STROKE Preview
5 Artists to Watch

28. April 2016 • Text von

Kunstmessen bedeuten Bilderflut. Und lasst es euch gesagt sein: Bei der STROKE gilt das ganz besonders. Wenn es um Urban Art geht, sind wir nicht die ersten Experten am Platz, aber wir haben uns schlaugemacht.

„Erklären kann man das nicht – man muss es erleben.“ Wenn Marco und Raiko Schwalbe von ihrem Herzprojekt erzählen, geraten sie ins Schwärmen. So muss es sein. Seit sieben Jahren veranstalten sie die Kunstmesse STROKE. Der Fokus liegt auf Urban Art und auf dem Kreativgenuss abseits von Spekulationsinteressen. Berührungsängste sind hier fehl am Platz, auch den ganz dicken Geldbeutel muss man nicht einstecken haben.

Ab Mittwoch, den 4. Mai, könnt ihr euch selbst einen Eindruck von dem Spektakel auf der Praterinsel machen. Aus unzähligen Künstlern – wirklich, wir haben Zählen in Betracht gezogen, das dann aber schnell verworfen – haben wir unsere fünf Favoriten gewählt. Die solltet ihr euch vor Ort auf keinen Fall entgehen lassen.

Metronome © Thomas Bestvina

Metronome, Ausstellungsansicht © Thomas Bestvina.

Thomas Bestvina
Kunstkollektiv Arthohlstrasse – Zürich

Wer online unterwegs ist, weiß, wie schnell es da zuweilen zugeht. Wieso ist es so wichtig, auch mal digitalen Stillstand abzubilden?
Ich bin Berater in einer Agentur für digitale Kommunikation. Mein Alltag wird von Websites, Plattformen und Blogs bestimmt. Auf der Suche nach einer neuen, visuellen Ausdrucksform bin ich auf die Idee gekommen, den Strom von Blogs und Informationen aus dem Internet festzuhalten. Das Internet bietet uns eine fast unendliche Fülle an Bildern, Videos und Musik, die immer schnelllebiger wird. Kunstbilder auf Blogs wie auch Musik sind perfekte Beispiele dafür, wie schnell neue Bilder kommen – und auch wieder gehen. Mit meinen Arbeiten versuche ich, genau diesen Strom an Bildern festzuhalten. Abstrakte und selten definierbare Formen ergeben sich aus dem bewegten Kontext, das bewegte digitale Bild wird auf einmal greifbar. Wichtig ist es mir allderings nicht, dass es zu einem digitalen Stillstand kommt. Ich beobachte lediglich die Entwicklung ohne sie werten.

Lorenz Graf und Thomas Bestvina (r.) vom Kollektiv Arthohlstrasse

Lorenz Graf und Thomas Bestvina (r.) vom Kunstkollektiv Arthohlstrasse © Arthohlstrasse.

Deine Arbeiten sind Langzeitbelichtungen des Internets. Wie genau entstehen die?
Ich sammle diverse Blogs, Bilder und Videos. Die Bilder entstehen durch die Langzeitbelichtung mit der Fotokamera. Während die Linse geöffnet ist, scrolle ich durch die Blogs, blätter durch Bilder und lasse Videos im Hintergrund laufen. Sämtliche Bilder sind zufällig entstandene Formen und Farben.

Zusammen mit Lorenz Graf bildest du das Kunstkollektiv Arthohlstrasse. Während die Gegenstände deiner Werke kaum greifbar sind, arbeitet Lorenz mit naturbezogenem Material. Wieso könnt ausgerechnet ihr so gut zusammenarbeiten und wie kann ich mir das vorstellen?
Die Zusammenarbeit mit Lorenz besteht seit einigen Jahren. Zurzeit arbeiten wir in völlig gegensätzlichen Richtungen, stimmt. Genau dieser Gegensatz bringt aber den nötigen Austausch und Gesprächsstoff während der Arbeit. Seine naturbezogenen Materialien, die in Harz eingegossen sind, stehen in einem völlig anderen Kontext als meine digitalen Langzeitbelichtungen der nicht fassbaren digitalen Welt. Die Gemeinsamkeit bei unseren Werken findet sich in der neuen Anordnung des ursprünglichen Materials. Egal ob naturbezogene Stoffe oder digitale Bilder, beide werden dem ursprünglichen Kontext entrückt und dem Betrachter in einer neuen visuellen Sprache vorgestellt.

Comfort Zone No. 1 (2013). Giclée-Print auf Hahnemühle Photo Rag® 308g, 43 x 65 cm, Auflage 20 Ex. © Tadao Cern.

