Trilobiten in der Tiefgarage
“Backdrop” und die Kunst in der HafenCity

5. Mai 2020 • Text von

Die neue Kunstinstallation in der Hamburger HafenCity muss man suchen: “Backdrop” von Gerrit Frohne-Brinkmann versteckt sich in einer Tiefgarage am Sandtorkai. Wir begeben uns auf künstlerische Tiefsee-Expedition und sprachen mit Kuratorin Ellen Blumenstein, die mit dem Projekt “Imagine the City“ den Stadtteil bespielt.

Imagine the City, Public Face, Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer, Foto: ©Carsten Dammann

Imagine the City, „Public Face“, Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer, Foto: © Carsten Dammann

Zur Kunst in der HafenCity fällt vielen wohl als Erstes der große Smiley ein, der als plakative Neon-Skulptur von der Kibbelstegbrücke vor der historischen Speicherstadt leuchtet. “Public Face” heißt dieser real-life-Emoji, dessen Gesichtsausdruck sich über ein Kamerasystem der Stimmung der Passanten in seiner Umgebung anpasst. 2019 erhielt der Smiley Gesellschaft von der “Bee Chapel”, Terence Kohs utopische Öko-Oase am Störtebeker Ufer. Nun ist eine weitere Arbeit dazugekommen: Am 17. April eröffnete “Backdrop”, das dritte ortsgebundene Kunstwerk aus der Reihe “Imagine the City”.

Kurz nach ihrer Eröffnung haben wir die neue Arbeit besucht. Auf dem Weg zum zweiten Parkdeck der menschenleeren Tiefgarage am Sandtorkai fällt erst einmal die hohe SUV-Dichte auf – HafenCity halt – ebenso wie die geradezu dystopische Sauberkeit der Anlage. Die viel beschworene Sterilität der HafenCity gebündelt auf ein paar unterirdische Parkplätze. Aber dann ist da plötzlich Gerrit Frohne-Brinkmanns Kunstwerkt: Ein Unterwasser-Diorama in airbrush-bunter, bewusst trashiger Jahrmarktsoptik, das uns aus der Tiefgarage in die Tiefsee des Paläozoikums transportiert. Trilobiten, Kopffüßler, urtümliche Muscheln und Korallen tummeln sich liebevoll ausgearbeitet auf einem sandigen Meeresgrund.

Gerrit Frohne-Brinkmann,"Backdrop", 2020, Foto: Volker Renner

Gerrit Frohne-Brinkmann, „Backdrop“, 2020, Foto: Volker Renner

Die Arbeit besteht aus großen Metallplatten, die zu einer skizzenhaften Raumarchitektur angeordnet sind. Man kann außen herumgehen, durch ein Kiosk-artiges Fenster nach innen blicken und sogar zwischen die Platten treten. Doch in deren Mitte befindet sich – nichts. Etwas verloren starren wir auf die metallblanke Innenseite von “Backdrop”. Hier ist der Name Programm. Dezidierte Kulissenhaftigkeit mitten in der oft als Retortenstadtteil verschrienen HafenCity. Da fragt man sich natürlich, wie das Publikum, das die Tiefgarage im Alltag nutzt, auf Frohne-Brinkmanns Trilobiten-Panorama reagiert.

Für den Künstler ist die Installation hier “zwischengeparkt”: “Für mich stand die Frage im Vordergrund, wie sich die Arbeit zum Ausstellungsort verhält”, erklärt Gerrit Frohne-Brinkmann via E-Mail auf meine Frage zum Verhältnis der Arbeit zum Ausstellungsort.

“Die Tiefgarage ist ein halböffentlicher Raum, der eine grundlegende Rolle in der Infrastruktur der Stadt einnimmt und gleichzeitig verborgen bleibt. Mir gefiel die Vorstellung, dass die Arbeit dort gewissermaßen zwischengeparkt in Erscheinung tritt. Sie stemmt sich gegen das Raster der vorgegebenen Parkflächen.”

Mit seiner Jahrmarktsästhetik stellt “Backdrop” das Verhältnis von Kunstwerk und Kulisse quasi auf dem Kopf: “Die Arbeit kann wie die Rückwand eines fiktiven Fahrgeschäfts gelesen werden”, so Frohne-Brinkmann. “In ihrer Platzierung im Parkhaus stülpt sie sich nach außen und bildet so einen Hintergrund für alles, was um sie herum passiert. Sie verwandelt also den umliegenden Raum in eine Art Bühne.”

Gerrit Frohne-Brinkmann,"Backdrop", 2020, Foto: Volker Renner

Gerrit Frohne-Brinkmann, „Backdrop“, 2020, Foto: Volker Renner

Zur Wahl der Tiefgarage befrage ich auch Kuratorin Ellen Blumenstein. Warum hat sie ausgerechnet diese Location für die jüngste Manifestation von “Imagine the City” ausgesucht, nachdem “Public Face” und “Bee Chapel” zwei eher exponierte Orte in der HafenCity bespielten?

“Konzept und Standort greifen bei unseren Projekten immer ineinander,” antwortet die ehemalige Leiterin der KW Berlin im E-Mail-Interview. “Auch bei ‘Backdrop’ stand am Anfang eher eine Herangehensweise als ein bestimmtes Thema oder ein konkreter Ort. Gerrit und ich haben uns erst einmal darauf geeinigt, für dieses Projekt mit Referenzen aus der Populärkultur beziehungsweise dem Vergnügungsbereich zu arbeiten, um den ästhetisch sehr aufgeräumten Stadtteil mit einem ortsfremden Reiz aufzuladen.”

