The Sound of Silence?
"Hollow Howl" in der daadgalerie.

10. Februar 2020 • Text von

Die Installation „Hollow Howl“ von Sergey Kasich verleiht der daadgalerie Nirvana-Atmosphäre mit Großstadtreferenz. Fremd, einnehmend, und – doch – meditativ. Schuhe aus!

sergey kasich: HLLW HWL, daadgalerie, © Thomas Bruns / Berliner Künstlerprogram des DAAD.

Was wird hier gespielt? Der erste Blick in den Galerieraum offenbart eine wie verlassen wirkende Bühne auf der linken, und eine Art improvisiertes Tonstudio auf der rechten Seite. Übereinander gestapelte Paletten, Kopfhörer, Schaltpulte; verschieden arrangierte Mikrofone, Lichter, Kabel. Und ein Waschbecken, eine Kühlschrankschublade, ein Sitzpolster, eine Tonne. In der linken hinteren Ecke ein DJ-Pult mit Laptop und Verstärkern, ebenfalls auf Paletten. Im Gang dazwischen liegt ein grau-melierter Teppich à la Eingangshalle im Kaufhaus (ja, mit schwarzem Plastikrand). Die LED-Lichter an den Mirkos leuchten unregelmäßig in grün, blau, rot violett. Angesichts der relativen Dunkelheit im Raum eine bezaubernde – im wörtlichen Sinne -, gleichzeitig belebt-angeregte Stimmung.

Vor dem Betreten der Galerie haben die Besucher*innen die Möglichkeit, ihre Schuhe auszuziehen, eine gewisse Home-Experience stellt sich ein. Die Paletten auf der rechten Seite dienen als Sitzgelegenheit für die darüber hängenden Kopfhörer. Beim Aufsetzen ertönen ein Rauschen, Hupen, Schnipsel von Straßenlärm. Das Gehörte korrespondiert mit der Lichtschaltung, wodurch sich die nun audio-visuelle Erfahrung intensiviert. Ein Highlight: Millisekunden-Audio-Bits mit zugehörigen Lichtblitzen; kurzzeitige Stoboskop-Atmosphäre kommt auf. Die Gegenstände auf der Bühne wirken wie stumme Protagonisten, die durch das Licht zum Leben erweckt werden. Ob die Geräusche im Kopfhörer von ihnen kommen? Unwahrscheinlich; aber ausschließen lässt es sich nicht.

sergey kasich: HLLW HWL, daadgalerie, © Thomas Bruns / Berliner Künstlerprogram des DAAD.

Platzwechsel. Im hinteren Teil der Galerie stimmen die Töne mit dem dortigen Abschnitt der Installation überein. Hier: ein Spiegel, eine Schreibtischlampe, ein Rohr, ein McDonalds-Becher. Was all die Objekte gemeinsam haben, ist ihre Leere, „hollow“-ness. Die auf diese Höhlen gerichteten Mikrofone scheinen es auf eben jene Leere abgesehen zu haben. Als ließe sich aus dem Nichts ein Neues gewinnen.

sergey kasich: HLLW HWL, daadgalerie, © Thomas Bruns / Berliner Künstlerprogram des DAAD.

Die technische Grundlage von „Hollow Howl“ bietet das „Advanced Listener System“ (ALS), ein Sound-System, welches die Akustik eines Raumes in exakte, separate Zonen aufteilbar macht. Über verschiedene, digital skalierbare Mikrofone kann die Aufmerksamkeit der Zuhörer zeitlich gelenkt und auf einen bestimmten Ort gesteuert werden. So viel zu dem spezifischen Eindruck im vorderen beziehungsweise hinteren Teil der Galerie. Die über die Kopfhörer vernehmbaren Geräusche stammen tatsächlich von den innerhalb der Installation versammelten Objekten. Unter Verwendung des ALS untersucht Kasich dessen Klangqualitäten, ihr Vermögen zur Resonanz, Reflexion oder Absorption. Über die Interaktion mit den durch die Besucher generierten Geräusche – und deren Verstärkung durch die Mikrofone – erzeugen die der verschiedenen Materialien eine Klangfolge, welche unmittelbar dann über die Kopfhörer wiedergegeben wird.

Die im Titel angespielte, und in den Objekten ersichtliche Leere bildet hierbei den Dreh- und Angelpunkt; zum einen in Form des physischen Klangkörpers. Zum anderen auf einer narrativen Ebene: die Gegenstände stammen sämtlich aus formal als „leer“ klassifizierten Wohnstätten, besetzten Häusern nicht-legitimierten Müllhalden; einige wurden von Obdachlosen abgekauft. Diese doppelte, physische wie inhaltliche Leere wird in der Installation visuell und auditiv erfahrbar.

sergey kasich: HLLW HWL, daadgalerie, © Thomas Bruns / Berliner Künstlerprogram des DAAD.

Sergey Kasichs Kunst soll als konkrete Anleitung zur schrittweisen und individuellen Verbesserung der Welt verstanden werden. Adressiert werden die Besucher*innen in jedem Fall. Zum Abschluss wird die Geräuschspur belebter. Die Frage nach der Stille, „Silence“, ist somit mit „Nein“ zu beantworten. Und doch ist es kein zusammenhängender Ton, im Sinne einer Musik oder Nachricht. Die Geräusche verbleiben in einem Dazwischen, ein gleichzeitig nah und unendlich weites Alternativ-Universum. Und bieten so einen optimalen Raum zur Reflexion (ergo: Weltverbesserung), über Drinnen und Draußen, physisch wie psychisch. Mitten in Kreuzberg entsteht so eine vertraut-entrückte Sound-Oase der Großstadterfahrung.

And all the rest is silence.

WANN: Die Ausstellung „Hollow Howl“ läuft noch bis zum 13. Februar 2020.
WO: daadgalerie, Oranienstraße 161, 10969 Berlin.

Sergey Kasich ist Teil des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2019/20.

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