Die schöne Lebendigkeit der Dinge
Tatiana Trouvé im Palazzo Grassi

12. September 2025 • Text von

Unter dem Titel “The Strange Life of Things” zeigt die Pinault Collection im Palazzo Grassi in Venedig die bislang größte Einzelausstellung von Tatiana Trouvé. Die französisch-italienische Künstlerin präsentiert auf drei Etagen ein komplexes Geflecht aus Objekten, Installationen und Zeichnungen. Die Show ist ein vielschichtiges System aus subjektiven Erinnerungen und Projektionen, das Fragen nach Raum, Zeit und der Materialität der Dinge aufwirft.

Tatiana Trouvé​: L’inventario, 2003-2024, Collection of the artist © Tatiana Trouvé, by SIAE 2025. Installation view, “Tatiana Trouvé. The strange Life of Things”, 2025, Palazzo Grassi, Venezia. Ph. Marco Cappelletti and Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio © Palazzo Grassi, Pinault Collection.

Blumensträucher, Samen, Muscheln, Schuhe, Taschen, Bücher, Schachteln, Metalldosen, Schlüssel, Radio und Tonbandgeräte, alles gesammelt, in einer eigentümlichen Ordnung sortiert und raumgreifend in einem Raum des Palazzo Grassi in Venedig präsentiert. Doch die französisch-italienische Künstlerin Tatiana Trouvé zeigt hier keine gewöhnlichen Gegenstände. Die Muscheln und Blumen sind metallische Abgüsse aus Aluminium und Bronze, die Bücher sind fein bearbeitete Blöcke aus Marmor und auch die vermeintlichen Kartonplatten, auf denen diese höchst subjektive und obsessive Sammlung aufgebahrt ist, wurden in Aluminium gegossen, um den Exponaten etwas mehr Halt zu geben. Selbst den leeren Konservendosen wurde ein zweites Leben in einem anderen Metall geschenkt.

Tatiana Trouvé​: The Great Atlas of Disorientation, 2017; Untitled 2017-2025; Somewhere in the Solar System, 2017; Untitled, 2021; Untitled, 2021; Untitled 2021, Collection of the artist © Tatiana Trouvé, by SIAE 2025. Installation view, “Tatiana Trouvé. The strange Life of Things”, 2025, Palazzo Grassi, Venezia. Ph. Marco Cappelletti and Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio © Palazzo Grassi, Pinault Collection.

Die Installation “L’inventario” basiert auf einem Lagerraum im Keller von Trouvés Atelier in Montreuil, wo viele der in ihren Werken verwendeten Objekte archiviert sind und das Potenzial haben, jederzeit wieder aktiviert zu werden. Ein Atelier ist ein eigentlich privater Ort, an dem Objekte und Werkzeuge aufbewahrt, Techniken und Materialien getestet, Modelle gebaut und Zeichnungen und Skulpturen erstellt werden. Der Blick in dieses ausgestellte Atelier ermöglicht aber einen intimen Blick in das künstlerische Universum dieser Künstlerin, in ihre Gedächtniskammer, ihr Repertoire und auf ihre Methoden, die in der gesamten Ausstellung immer wieder aufblitzen und durchscheinen.

Mit “The Strange Life of Things” verwandelt sie den Palazzo Grassi in ein dreistöckiges, dynamisches Gefüge. Das Ausstellungshaus ist gefüllt mit einer beeindruckenden Auswahl von Zeichnungen, Installationen und Skulpturen, die auf materieller und inhaltlicher Ebene mit den Koordinaten von Raum und Zeit zu spielen scheinen. Räume reagieren aufeinander, Objekte tauchen auf und verschwinden wieder, Dimensionen verschieben sich. Trouvé selbst beschreibt ihr Werk als ein “offenes Ökosystem”. Dieses System ist durchzogen von wiederkehrenden Objekten und Motiven: Koffer, Decken, Bücher, Stühle. Hölzer und Blumen. Sie bilden ein Inventar des Übergangs und eine Sammlung von Artefakten, zugleich vertraut und fremd, mal gegossen, gezeichnet, mal verfremdet und verzerrt. Wie Erinnerungsfragmente tauchen sie in unterschiedlichen Kontexten auf und bedingen einander.