Tadao Cern
Ingo Seufert – Galerie für Fotografie der Gegenwart – München

Wie genau ist es dir gelungen, diese Aufnahmen zu machen?
Ich habe eine lange Stange mit einer Kamera oben dran benutzt. Die habe ich mir auf die Schulter gestellt und der Prozess war mehr ein Scannen des Bodens als ein Schießen einzelner Bilder. Genau diese Perspektive war eins meiner Hauptziele bei dem Projekt: Sie verleiht den Bildern etwas Typologisches, Sauberes und eine surreale Wirkung entfaltet sich. Deswegen finde ich die Aufnahmen so reizvoll. In manchen Fällen ist es kaum zu glauben, dass sie echt sind. Ich denke, dass Perspektive gute von schlechten Fotos unterscheiden lässt, denn in Bildern sucht man immer nach etwas anderem als dem, was man mit deinen eigenen Augen zu sehen gewohnt ist. In diesem Fall vermittelt diese spezielle Perspektive dem Betrachter den Eindruck, er schwebe über diesen Menschen, ohne dass sie ihn überhaupt wahrnehmen.

© Tadao Cern.

© Tadao Cern.

Hat sich denn schon jemand in deinen Bildern wiedererkannt?
Ja, ein Mädchen hat mir geschrieben und gefragt, ob die Aufnahmen echt seien. Ich habe ja gesagt und dann hat sie mir erzählt, dass sie auf einem Foto ihren Vater entdeckt hat. Sie hat ihm das dann zu Weihnachten geschenkt. Das Bild hat ihm sehr gefallen und er hat es sich ins Schlafzimmer gehängt. (lacht) Später hat er dann noch gesagt, er müsse mal ein bisschen abnehmen …

Die Serie heißt „Comfort Zone“. Wo fühlst du dich selbst am wohlsten?
In meinem Studio. Allein. Wenn ich weiß, ich muss keine Anrufe erledigen oder irgendjemanden treffen. Ich könnte 24/7 niemanden sehen und würde mich noch immer sehr wohl fühlen. Das soll nicht heißen, dass ich die Gesellschaft anderer Leute nicht schätze – ich bin nur noch ein bisschen lieber allein. (lacht)

Eric Haacht: 'Untitled' ( paper trail 005 ), 100 x 100 cm, oil on canvas © Eric Haacht

Eric Haacht: ‚Untitled‘ ( paper trail 005 ), 100 x 100 cm, oil on canvas © Eric Haacht.

Eric Haacht
34FineArt – Großbritannien

Du malst Porträts, doch das Gesicht der Porträtierten zeigst du nicht. Wieso eigentlich?
Ich will einfach nichts über die Person aussagen, die ich male. Ihre Identität interessiert mich nicht wirklich. Ich würde nicht sagen, dass mich das einzelne Subjekt nicht interessiert, aber ich versuche mit meinen Arbeiten nichts zu erzählen. Natürlich gibt es dahinter eine Erklärung für mich, aber ich habe nicht die Absicht, die mit dem Betrachter zu teilen.

Tragen die Bilder deswegen auch keinen Titel?
Genau. Bei Malerei geht es meiner Meinung nach um Technik, deswegen hat der Titel für mich keine Bedeutung.

Zeigt nicht nur das Gesicht seiner Porträtierten nicht: Eric Haacht.

Zeigt nicht nur das Gesicht seiner Porträtierten nicht: Eric Haacht © Eric Haacht.

Du hast dir das Malen selbst beigebracht. Wenn du dir einen Lehrer hättest aussuchen können, wer wäre das gewesen?
Eric Cantona.

Was bedeutet es dir, deine Arbeiten öffentlich zeigen zu können?
Am besten gefällt mir, dass ich durch das Internet die volle Kontrolle darüber habe, was ich mit der Öffentlichkeit teile. Ich denke, das Internet wird eine immer größere Rolle dabei spielen, wie Kunst wahrgenommen, gekauft und verkauft wird. So wie wir es gerade teilweise in der Musikindustrie beobachten können, werden Künstler selbstbestimmter über ihr Werk verfügen können.

Julie Nymann: Kys | Kiss, (2012) Video, 02' 58'', Editons 4+1 (artist cop)

Julie Nymann: Kys | Kiss, (2012) Video, 02′ 58“, Editons 4+1 (artist cop) © Julie Nymann.

Julie Nymann
Mixer – Istanbul

In deinem Video „Kys Kiss“ wird viel Luft geleckt, zu einem richtigen Kuss kommt es nicht. Was passiert da mit den Doppelgänger-Frauen?
Inspiriert vom Gedanken des Selbstbildes erforscht die Performance einen intimen Akt: Attraktion und Abscheu. Wie bei einem Theaterstück mit zwei identischen Figuren liegt der Fokus auf der Sensation des Unterschieds. Es ist, als gucken die Doppelgänger in einen Spiegel. Sie sehen das Gleiche, doch es löst in ihnen unterschiedliche Gefühle aus.

