Schöner Schein
Troika bei Max Goelitz

29. September 2025 • Text von

Die Künstler:innengruppe Troika versucht die Betrachter:innen in ihrer Einzelausstellung “deception island” hinters Licht zu führen. Illusionistische Bilder erkunden die Grenze zwischen Realität und Konstruktion. Mit Pflanzen aus Metall, ausgestorbenen Kakteen in antarktischem Eis und verpixelten Wüstenaufnahmen bespielen Troika die neuen Räumlichkeiten von Max Goelitz.

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Installation view, Troika, deception island, 2025, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists. Photo: Dirk Tacke.

Eine der südlichen Shetlandinseln, Teil der subantarktischen Inselgruppe, birgt ein Geheimnis, das unterhalb der Wasseroberfläche schlummert – eine antarktische Vulkaninsel, deren Krater unsichtbar unter Wasser liegt. Die trügerische Insel trägt den Namen “Deception Island” und ist titelgebend für Troikas Einzelausstellung bei Max Goelitz. Die Künstler:innengruppe greift die Insel in ihrer neuen Werkserie “Out of Place, Out of Time” auf. Die großformatige Schwarz-Weiß-Fotografie “Out of Place, Out of Time (Deception Island)” zeigt eine karge, schneebedeckte Landschaft. Ein großer Fels spiegelt sich in der Wasseroberfläche, die den unteren Bereich der Abbildung einnimmt. Mittig platziert thront eine Pflanze, deren Anblick in der kalten Umgebung irritiert: ein Kaktus. 

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Installation view, Troika, deception island, 2025, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists. Photo: Dirk Tacke. // Troika,
Out of Place, Out of Time, 2025, Palladium Platinum print on Tosa Washi paper, 185 x 145 x 4 cm, Ed. 1/3 + 1 AP, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists, Photo: Dirk Tacke.

Weitere Kakteen bevölkern die fotografischen Arbeiten “Out of Place, Out of Time (White South)” und “Out of Place, Out of Time (Lostmans River)”. Ebenso wie die Eislandschaft sind tropische Sumpfgebiete und steinige Fichtenwälder nicht unbedingt für das Vorkommen von Kakteen bekannt. Troika entwerfen spekulative Landschaften, in denen die bereits ausgestorbene Key-Largo-Kaktusart zu finden ist. Die Bilder wurden mithilfe von Text-zu-Bild-Algorithmen entworfen, die in Sekundenbruchteilen diese fiktiven Imaginationen erschaffen. Die Übersetzung der digitalen Bilder in eine materialisierte Form erfolgte anschließend in einem fotografischen Verfahren aus dem 19. Jahrhundert: durch den Platindruck, auch Platinotypie genannt. Bei diesem Verfahren werden Platin- und Palladiumsalze verwendet, die den Fotografien eine fast schon haptische, materielle Präsenz verleihen. Innovative Techniken aus unterschiedlichen Jahrhunderten greifen ineinander, kreieren Illusionen und hinterfragen unsere Sehgewohnheiten.

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Troika, Out of Place Out of Time (Lostmans River), 2025, Palladium Platinum print on Tosa Washi paper, Two parts, each 55 x 73 x 3 cm, Ed. 1/3 + 1 AP, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists, Photo: Dirk Tacke.

Nicht nur in den Fotografien, auch im Ausstellungsraum hat die Künstler:innengruppe Pflanzen platziert, deren Erscheinung irritiert. Geschmolzenes Metall schichtet sich zu hochgewachsenen Skulpturen auf, mit schmalen Stielen und breiten, kegelförmigen Blüten. Es entstehen silbern schimmernde Gewächse, die durch Stützstrukturen und geschichtetes Filament als Produkte eines 3D-Druck-Verfahrens identifiziert werden können. In ihrer Werkreihe “Ultraflora” setzen Troika ihr Interesse an widerstandsfähigen Pflanzenarten fort. Die Skulpturen wurden basierend auf volumetrischen Scans sogenannter Pionierpflanzen erstellt, Pflanzen, die auch in extremen klimatischen Bedingungen wachsen können, in geologischen Grenzgebieten und Schwellenräumen. Troika übersetzt das Phänomen der Pionierpflanze in techno-organische Skulpturen, die als Metapher für digitales Wachstum und maschinelle Zukunftsvisionen fungieren.

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Troika, Ultraflora, 2025, Fused metal deposition, 49 x 62 x 22 cm, Ed. 1/3 + 1 AP, detail, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists, Photo: Dirk Tacke. // Troika, Forest Filled with Pines and Electronics, 2024, 16 shades of red, 16 shades of green, 16 shades of blue and, heavy body acrylic, 208 x 171.2 x 4.5 cm, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists, Photo: Dirk Tacke.

Wie sehr sich die Sehgewohnheiten im 21. Jahrhundert bereits an die flachen, digitalen Oberflächen der Endgeräte gewöhnt haben, untersucht die Künstler:innengruppe in den großformatigen Malereien “Forest Filled with Pines and Electronics” und “Programming Harmony Touching Clear Sky”. Kleinteilige Quadrate in Rot-, Grün- und Blautönen überziehen grünbraune Wald- und Wüstenlandschaften. Je näher die Betrachter:innen herantreten, desto unklarer wird das Bild, desto mehr fächern sich die einzelnen Farbflächen in individuelle Pixel auf. Troika reproduziert damit die technische Sehweise von Kameras, deren Bilder sich aus dem digitalen RGB-Farbspektrum zusammensetzen. Die hinter den Pixeln versteckten Aufnahmen stammen aus Überwachungskameras und Satelliten abgelegener Regionen der Erde – Orte, die erst durch diese technologische Überwachung überhaupt zugänglich werden.

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Troika, Programming Harmony Touching Clear Sky, 2024, 16 shades of red, 16 shades of green, 16 shades of blue and, heavy body acrylic, 161 x 216 x 4.5 cm, Courtesy of max goelitz, Copyright of the artists, Photo: Dirk Tacke.

Wenn ausgestorbene Kakteen in antarktischem Eis gedeihen, Metallpflanzen wie lebendige Organismen wirken und Pixellandschaften zwischen Abstraktion und Überwachung oszillieren, stellt sich die Frage: Was ist heute noch natürlich – und was konstruiert? Die Insel der Täuschung, “deception island”, wird zum Ausgangspunkt, um über die eigene Wahrnehmung digital manipulierter Bilder zu reflektieren. Nicht nur inhaltlich fügt sich Troikas Einzelausstellung in das stringente Programm der Galerie ein, auch visuell passt sie sich nahtlos in die neuen Räumlichkeiten von Max Goelitz ein. Grauer Sichtbeton und glänzende Aluminium-Oberflächen kreieren einen abwechslungsreichen Gegenpol zu den herkömmlichen White Cubes des Kunstbetriebs.

WANN: Die Ausstellung “deception island” ist bis Samstag, den 8. November zu sehen.
WO: Max Goelitz, Maximiliansplatz 10, 80333 München.

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