Österreich, auf den Punkt gebracht
Vier konkrete Künstler aus zwei Generationen stellen im Kunstkontor aus

16. Juni 2020 • Text von

In den minimalistisch ausgebauten, historischen Räumen des Kunstkontors in der Füll in Nürnberg ist mit der Ausstellung „Tu felix Austria …“ ein Ort entstanden, der an die glorreiche konkrete Tradition Nürnbergs anknüpft.

Links: Raum mit Tür rechts und Arbeiten von Michael Kos. Rechts: Raum mit Tür rechts und Arbeiten von Michael Kos.

Blick in die Ausstellung: Arbeiten von Michael Kos © the artists, Foto: designarchitektur. // Blick in die Ausstellung: Plastiken von Michael Kos und Bilder von Richard Kaplenig © the artists, Foto: designarchitektur.

„Warum flickt man einen Stein?“, könnte der aufgeschlossene Galeriebesucher sich von Angesicht zu Angesicht mit den surreal-reduzierten Plastiken von Michael Kos fragen. In der Tat geben die Objekte einige weitere Rätsel auf, die exemplarisch auch Fragen an die gesamte konkrete Kunst sein können: Was genau wird hier mit dickem Seil repariert? Der Findling scheint abgesehen von den Nähten intakt. Wie wurde der Stein genäht? Eine Nähnadel kann das massive Gestein nicht durchstoßen. Und, nach etwas längerem Nachdenken: Ist das überhaupt ein ganz normaler Findling, der da vor uns liegt? Die Beschriftung gibt Auskunft. Material: Findling und Gummi.

Konkrete Kunst ist ein weiter und vielfältig entwickelter Kosmos, der in Österreich schon seit Längerem eine größere Beachtung erfährt als in Deutschland. Umso erfreulicher ist es, dass im Kunstkontor eine städtische Tradition wieder aufscheint, war es doch die Stadt Nürnberg, in der in den 1980er Jahren durch den stilprägenden Künstler Diet Sayler die Ausstellungsreihe „konkret“ mit internationalen Größen wie Dan Flavin, Ellsworth Kelly, François Morellet und Jesús Rafael Soto durchgeführt wurde.

Drei Arbeiten von Gerhard Frömel

Gerhard Frömel, „zusammengetrennt“, 2020; Raumkörper Sechseck, 2019; „fliegende Flächen 2“, 2013 © the artists, Foto: designarchitektur

Konkrete Kunst erzählt einfach nur von dem, was sie ist. Das ist als Erklärung gleichsam poetisch und wenig hilfreich, übertragen auf die Findlinge wird das Konzept aber sehr greifbar. Der Granitstein ist ein Stein, das Gummiseil ist ein Seil. Die Kombination aus elastisch und hart, massig und lang, grau und schwarz, glänzend und stumpf, ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, das neben der erzählerischen Ebene für sich steht.

Das Kunstkontor hat vier konkrete Spitzenkünstler aus zwei Generationen versammelt. Die Altmeister Hellmut Bruch und Gerhard Frömel sind Mitglieder der Künstlervereinigung MAERZ und im äußerst vitalen Alter von 79 und 84 Jahren Zentren der konkreten Bewegung in Österreich. Die beiden Jungspunde Michael Kos und Richard Kaplenig sind mit 56 und 57 Jahren Vertreter einer deutlich erzählenderen konkreten Arbeitsweise.

Bild von Richard Kaplenig an Wandpfeiler

Richard Kaplenig, o. T., 2019 © the artists, Foto: designarchitektur

Die mal abstrakteren, mal figürlicheren Gemälde von Richard Kaplenig zeigen einfach Dinge. Es sind Dinge mit Oberflächen, in diesem Fall gemalte Oberflächen. Die Farbe wird zum Metall oder Glas. In den hinterleuchteten Acrylglasscheiben von Hellmut Bruch ist es die Farbe selber, die zum Licht wird und in verschiedenen Intensitäten durch die bearbeitete Fläche scheint. Die abstrakten Geometrien werden zu stilisierten Wolkenformationen oder Horizonten.

Wand mit drei Akrylbildern von Hellmut Bruch im Vordergrund

Hellmut Bruch, Variationen zu „Hommage a Malewitsch“, 2016, fluores Acrylglas, gerahmt (vorne) © the artist, Foto: designarchitektur

Räume entstehen ganz besonders in den kompakten geometrischen Vielecken von Gerhard Frömel, dessen Ausbildung als Schildermaler begann, was schon für sich ein poetisches Detail ist: Die größtenteils unbunten Formen fügen sich im Kopf des Betrachters zu dreidimensionalen Gebilden, schattenwerfenden schwarzen Scheiben oder verdrehten Würfeln. In den vier hochwertigen Aspekten der österreichischen konkreten Kunst wird deutlich: Sie ist als Kunstgattung eine eigene Sprache der Erfahrung und Schönheit, die mit eigenen Methoden gemessen werden muss, um ihre Kraft zu entfalten. Im Kunstkontor bietet sich die Gelegenheit.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum Sonntag, den 26. Juli. Geöffnet freitags von 16 bis 20 Uhr, samstags von 12 bis 19 Uhr & sonntags von 15 bis 18 Uhr, sowie nach Anmeldung unter 0179 – 811 48 25 oder info@kunstkontor-nürnberg.de.
WO: KunstKontor Nürnberg – Galerie Claudia Jennewein, Füll 12, 90403 Nürnberg.

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