This is so contemporary

Beobachtende, die sich selbst beobachten

15. November 2019 • Text von

Die Kunsthalle Wien beschwört mit ihrer aktuellen Ausstellung den Zeitgeist herauf. „Time is Thirsty“ sucht unsere Gegenwart in ein produktives Verhältnis zu den frühen Neunzigern zu setzten. Wie viel Kritik ist im immersiven Erleben möglich?

Ausstellungsansicht: Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien 2019, Foto: Kunsthalle Wien: Jason Dodge, Glasses, 2019; 1. SMS, 3.12.1992.

Zwei Zeitpunkte zueinander in Beziehung zu setzen, ist die Intention der Ausstellung “Time is Thirsty” in der Kunsthalle Wien. Der eine ist das Jetzt, das sich über die Laufzeit der Show erstreckt, der andere ist das Gründungsjahr der Kunsthalle 1992. Ich habe nur einen der beiden erlebt, 1992 war ich noch nicht geboren. Meine Vorstellung von den Neunzigern setzt sich aus fragmentarischen Kindheitserinnerungen, Bildern, Filmen und Songs zusammen. Sie ist vor allem geprägt durch das nostalgische Wiederaufleben des Jahrzehnts in der jüngsten Vergangenheit. Die Assoziations- und Erinnerungsräume, die Kurator Luca Lo Pinto heraufbeschwört, wirken auf mich äußert zeitgenössisch – contemporary.

Zwei ineinanderlaufende Haltungen erwarten die Besucher*innen in der von Sichtbeton gerahmten, weitläufigen Halle im Obergeschoss der Kunsthalle: Das Eintauchen in eine Jetzt-Zeit, evoziert durch den artifiziellen Geruch von Wien um 1992, konzipiert von Künstlerin Sissel Tolaas und der akustischen Untermalung der Ausstellung zusammenstellt von Peter Rehberg und dem Duo Vipra. Wobei Untermalung ein Euphemismus ist: Die Musik dröhnt, die von Designer Fabio Quartanta im Stil der 1990er bzw. späten 2010er Jahre eingekleideten Besucherbetreuer*innen tragen Gehörschutz. In diesem Setting werden gleichzeitig eine Auswahl von Werken präsentiert, die entweder einen Gegenwartszeitstempel tragen oder einen aus dem Jahr 1992. Unabhängig von ihrem Entstehungsjahr legen die Arbeiten ihre eigene zeitliche Dimension offen.

Ausstellungsansicht: Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien 2019, Foto: Jorit Aust .

In der Mitte der Halle liegt Ann Veronica Janssens „Untitled (Blue Glitter)“ auf dem Boden: In den Raum geworfene Pigmente, deren Glitzerpartikel sich verstreuen und um deren zufällige Form die Besucher*innen einen sorgsamen Bogen machen. Zeit als Momentum, in dem ein performativer Wurf die Formgenese des Werkes vollendete; gleichzeitig Zeit als prozessuales Kontinuum, das unerwartete Veränderungen und Instabilität mit sich bringt. Ann-Sophie Bergers in Schlamm getränkte Arbeitskittel liegen in ihrer eigenen zerflossenen anthropomorphen Form am Boden oder in schwerkraftbestimmter Beziehung zu dem Abdruck, den sie auf den Ausstellungswänden hinterlassen haben. Neben einem Verweis auf die ihnen zugrundeliegende künstlerische Handlung, betonen beide Werke ihre eigene Zeitlichkeit in diesem Ausstellungskontext: Ihr Form ist in diesem Raum entstanden, wird sich über die Dauer der Ausstellung verändern und am Ende verschwinden.

Ausstellungsansicht: Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien 2019, Foto: Kunsthalle Wien: Anna-Sophie Berger, time that breath cannot corrupt, 2019, Courtesy Galerie Emanuel Layr, Wien/Rom, und JTT Gallery, New York.

