The DJ is present
Milen Till geht unter die Künstler

16. Juni 2016 • Text von

Jüngst erklärte Milen Till im ZEIT Magazin, er sei dabei, sich aus dem Nachtleben zurückzuziehen und in die Kunstwelt einzusteigen. Mit allem Drum und Dran – Abstinenz mit inbegriffen. Jetzt ist es tatsächlich so weit.

Portrait Milen Till, Foto: Hadley Hudson.

Portrait Milen Till © Hadley Hudson.

Sein „Outing“ kam schon ein wenig überraschend. Aus irgendeinem Grund erschien es uns aber nicht abwegig, sondern eher wie der logische Schritt für einen ästhetisch kreativen Menschen wie ihn. Ein Blick auf sein Instagram-Account lässt erahnen, dass Milen Till durchaus ein Auge für das Besondere im Alltag hat. Ein Haufen umgefallener Transportboxen auf der Straße wird dort zur Skulptur. Angeklagte vor Gericht, die sich ihre Akten vors Gesicht halten, labelt er mit abstrakt gezeichneten Fratzen und holt sie so aus der Anonymität heraus.

Der gebürtige Münchner hat mal bei Erwin Wurm in Wien studiert und seitdem durchaus einige künstlerische Schaffensprozesse hinter sich gebracht hat. Unvergessen bleibt das humorvolle Buch „Treffen sich zwei Künstler“, das er mit Martin Fengel produzierte. Die dabei entstandenen Werke wurden damals in der Galerie Jo van de Loo ausgestellt. Und auch in naher Zukunft dürfen wir auf weitere Arbeiten und eine Kollaboration mit dem Galeristen gespannt sein. Sein künstlerisches Solodebüt gibt Milen Till allerdings schon an diesem Freitag, den 17. Juni, im Schwittenberg. The DJ is present …

Milen Till: "Better call Saul Steinberg", © Milen Till.

Milen Till: „Better call Saul Steinberg“ © Milen Till.

gallerytalk.net: Starkes Statement im ZEIT Magazin! Aber klingt schon ziemlich radikal. Was war ausschlaggebend für deine Entscheidung ab sofort Kunst zu machen?
Milen Till: Eigentlich wurde mir schon mit 15 Jahren klar, dass ich etwas schaffen möchte, das nachhaltig und beständig ist. Pavel Schmidt, der Assistent von Daniel Spoerri war und für den ich zu dieser Zeit arbeitete, schleppte mich zu einer Marcel Duchamp Ausstellung in Basel und sagte: „Ich muss jetzt dringend was besorgen. In zwei Stunden hole ich dich wieder ab. Bis dahin schaust du dir diese Ausstellung hier an. Da kannst du was lernen.“.

Und das hat dir die Augen geöffnet?
Ich war natürlich völlig unbedarft und wollte mir eigentlich nur Gras in der Schweiz besorgen. Aber der Besuch der Ausstellung ist für mich zu einem Schlüsselmoment geworden. Durch die Ready-mades von Duchamp habe ich begriffen, dass wir in einer Objektkunst-Welt leben. Alles kann Skulptur sein. Seitdem verspüre ich den inneren Drang, mich in meinem Alltag auf die Suche nach diesen Skulpturen zu begeben. 

Das ist jetzt aber auch schon wieder 15 Jahre her oder? Du warst seitdem mit deinem Bruder Amédée als DJ-Duo „Kill the Tills“ sehr erfolgreich und hast zusammen mit ihm und Sandra Forster die beiden Restaurants „Kismet“ und „Kiss“ gegründet, für die du die Art Direktion gemacht hast.
Ich hatte unheimlich viel Spaß an allen Projekten, die ich in den letzten Jahren auf die Beine gestellt habe. Gerade das Auflegen war ja auch eine Art von Performance. Allein der Name! Wir dachten wir sind bis an unser Lebensende die „Kill the Tills“.

Musikvideo zu "Terranova" von Headache feat. Cath Coffey: https://www.youtube.com/watch?v=cMN4_KSatWw © Milen Till.

Milen Till: Musikvideo zu „Headache“ von Terranova feat. Cath Coffey, https://www.youtube.com/watch?v=cMN4_KSatWw © Terranova.

Wieso ausgerechnet jetzt diese tiefgreifende Veränderung?
Auf der anderen Seite hat mich der Erfolg extrem abgelenkt. Wenn du projektbezogen arbeitest, dann lebst du zwar deine Kreativität bis zu einem gewissen Grad aus. Die Kunst kommt aber immer zu kurz, weil du nie wirklich Zeit für sie hast. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir diese Form der Arbeit eher im Weg steht. Ich konnte für mich persönlich nichts mehr herausholen. An dem Punkt habe ich mich entschlossen, diese Lebensphase abzuschließen.

Das heißt wir sehen dich so schnell nicht mehr hinter den Turntables. Da müssen wir Münchner uns erst mal dran gewöhnen. Die Tills nicht mehr im Doppelpack. Das Nachtleben ist jetzt also echt passé?
Ja definitiv. Das Nachtleben ist faszinierend und vereinnahmend, aber auch sehr kurzweilig. Alles was passiert und was du erlebst ist am nächsten Tag Vergangenheit. Du genießt den Moment. Ich möchte etwas schaffen, was länger bleibt, für sich steht und von alleine lebt. Ohne dass es zwangsläufig an meine Person und meine Präsenz an einem Ort gebunden sein muss.

