Transnationale Geschichten
Isaac Chong Wais politische Gesten

15. Juni 2020 • Text von

Isaac Chong Wai ist einer dieser Künstler, die man immer wieder treffen kann, jedes Mal mit einem neuen, aktuellen Gesprächsthema. Seine Werke bergen aktuelle Bezüge, seien es seine Performances, in denen die schwarz uniformierten Performer*innen wie aus den News gegriffen scheinen, oder seine einschlägigen Fotografien, die sich mit rassistischen Übergriffen in Deutschland auseinandersetzen. Der in Berlin lebende Künstler beschäftigt sich mit systemischen, meist unbemerkten und auf einmal brandaktuellen gesellschaftlichen Themen. Was ihn selbst bewegt und wie er die sich jeden Tag überschlagenden Nachrichten in seinen Werken verarbeitet, erzählte er unserer Gastautorin Clara Tang bei einem Studiobesuch.

Der Künstler Isaac Chong Wai sitzt in seinem Studio in Berlin.

Studio view, 2020. Courtesy of the artist.

gallerytalk.net: Jedes Mal, wenn ich dich treffe, denke ich: „Jetzt habe ich schon wieder so viele aktuelle Bezüge in deinen Werken gesehen, die wir alle besprechen müssen“. Wie siehst du deine Werke im Kontext der Rassismus-Debatte oder Diskussionen um den politischen Status von Hongkong?
Isaac Chong Wai: Viele der Themen, die ich in meinen Werken verarbeite, existieren schon seit langem, wenn auch nicht immer brodelnd an der Oberfläche. Das sind unter anderem auch institutioneller Rassismus oder systemische Gewalt. Gerade die jetzige, krisenbedingte Zeit verstärkt solche Probleme – benachteiligte Menschen leiden umso mehr unter Arbeitslosigkeit oder schlechter Krankenversorgung. Gleiches gilt auch für Polizeigewalt, die ja auch schon seit langem, nicht nur in den USA, ein Problem darstellt. Das Ganze wird derzeit durch die Erfahrung von Medien und Nachrichten verstärkt, die uns eine bestimmte Realität vor Augen führen, wie wir jetzt die Welt sehen sollen. Sie fangen die Gewalt und das Leid ein, und das wiederholt sich immer wieder.

Welche Rolle spielen deine Werke zu einem politisch und gesellschaftlich zerrütteten Zeitpunkt wie diesem?
Das ist genau das spannende an zeitgenössischer Kunst – auch ein Werk von vor 40 Jahren kann immer wieder an Aktualität gewinnen. Über manch komplexe Themen sprechen wir nur ungern, genau das sehen wir ja gerade: Menschen, die immer wieder für wichtige, politisch aber höchst unbequeme Themen auf die Straße gehen. Ich würde aber nicht sagen, dass das meine Werke vielschichtiger macht. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten lassen sie sich eben anders kontextualisieren. Manche reden von so etwas wie einer Prophezeiung. Generell bin ich eher der Meinung, dass Künstler*innen sensibler auf abstrakte Problematiken reagieren. Für viele muss die Idee des “Feinds” heute ein konkretes Bild darstellen. Man sucht sich dafür oft ein menschliches Abbild, das als „das Andere” gekennzeichnet werden kann. Künstler*innen finden stattdessen die abstrakten, zugrundeliegenden Probleme und arbeiten diese in ihren Werken auf.

Eine Arbeit des Künstlers Isaac Chong Wai, ein roter Quader.

Isaac Chong Wai: „Hong Kong and Hong Kong“, 2017, crystal resin, flag, paper, sound track, 19.9 x 26.4 x 8 cm, 2’49“, unique, Collected by Burger Collection.

