren schlummert. Kannst du uns das erklären?
Fotografie ist für mich ein Instrument, mit meiner eigenen Gefühlswelt in Berührung zu kommen, sie zu enthüllen, zu erforschen und auszudrücken. Meine Bilder sind eine Projektion dieses inneren Kosmos, weshalb ihnen oft auch etwas sehr Melancholisches, Trauriges anhaftet. Diese Emotionen bilden einen Teil von mir und sie müssen zum Ausdruck kommen. Fotografie ist meine Art, mich mit diesem Teil auseinanderzusetzen. Gewissermaßen lasse ich dem verletzen Kind in mir die Aufmerksamkeit zukommen, die es verdient.

Und was ist mit den Emotionen des Models? Fließen die auch in das Bild mit ein?
Die Gefühle beider Subjekte spielen eine bedeutende Rolle. Ein Porträt beispielsweise ist nie nur mein Porträt oder das der fotografierten Person – vielmehr entsteht es aus einem Dialog zwischen uns beiden. Meine eigenen Emotionen spiegeln sich natürlich sehr deutlich in meinen Arbeiten wider. Zugleich jedoch trägt immer auch die andere Person etwas Tiefgründiges, Emotionales zu dem Bild bei. Ich dränge meine Modelle allerdings nicht zu diesem Punkt; vielmehr lade ich sie dazu ein, mir zu folgen. An dem Ort, an den wir uns gemeinsam begeben, liegt immer etwas Trauriges, zugleich jedoch auch sehr Aufrichtiges verborgen. Gemeinsam öffnen wir die Tür zu dieser Gefühlswelt, die in der Gesellschaft, in der wir leben, leider oft verschlossen bleibt.

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Porträt Ambra. Courtesy: Francesco Cascavilla.

Du bist viel im Bereich der Fashion-Fotografie tätig, realisiert zugleich aber auch künstlerische Projekte. Wie unterschiedlich sind die beiden Ansätze?
Um ehrlich zu sein – für mich gibt es da keinen großen Unterschied. Genauso wie man gute und schlechte Fashion-Fotografie findet, findet man auch gute und schlechte künstlerische Fotografie. Leider haben viele Leute einen sehr negativen Blick auf die Fashionwelt – die Bilder werden meist als oberflächlich und trivial geächtet. Dabei sind Kunst oder Fashion nur die Rahmen, es kommt darauf an, mit was du sie füllst. Schlussendlich hängt alles vom individuellen Ansatz des Fotografen ab.

Aber ist es nicht schwierig an diesem individuellen Ansatz festzuhalten, wenn du beispielsweise ein kommerzielles Projekt realisierst und der Auftraggeber eine bestimmte Vorstellung von dem Resultat hat?
Für mich ist ein Fashion Shooting eine Teamarbeit. Anstelle eines Machthabers lassen viele verschiedene Personen ihre Kreativität und ihr Talent in den Arbeitsprozess einfließen. Vor einiger Zeit habe ich mal ein Interview mit dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman gesehen, in dem dieser sagte, dass bei einem Filmdreh die Meinung jeder einzelnen Person vor der Kamera zählt. Ich glaube sehr fest daran, dass jede einzelne Person etwas zu sagen hat. Man muss nur sein Ego hinten anstellen und zuhören.

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Aus der Serie „After the night“. Courtesy: Francesco Cascavilla.

Im Juni würde deine Serie „Between you and me“ im Rahmen einer Gruppenausstellung in der Ballery gezeigt. Was hat es damit auf sich?
In der Serie „Between you and me“ wird Intimität als eigentliches Thema untersucht. Ausschlaggebend für das Projekt war eine Trennung, die mich über die Bedeutung des Wortes hat nachdenken lassen. Was bedeutet es intim mit einer Person zu sein? Intimität ist etwas, wonach wir uns alle sehnen, zugleich jedoch bringt sie immer das Risiko einer Verletzung mit sich. In der Serie wollte ich genau diese gefährlich Schönheit des Verbundenseins einfangen. Auf einem der Bilder ist beispielsweise ein junger Mann abgebildet, um dessen Hals zwei Hände liegen. Der Betrachter weiß allerdings nicht, ob diese Hände einem Freund oder einem Feind gehören, ob sie behutsam oder grausam sind.

Wenn du zurückblickst – gibt es einen Rat, der dir geholfen hätte, hättest du ihn schon früher zu Ohren bekommen?
Habe keine Angst davor, du selbst zu sein. Meine künstlerische Identität ist auf meiner persönlichen Identität gewachsen und nur wenn ich mich selbst vollkommen akzeptiere, habe ich die Möglichkeit mich auszudrücken und einen individuellen Ansatz herauszubilden.

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Aus der Serie „Between you and me“. Courtesy: Francesco Cascavilla.

Und zum Schluss mal nach vorne schauen – was hast du in Zukunft so vor?
Ich denke, für mich ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um einfach mal loszulassen und mir keine Gedanken mehr über anderer Leute Meinung zu machen. Ich war immer auf ein bestimmtes Ziel fokussiert und habe dabei den Weg aus den Augen verloren. Inzwischen habe ich für mich begriffen, dass zu viel Fokus blind machen kann. Deshalb möchte ich meine Ängste überwinden und mich einfach auf alles einlassen, was die Zukunft so bringt. Ich habe keine Ahnung, wohin diese Reise mich führt und das ist gleichermaßen aufregend wie auch beängstigend.

Francescos Arbeiten könnt ihr euch auf seiner Webseite oder bei Instagram ansehen.

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