Als Künstler wirst du dafür stärker als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen. Gefällt dir die Vorstellung?
Ich freue mich sehr darauf. Als Duo haben wir eigentlich immer jegliche Verantwortung abgewälzt. Wir waren eben die „Kill the Tills“. Immer in einer Art Vakuum. Die Leute wussten, dass wir krasse Partys veranstalten, aber wer wirklich dahinter steckte, war nie konkret zu fassen. Indem ich mich davon loslöse, kann ich mich dem erstmals stellen und nicht nur Projektionsfläche sein. Für mich ist das eine sehr erfüllende Vorstellung.

© Milen Till.

Milen Till: „Flore“ © Milen Till.

Du hast ja früher schon mal mit der Kunst geliebäugelt und sogar angefangen bei Erwin Wurm zu studieren. Wieso bist du weg aus Wien?
Pavel Schmidt, der in dieser Hinsicht wirklich eine Vaterfigur für mich ist, hat mir vehement abgeraten Kunst zu machen, weil es allgemein so unglaublich schwierig ist sich als junger Künstler zu behaupten. Trotzdem habe ich mich als außerordentlicher Student an der UdbK bei Erwin Wurm eingeschrieben. Der hat kurz darauf aber selbst aufgehört und auf Vorlesungen bei Gastprofessoren und Gruppenarbeiten in meiner Klasse hatte ich dann nicht wirklich Lust.

Und Kunst wolltest du dann auch nicht mehr machen?
Die cooleren unter den Professoren meinten sowieso alle zu uns, dass man in der Akademie nichts lerne, sondern alles selbst erleben müsse. Das war allgemeiner Konsens. Ich war aber komischerweise der Einzige, der dann wirklich raus ist in die Welt.

Die Idee vom Künstlerdasein hast du also erst mal an den Nagel gehängt?
Ich sehe es kritisch, sich als Zwanzigjähriger schon „Künstler“ zu nennen. Was hat man denn Substanzielles zu erzählen ohne jegliche Lebenserfahrung. Zu dem Zeitpunkt wusste ich weder wer ich bin, noch konnte ich sagen, was ich machen will. Aber für die eigene Kunst ist doch gerade das essenziell. Vor allem wenn man kein konkretes Handwerk erlernen, sondern konzeptuell arbeiten möchte.

Milen Till: Turn the tables, © Milen Till.

Milen Till: Turn the tables © Milen Till.

Im Schwittenberg zeigst du erstmals eine Reihe von Arbeiten mit dem Titel „The DJ is present“. Was steckt konzeptuell dahinter?
Es geht mir darum Dinge aus dem Nachtleben ans Tageslicht zu führen. Die Erfahrung der Ekstase zu vermitteln. Insbesondere in der Drogenwelt ist rein theoretisch alles schön und alles Kunst, sobald du dir eine Pille einwirfst. Der Augenblick gewinnt eine besondere Tiefe. Gleichzeitig aber ist das ganze Surrounding oft auch sehr trashig und oberflächlich.

Deine Installation spiegelt das wieder?
Für mich waren meine Erlebnisse eine Grenzerfahrung, die ich außerhalb dieser Welt so nicht gemacht hätte. Meine Arbeiten sind Zitat und Hommage an diese Zeit. Ich möchte die Wahrnehmung für die Vergänglichkeit und Schönheit des einzelnen Moments schärfen und gleichzeitig den Leuten aus der Szene zeigen, dass sich nicht immer alles im Dunklen abspielen muss. Diese Sphären sollen nicht mehr so radikal getrennt werden. Über die Kunst entsteht der Dialog.

Aus welchen Komponenten besteht die Serie?
Die Serie zeigt mehrere sich drehende Technics-Plattenspieler, auf denen ich jeweils verschiedene Objekte platziert habe. Der Plattenspieler war bis dato mein ständiger Begleiter und Werkzeug meiner bisherigen Ausdrucksweise über die Musik. Nun entfremde ich ihn zum Ready-made und lege Objekte anstatt Platten auf. Auch hier entstehen durch die Kombination verschiedener Sequenzen neue Kompositionen.

Milen Till: Vodka Soda, © Milen Till.

Milen Till: Vodka Soda © Milen Till.

Wie lange arbeitest du schon an der Serie?
Die erste Arbeit entstand aus einer spontanen Idee heraus, als ich beim Feiern beobachtet habe, dass die Leute ihre Gläser auf meinen leeren Plattenspielern abgestellt haben. Ich habe das aufgegriffen und sie durch Strohhalme miteinander verbunden. Der Künstler Christian Rosa ist ein guter Freund von mir und als er ein Video davon sah meinte er zu mir, da müsse ich unbedingt mehr von machen. Das hat mich natürlich in meiner Herangehensweise zusätzlich bestätigt. Und so ist mit der Zeit eine ganze Reihe von Arbeiten entstanden.

WANN: Die Ausstellung eröffnet am Freitag um 19 Uhr. Für die musikalische Untermalung des Abends sorgt Bonnie, die einen Endlosmix speziell für die Arbeit produziert hat. Free Dinks wird es auch geben. Zu sehen sind die Arbeiten vom 18. bis 30. Juni 2016.
WO: Die Installation wird in den Schaufenstern unseres liebsten Conceptstores Schwittenberg am Salvatorplatz 4 in 80333 München gezeigt.

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