Reflektierst du deshalb noch einmal mehr über deine Arbeiten?
Ja, die wiederkehrende Aktualität meiner Werke ist schon sehr seltsam. Da wäre zum Beispiel mein Werk „Hong Kong and Kong Kong“ von 2017. In dem Jahr beschäftigte ich mich mit dem besonderen politischen und gesellschaftlichen Status von Hongkong und verewigte eine gefaltete Hongkonger Flagge in einem Harz-Kubus. Gezeigt wird das Werk zum Soundtrack der chinesischen Nationalhymne. Zu dieser Zeit begannen ohne mein Wissen auch die Diskussionen um das Gesetz gegen jegliche Kritik an der chinesischen Nationalhymne, das die Verunglimpfung der Hymne, auch in Hongkong und Macau untersagen und strafrechtlich verfolgen sollte. Das entfachte damals natürlich deutliche Kritik an der Einschränkung der Meinungsfreiheit in Hongkong. Ich wusste während der Werkgenese nichts davon. Und just gerade vor fast zwei Wochen, am 4. Juni – einem sehr symbolträchtigen Tag für China und Hongkong in Erinnerung an die Tiananmen-Proteste 1989 – wurde das Gesetz nun verabschiedet. Nun wird mein Objekt gerade wieder mit diesen Umständen in Verbindung gebracht.

Als Hongkonger hat man einen anderen Bezug zu politischen Begriffen wie Patriotismus oder Nation. Hat sich durch dein Aufwachsen in der Sonderverwaltungszone diese Sensibilität für nationales Gedankengut verstärkt?
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber ja, natürlich. Hongkong hat eine so interessante Geschichte, die sich zwischen China und der Kolonialisierung durch Großbritannien abspielte. Fragen nach dem Status von Hongkong und der dort lebenden Menschen, der Identität einer Nation und dem „Chinesischen“ und „Britischen“ sind schon immer sehr präsent in der Region. So wie Hongkong am Ende zu seinem Status kam – durch die Negierung des Chinesisch-Seins, aber gleichzeitig als Teil von China – gibt es dort bis heute ein starkes Bewusstsein der Ambiguität, des Dazwischen-Lebens. Ich arbeite viel mit dieser bewussten Mehrdeutigkeit in meinen Werken, gerade gegen die gefährliche Polarität unserer jetzigen Welt.

Isaac Chong Wai: Self Portrait: „The evening when I was beaten up by a stranger with a glass bottle“, 2015, Archival inkjet print, 48 x 32 cm. // Isaac Chong Wai: „I Dated a Guy in Buchenwald“, 2013, Buchenwald, Weimar, Germany, text on paper, wooden frame, caption, framed size: 30.2 x 26.2 x 2.7cm.

Du lebst nun schon seit einigen Jahren in Deutschland – erst in Weimar, dann in Berlin, und bist hier auch von der Galerie Zilberman vertreten. Wie hat die deutsche Geschichte Eingang in deine Werke gefunden, und welche Rolle spielt sie in deiner Praxis?
Ich habe die Aufarbeitung der deutschen Geschichte und der Erinnerungskultur immer sehr geschätzt. Diese Art von historischem Denken gibt es in vielen Ecken der Welt noch nicht. Ich halte es auch für besonders wichtig, sich mit der lokalen Geschichte zu befassen. Sobald man sich künstlerisch im öffentlichen Raum bewegt, sollte man sich der Geschichte des Ortes bewusst sein, sie verstehen und reflektieren. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich intensiv mit der Geschichte befasst, unter anderem auch mit tief verankerten Ideen wie Mitgefühl und Solidarität, die bis heute in meinen Werken eine große Rolle spielen. Da gibt es zum Beispiel das Werk “I Dated a Guy in Buchenwald” (2013), in dem ich mein damaliges Rendezvous bat, unser Treffen im Konzentrationslager Buchenwald aufzuschreiben. In der Arbeit auf Papier setze ich deutsche Geschichte und Gegenwart in Verbindung zueinander – als Versuch eines Zeugnisses über heutige Menschlichkeit an einem bekannten Ort besetzt mit der Grausamkeit der Vergangenheit.

Wirst du manchmal vom Publikum auf diesen Aspekt deiner Werke angesprochen, wenn du hier ausstellst?
Manchmal fragen mich auch Besucher*innen, warum ich mich als Hongkonger mit der lokalen Geschichte befasse. Meine Antwort darauf ist immer, dass die Nationalisierung von Historischem gefährlich ist. Das gilt ja auch für aktuelle Entwicklungen – letztendlich sollten wir die Gemeinsamkeiten finden, die uns in historischen Momenten wie diesem verbinden. Ich weiß, das mag sehr idealistisch klingen. Aber es geht mir immer um transnationale Erinnerungskultur, nicht um nationale Narrative.