Das Gefühl eines in die Welt geworfen Seins dominiert die vaste Ausstellungshalle. Bezogen auf die neunziger Jahre ist es unter anderem das Aufbrechen der ideologischen Grenzziehung während des Kalten Krieges, aber auch neue Möglichkeiten durch Handy und Internet miteinander in Kontakt zu treten. Bezogen auf das endende Jahrzehnt sind es Fragen wie, wie sich ein richtiges Leben im falschen führen lässt. Zeitungsartikel von 1992 an den Wänden der Kunsthalle bezeugen einerseits die Kontinuität von gesellschaftspolitischen Problemen. Andererseits verstärkt sich der Eindruck, dass es nicht mehr nur fünf nach Zwölf ist und die Party schon längst vorbei, sondern wir immer noch unseren neoliberalen Rausch ausschlafen und anstatt die Küche aufzuräumen.

Ausstellungsansicht: Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien 2019, Foto: Jorit Aust: Georgia Sagri, Open Wound, 2018, Courtesy die Künstlerin & Collection 49 Nord 6 Est, FRAC Lorraine, Metz; i ready made appartengono a tutti ®, Pubblicità, pubblicità, 1988, Courtesy Jan Mot, Brüssel.

Ona B., Evelyne Egerer, Birgit Jürgenssen und Ingeborg Strobl blicken an die Wand gelehnt fordernd in die Kamera. Sie tragen schwarze Hosen und weiße Blusen, die auf der Höhe des Herzens einen auseinandersprengenden Fleck haben. Die Postkarte aus dem Jahr 1992 ist eine Protestaktion gegen eine Initiative des Wiener Kurators Robert Fleck, dessen Vorhaben die lokale Kunstszene zu repräsentieren zu eben deren Demütigung führte. Im Halbdunkel der Ausstellung „Time is Thristy“ verweist das Exponat auf einen konkreten Moment kritischen Engagements in der Kulturpolitik um ’92. Ein weiteres Beispiel ist das Plakat der Agentur “ready-mades belong to everybody”: Unterhalb der Fotografie eines Bücherregals (Pop Art, Warhol, Beuys, Kubismus, Broodthaers), die den künstlerischen Referenzrahmen der Aktion absteckt, wird die Eröffnung einer Filiale in Frankreich verkündet und neue Protagonist*innen für die Kunstgeschichte nach dem Verschwinden der Urheber*in gesucht. In Gegenüberstellung mit Ann Veronica Janssen und Ann Sophie Berger markieren diese beiden Positionen zunächst das andere Ende des Zeitstrahls von „Time is Thristy“. Die Projekte selbst thematisieren eine andere Dimension künstlerischer Praxis: diejenige außerhalb des Studios, abhängig von interpersoneller Kommunikation – Kooperation, Kollektivierung und Öffentlichkeit, sowie von Machtstrukturen in Institutionen und Kanonisierung. Als Artefakte eines bestimmten historischen Momentes adressieren sie nicht dieselbe raumzeitliche Kohärenz wie Berger und Janssens Arbeiten, sondern das Ausstellungsmachen als ein Zitieren von physisch abwesenden Zeitlichkeiten.

Es bedarf sehr genauen Hinsehens, um diese Nuancen von „Time is Thirsty“ wahrzunehmen. Die vielen Layers und Erfahrungssnippets, die der Ausstellung ihre zeitgenössische Coolness verleihen, sind dabei mitunter hinderlich anstatt stimulierend. Das Erfassen des Zeitgeists als Intention ist legitim, wobei sich eine kritische Distanz zu eigenen Handeln und zur vertrauten Ästhetik vermissen lässt. So ist beim Durchschreiten der Kunsthalle die Ambivalenz dessen, dass ich als Besucher*in meine eigene Zeit genauso beobachte, wie einen Zeitraum, der sich mir heute in einer geschlossenen historischen Form darbietet, nur punktuell greifbar. In diesen Momenten ist „Time is Thirsty“ weniger ein Statement zu 1992 und 2019, als mehr zu den inhärenten Zeitlichkeiten jeder Kunsterfahrung.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. Januar 2020 und ist von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 19 Uhr und am Donnerstagabend bis 21 Uhr geöffnet.
WO: Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien.

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