Space tone
Das Künstlerduo Kata Kovács und Tom O’Doherty erforscht den Klang von Räumen

20. Mai 2019 • Text von

Seit bereits vier Jahren nehmen die Künstler Kata Kovács und Tom O’Doherty täglich für die Installation „Minute/Year“ eine Minute lang den Sound im Raum auf. Das künstlerische Experiment erschließt akustische Basisnoten, die Räume unterscheiden können. Ob diese Klänge wohl auch die Atmosphäre von Orten verändern?

Spectograms © Kovács/O’Doherty

Kovács und O’Doherty haben mich kurz vor der täglichen Aufnahmezeit der Sound Installation „Minute/Year“ ins grüntaler9 eingeladen, mir eine ganze Dose ein-Cent-Münzen in die Hand gedrückt und mir erlaubt, diese, eine Minute lang, während der Aufnahme der „Minute“ durch den ganzen Raum zu werfen. Sobald die „Minute“ aufgenommen ist, wird sie automatisch online gestellt. Meine Minute of Fame gibts hier zu hören. Alle Details zur Installation und der künstlerischen Erforschung räumlicher Akustik gibts im folgenden Interview zu lesen. Einen visuellen Eindruck der letzten „Open Minute“, in der die Besuchenden offensichtlich genauso viel Spaß hatten, wie ich, gibts hier zu sehen.

GT: Woraus besteht das Konzept eurer künstlerischen Arbeit?
Tom: Wir haben in den letzten vier Jahren eine Installation in vier verschiedenen Räumen angebracht. Diese besteht aus Lautsprechern, Mikrofonen und einem Rasperry Pi. Jeden Tag zur gleichen Uhrzeit nehmen die Mikrofone eine Minute lang die Geräusche im Raum auf und gleichzeitig spielen die Lautsprecher die aufgenommene Minute des Vortages ab. Dies wiederholt sich täglich. Dadurch entsteht ein Layer von allen Minuten der letzten Jahre. Alles was in der „Minute“ im Raum passiert, ist Teil der Aufnahme.

Kata: Das layern der letzten Jahre funktioniert nur konzeptionell gesehen. Technisch gesehen hat man keine Chance, die Sounds von vor vier Jahren zu hören. Dadurch, dass der Schall physisch von Lautsprecher zu Mikrofon reist, ergibt sich ein Verlusteffekt. Wenn für eine Weile kein Ton hinzugefügt wird, verblasst der alte Inhalt.

mikrofone

Close-up of the microphones © Kovács/O’Doherty

Tom: Das liegt daran, dass die Wiedergabe immer die gleiche Lautstärke hat. Wenn ich während der Aufnahme klatsche, wird dies am folgenden Tag durch die Lautsprecher ein wenig leiser abgespielt. Das bedeutet, dass mit der Zeit alles langsam verblasst, aber es werden immer wieder neue Töne hinzugefügt. Beispielsweise vorbeifahrende Autos oder das Schreien von Vögeln. Mit der Zeit ist es jedoch nur noch wie mit Wellen am Strand. Der Ton kommt herein und verschwindet wieder.

Geräusch in Spektogram

Car passing by © Kovács/O’Doherty

Kata: Uns interessiert daran das Ausklingen des Tones, der aufgenommen wird, die auftretenden Verzerrungen und die persönlichen Frequenzen der Räume. Man hört nicht nur das Verschwinden von Geräuschen, sondern auch das Summen der Raumfrequenz in der „Minute“.

Tom: Die Raumfrequenz klingt wie der Nachhall einer Gitarrenbox. Es ist eine seltsame Art von Dröhnen und ist je nach Raum unterschiedlich. Man weiß nie, welche Töne in einem neuen Raum erscheinen oder welche akustische Gestalt aus den Schichten im Laufe der Zeit entsteht. Jeder Raum hat seine eigene Frequenz und diese existiert auch, wenn es fast ganz ruhig ist.

Also hat jeder Raum seinen eigenen Ton? Auf den Bildern der Spektrogramme sieht es aus, als würde der Ton den Boden schaffen. Als würde sich alles darauf aufbauen.
Tom: Es ist wie die Basisnote.

Welche Art von Räumen habt ihr genutzt?
Kata: Im ersten Jahr eine Privatwohnung, im zweiten Jahr eine WG mit einem großen Galerieraum, im dritten Jahr eine Bar in Friedrichshain und jetzt im vierten Jahr sind wir in grüntaler9, ein Projektraum und Studio für künstlerische Experimente.

Space 2019 © Kovács/O’Doherty

Tom: Derzeit recherchieren wir die Möglichkeit, die Installation in einem Bahnhof anzubringen.

Kata: Es gibt interessante Konflikte, an die wir nicht gedacht haben. Beispielsweise, dass der öffentliche akustische Raum kaum verändert werden darf. Dies ist wichtig für sehbehinderte Menschen, denn für sie kann es störend sein, wenn es plötzlich klingt, als würde die Akustik sich ausdehnen.

Über welchen Zeitraum soll die Installation laufen?
Kata: Es gibt kein festes Ende. Im Jahr 2019 läuft die „Minute“ immer um 20.19 Uhr. Da die „Minute“ jedes Jahr um eine Minute nach hinten rückt, wird 2059 das letzte Jahr sein, in dem die „Minute“ auch dem Jahr entspricht. Was danach passiert, wissen wir noch nicht.

© Kovács/O’Doherty

Es ist spannend zu verfolgen, wie sich der Klangraum in Zukunft verändern wird. Allein der Sound von Elektroautos wird bestimmt einen großen Unterschied machen.
Tom: Wir interessieren uns auch für die Klangveränderungen des sozialen Raumes in den nächsten Jahrzehnten. Es könnten sehr unterschiedliche Töne auftauchen und wir wissen noch nicht, welche es sind.

WANN: Die nächste „Open Minute“, in der Besuchende an der Gestaltung von Raumakustik teilhaben können, findet Montag, den 20. Mai ab 19:30 Uhr statt.
WO: grüntaler9, Grüntaler Straße 9, 13357 Berlin.

Weitere Artikel aus Berlin