Isaac Chong Wai: „Series of Drawings“. Left: News: Falling on 11 April 2017, 2020. Right: News: Falling on 23 Oct 2019, 2020, ink on paper, 24 x 17cm
. Courtesy of Asia Society.

Deine Performances arbeiten oft mit sachten Bewegungen und brutal anmutenden Gegenständen oder Gesten. In deiner neusten Arbeit erzählst du vom Zu-Boden-Fallen. Was hat es hiermit auf sich?
Meine Serie „News: Falling“ (ongoing) ist das Resultat einer sehr speziellen Recherche der letzten paar Jahre, die ich hier unternommen habe. Generell interessieren mich die teilweise brutalen Bilder- und Videofluten aus den Sozialen Medien, mit denen wir in unserem Feed konfrontiert werden. Was verbindet uns emotional mit den Abbildungen fremder Menschen, durch die wir uns täglich scrollen, und an denen unsere Augen manchmal haften bleiben?

Welcher Denkprozess steht hinter der Recherche von fallenden Menschen?
Das Fallen als Bildbeispiel zwischen Kontrolle, Verletzlichkeit und Gewalt hat mich schon lange fasziniert. Angefangen habe ich mit der Suche nach bestimmten Typen des Fallens – ein fallender Star oder ein fallendes Model … Aber dann stellte ich fest, dass Bilder des Fallens in den Nachrichten oft auch Bilder des Protests sind. Bilder aus Zeitungen, in denen fallende Menschen von der Kamera festgehalten wurden. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie solche Bewegungen in die Schlagzeilen oder auf Titelseiten kamen und wie auch die Titel der Artikel die fallenden Körper symbolträchtig aufladen. Begriffe wie „Nation”, „Protest”, „Polizei”, oder die Nennung politischer Figuren sind oft Teil der Narration. Hinter dem Fallen der Personen steht wieder die systemische Gewalt als unsichtbare, schubsende Kraft.

Isaac Chong Wai: „Falling Carefully“, 2020, silicon, polylactide, wood, resin, fabric, shoes, human hair, ca. 70 x 100 x 100cm. Courtesy of Asia Society, Blindspot Gallery and Zilberman.

Viele Ausstellungen wurden derzeit verschoben oder abgesagt, und trotzdem bist du immer beschäftigt – wie hat die derzeitige Krise deine Arbeit beeinflusst?
Tatsächlich finden derzeit einige Ausstellungen wie geplant statt, zum Beispiel die Gruppenausstellung im MMCA in Seoul, Korea, und die Ausstellung in der Asia Society in Hongkong. Auch ein koreanisches Projekt zum Thema Queerness ist gerade in Planung. Lokale Projekte sind die bald anlaufenden Ausstellungen in der Galerie Zilberman und die berlinweite Ausstellung „Redirection Berlin“, die sowohl on- als auch offline stattfinden wird. Meine große Einzelausstellung im CFCCA in Manchester dieses Jahr ist aber leider erst einmal verschoben worden.

Vieles findet dieser Tage auch online statt, sogar Performances werden in Live Streams gezeigt. Hat das auch deine Einstellung zur künstlerischen Praxis verändert?
Was meine Arbeit an sich angeht, hat sich eigentlich wenig verändert. Gerade Performances sind natürlich aufgrund der Interaktion besonders betroffen, viele können nun nicht stattfinden. Das stellt eine Herausforderung für Künstler*innen wie mich dar. Grundsätzlich werde ich die bereits geplanten Performances aber nicht auf den digitalen Raum anpassen. Das Ganze muss dann eben zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden. Das Internet gibt es ja schon seit einiger Zeit, und ja, es hat mittlerweile auch in der Kunstwelt viel zu bieten. Aber die Live-Erfahrung einer Performance im Ausstellungsraum ist und bleibt eine andere, und kann nicht durch digitale Formate ersetzt werden.

Am Freitag, den 26. Juni eröffnet Isaac Chong Wais Ausstellung „Recurrence“ in der Zilberman Gallery Berlin. Mehr Informationen zum Künstler gibt es auf der Website von Isaac Chong Wai.

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