Die HafenCity besteht eben nicht nur aus aufgeräumten Plätzen und cleaner Prestige-Architektur. Auch Ellen Blumenstein ist diese Vielseitigkeit wichtig: “Im größeren Zusammenhang von IMAGINE THE CITY ist die Vielfalt der Perspektiven zentral: Um die Komplexität eines Stadtteils besser begreifen und spüren zu können, braucht man die großen, unmittelbar einsehbaren Plätze genauso wie versteckte Orte, die von Besucher*innen entdeckt werden können.”

"Backdrop" in der Tiefgarage, Foto: Martina John

„Backdrop“ in der Tiefgarage, Foto: Martina John

Beim Spaziergang durch die HafenCity fragt man sich, wie das überhaupt funktionieren soll, einen Stadtteil, der Mitte der Nullerjahre quasi komplett neu aus dem Boden gestampft wurde, künstlerisch zu bespielen. Was bringt der vermutlich durchgeplanteste Teil von ganz Hamburg für Herausforderungen mit sich?

“Bislang hat jedes Projekt neue Herausforderungen hervorgebracht, und zwar immer eine, die wir so nicht vorhergesehen haben”, erzählt Blumenstein. “Aktuell ist es die Genehmigung vom Denkmalschutz, der überraschend schwer von unserer Idee zu überzeugen ist. Beim ‘Public Face’ dagegen hat es uns ein Jahr gekostet, eine Firma zu finden, die überhaupt bereit war, die Skulptur für uns zu produzieren. Das Projekt war offenbar im Verhältnis zum Aufwand viel zu klein, um sich finanziell zu lohnen. Im Falle von ‘Backdrop’ war es noch absurder: Hier haben wir zwei Jahre gebraucht, um einen direkten Kontakt zum Besitzer der Parkgarage herzustellen. Immerhin fand der die Idee dann sofort super.”

Neben den logistischen Herausforderungen haben sich Ellen Blumenstein und ihrem Team im Zuge von “Imagine the City” noch andere Schwierigkeiten offenbart, die aber auch zeigen, dass die Kunstwerke weit mehr sind, als Deko für einen Reißbrettstadtteil:

“Die unerwarteten Ängste und Ressentiments, aber natürlich auch das Desinteresse, das einem neben sehr viel Enthusiasmus auch immer wieder entgegenschlägt, sind immer ein bisschen entmutigend. Aber sie berühren auch den Kern unseres Vorhabens: Wir adressieren nicht nur das kunstinteressierte Publikum, sondern konfrontieren auch Behördenmitarbeiter, Immobilieninvestoren oder Dauerparker durch unsere Projekte mit nicht-funktionalen Strukturen, die in ihrem Alltag nicht vorkommen. Das löst in manchen Fällen Abwehrreaktionen aus und wir müssen nach Wegen suchen, die zu überwinden. Dabei steht notgedrungen unser Selbstverständnis als Kulturschaffende auf dem Prüfstand, und das ist im Zweifel nicht das Schlechteste.”

Imagine the City, Public Face, Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer, Foto: © Carsten Dammann

Imagine the City, „Public Face“, Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer, Foto: © Carsten Dammann

“Backdrop” ist nicht das Ende von “Imagine the City”. Im Sommer 2020 soll sich die Ausstellung “Die Pforte” mit dem vom Hamburger Stadtmarketing vereinnahmten Slogan vom “Tor zur Welt” auseinandersetzen. Und unter dem Titel “Das Traumschiff” sollen auf dem Segler “Peking” mithilfe von Spieleentwicklern, Programmierern, einem Dramaturgen und einer Schauspielerin Schiffsmetaphern aus Literatur und Kultur interaktiv in den Schiffsraum übersetzt werden.

Noch plakativer als die bisherigen Arbeiten scheinen die geplanten Projekte den Raum HafenCity auf der Metaebene zu behandeln und die typisch hamburgische Hafenklischeeromantik zu hinterfragen. Ellen Blumenstein fokussiert das aus dem Hafen gezogene Selbstverständnis des Stadtteils – und der ganzen Hansestadt:

“Beide Projekte setzen bei Narrativen an, die für das Selbstverständnis der HafenCity (und ganz Hamburgs) essentiell sind. Schon der Name des Stadtteils wirkt ja wie ein Wedeln mit dem Zaunpfahl: Das gesamte Gestaltungskonzept, vom Primat der Backsteinoptik bis zu den historisierenden Hafenkränen und Fischmosaiken leitet sich aus dem Hafen und der Geschichte des Seehandels ab. Wir wollen diese Entscheidungen sichtbar (und damit kritisierbar) machen, aber auch nach ihrem produktiven Potenzial fragen. Es gibt ja tatsächlich kaum eine Stadt in Deutschland, mit der sich Einwohner*innen aller sozialen Schichten so stark identifizieren, und kaum wirksamere Gesellschaftsmetaphern als die vom Schiffbruch – und uns interessiert, warum das so ist.”

WANN: Seit dem 17. April könnt ihr “Backdrop” einzeln oder zu zweit besuchen.
WO: Ihr findet die Installation in der Tiefgarage Am Sandtorkai, Einfahrt Singapurstraße 2 // 20457 Hamburg.

Weitere Veranstaltungen, wie ein Artist Talk mit Gerrit Frohne-Brinkmann und Prof. Dr. Uwe M. Schneede, dem ehemaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle, folgen, sobald dies wieder möglich ist.

Am besten informiert ihr euch über den Instagram– oder Facebook-Kanal “Imagine the City” 

Weitere Artikel aus Hamburg