Tatiana Trouvé​: Hors-sol, 2025, Collection of the artist © Tatiana Trouvé, by SIAE 2025. Installation view, “Tatiana Trouvé. The strange Life of Things”, 2025, Palazzo Grassi, Venezia. Ph. Marco Cappelletti and Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio © Palazzo Grassi, Pinault Collection.

In ihrer bildhauerischen Strategien nutzt Trouvé geschickt den Wechsel zwischen den unterschiedlichen Materialien. Sie gießt organische Elemten in Metall und spielt so mit dem Konzepten von Vergänglichkeit und Bewahrung. Auch die Haptik weicher Stoffe und die Textur von fragilem Papier werden von ihr durch den Guss in der Zeit fixiert. Dabei verändert sie auch die Maßstäbe und Dimensionen. Mittels architektonischer Eingriffe schafft sie im Palazzo Grassi Räume, die sich in die ursprüngliche Struktur einfügen und diese aufbrechen. Geschickt platzierte Glaswände und Paravents erweitern dieses Spiel mit dem Raum: Innen und Außen verschwimmen, manche Räume können nicht betreten, nur durch kleine, in die Architektur eingefügte Glastüren betrachtet werden. Andere Räume sind bewusst offen angelegt, die großformatigen Skulpturen haben genug Platz, ihre subtile und poetische Wirkung zu entfalten.

Ein solcher Eingriff ist auch im Atrium zu sehen: Asphalt überzieht den kunstvollen Marmorboden des Palazzos, ein Material, das als alltägliche Oberfläche urbaner Infrastruktur vertraut ist und zugleich tief in die geologische Vergangenheit verweist. In die schwarze Fläche sind Abgüsse aus verschiedenen Metallen von Kanaldeckeln und Metallplatten für Versorgungsleitungen eingebettet, die Trouvé in Städten auf der ganzen Welt gefunden hat, darunter Paris, London, Rom, Venedig und New York. In ihrer Anordnung suggeriert die Künstlerin eine vermeintliche Verbindung dieser Städte, und sei es nur eine biografische.

Auch in dieser Skulptur zeigen sich die Ebenen von Trouvés künstlerischer Praxis: Sie schichtet Metall auf Asphalt und Marmor und verbindet dabei zivilisatorische Artefakte mit biografischen Elementen. Aus dem zweiten Stock des Palazzo Grassi betrachtet ergibt sich dazu noch eine weitere Perspektive: Die metallischen Kanaldeckel wirken wie eine mittelalterliche Karte des Nachthimmels, die Konstellationen zeigt, die als Orientierungshilfe für Reisende dienen könnte. 

Tatiana Trouvé​: Navigation Gate, 2024, Collection of the artist; Sitting Sculpture, 2024, Collection of the artist, courtesy Gagosian; Storia Notturna, 30 giugno 2023, 2024, Collection of the artist © Tatiana Trouvé, by SIAE 2025. Installation view, “Tatiana Trouvé. The strange Life of Things”, 2025, Palazzo Grassi, Venezia. Ph. Marco Cappelletti and Giuseppe Miotto / Marco Cappelletti Studio © Palazzo Grassi, Pinault Collection.

Die Ausstellung “The Strange Life of Things” ermöglicht einen tiefen Einblick in die beeindruckende künstlerische Praxis einer Künstlerin, die in ihrer bildhauerischen Praxis mit der Materialität und den Dimensionen ihrer Motive spielt. Ihre Arbeiten schweben in Ambiguität, Trouvé konstruiert keine abgeschlossenen Werke, sondern offene Systeme der Gleichzeitigkeit. Dabei nutzt sie, metaphorisch wie real, Überlagerungen, Überschreibungen und Schichten. Objekte des Alltags werden durch ihre Prozesse zu Teilen skulpturaler Ensembles, die enigmatisch, poetisch und metaphysisch wirken und über ihre eigene Bedeutung hinausweisen.

WANN: Die Ausstellung “The Strange Life of Things” ist noch bis zum Sonntag, den 4. Januar 2026, zu sehen.
WO: Palazzo Grassi, Campo San Samuele, 3231 Venedig, Italien.

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