Bei deinen Arbeiten lässt du dich oft von alten Mythen inspirieren. Wie kommt’s?
Durch mein Training hinter der Kamera beschäftige ich mich oft mit Machtverhältnissen, der menschlichen Fantasie und Weiblichkeit. In der Auseinandersetzung mit Mythologie und Surrealismus untersuche ich Lyrik mittels performativer Ansätze. Ich bediene mich der Unmittelbarkeit körperlicher Bewegungen, um mit optischen Täuschungen durch sich überlagernde Videoclips zu spielen. Dabei konzentriere ich mich auf die Frage, wie Identität und das Verständnis von einem Selbst konstruiert und über seltsame, lustige oder düstere Emotionen wahrgenommen werden können.

Hast du einen Lieblingsmythos?
Mein Interesse geweckt hat zum Beispiel der Mythos des schönen Narziss, dabei besonders die Figur der Nymphe Echo.

Rafael Hayashi: Erro, 100 x 100 cm, Öl auf Leinwand, 2016 © Rafael Hayashi

Rafael Hayashi: Erro, 100 x 100 cm, Öl auf Leinwand, 2016 © Rafael Hayashi.

Rafael Hayashi
a7ma – São Paulo

Deine Bilder sind ziemlich düster, tragen Titel wie „Betrug“, „Fehler“ oder „Verlassen“. Gibt es noch Hoffnung für die Menschen, die du abbildest?
Ich denke, ich habe da gerade so eine Phase. Diese dunkle Seite, die sich in meiner Malerei in der letzten Zeit offenbart, spiegelt all die Dinge in unserer heutigen Gesellschaft, gegen die ich eintrete. Die Leute haben zu wenig Respekt. Die Achtlosigkeit, mit der sie einander und unseren Planeten behandeln, macht mich wütend. Diese Wut kann man aus meinen Arbeiten zweifelsohne lesen. Für mich ist Malerei ein Ventil für all die negativen Gefühle geworden, die ich in mir trage. Vielleicht ändert sich das wieder. Vielleicht bleibt es aber auch noch eine Weile so, denn ich sehe nicht, dass sich die Dinge in naher Zukunft ändern. Ich weiß, das klingt nicht besonders hoffnungsvoll.

© Rafael Hayashi

© Rafael Hayashi.

Wie beeinflusst São Paulo, die Stadt in der du geboren wurdest und in der du arbeitest, deine Kunst?
Mit meiner Malerei untersuche ich zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen. São Paulo ist allerdings der Ort, an dem ich gelernt habe, mit anderen eine Verbindung einzugehen und auch die Verbindungen zu verstehen, die andere miteinander eingehen. Die Stadt hat meine Persönlichkeit geprägt, meinen kritischen Blick geschärft und das alles zeigt sich in meiner Kunst. Vermutlich macht São Paulo meine Malerei aggressiver. Es ist eine gigantische Stadt mit unfassbar großen sozialen Problemen, die sich einfach nicht lösen lassen. Daraus entstehen konstant Konflikte und auch die spiegelt meine Arbeit natürlich.

Bei deiner Arbeit schleichen sich auch immer wieder asiatische Einflüsse ein. Wie passt das alles zusammen?
Mir fällt es schwer, zu definieren, welche Einflüsse asiatischer und welche westlicher Herkunft sind. Ich habe nie in Japan gelebt, bin aber mit meinen Großeltern aufgewachsen. Die waren Japaner und haben mich viel über die japanische Tradition und die Menschen dort gelehrt. Mein Bildungsweg ist natürlich absolut westlich geprägt. Da vermischen sich verschiedene Kulturen und mittlerweile kann ich gar nicht mehr genau sagen, welche Ideen ich woher nehme. Manchmal ist es natürlich aber auch ganz klar: Ich habe zum Beispiel Sumi-e gelernt. Das ist eine Technik der Tuschemalerei, bei der mit wenigen schnellen und präzisen Bewegungen maximale Ausdruckskraft erzielt wird. Sie wurde von Zen-Buddhisten entwickelt.

Genug Inspiration gesammelt, ihr Lieben? Na, dann hin da!

WANN: Die STROKE läuft von Mittwoch, den 4., bis Sonntag, den 8. Mai. Genaue Öffnungszeiten findet ihr hier.
WO: Praterinsel, 80538 München

In freundlicher Zusammenarbeit mit STROKE.

Bereits vor einiger Zeit hat uns Raiko Schwabe, Creative Director der STROKE, von seinem Projekt erzählt. Nachlesen könnt ihr das hier.

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