Erst Sisi, dann Einstein, dann Du 15 Jahre "sommer.frische.kunst" in Bad Gastein
10. Juli 2025 • Text von Anna Meinecke
Langsam, „slow“, nicht einfach die Skipiste runterbrettern, wobei da im Sommer ohnehin keine Gefahr besteht. Die Warnhinweise sind Teil des Festivals „sommer.frische.kunst“ in Bad Gastein. Zum 15. Mal locken zeitgenössische Positionen an den skurril-schönen Kurort. Nicht repräsentative Umfragen haben ergeben: Wer einmal da war, kommt höchstwahrscheinlich wieder.

Rollladen hoch im „Höchsten Kasperletheater der Welt“. Auf knapp 1500 Metern, einen kurzen Fußmarsch entfernt von der Mittelstation des Graukogel-Sessellifts haben Pegasus Product ihre selbst gebaute Handpuppenbühne angerollt und ausgeklappt. Hier wird etwa eine halbe Stunde lang ein exzessaffiner Kasper seinen Kumpanen Seppl einspannen, Geld aufzutreiben, um – na klar – die Großmutter im österreichischen Kurort Bad Gastein Radon-geschwängerte Frischluft schnuppern zu lassen.
Im Rahmen des Kunstfestivals „sommer.frische.kunst“, das nun bereits zum 15. Mal in eben jenem Bad Gastein stattfindet, haben Pegasus Product den Aufführungsort ihrer Performance geschickt zum Gegenstand derselben gemacht. Außerdem: Eine Faust liest „Faust“, eine Vape-Wolke wird Discodampfmaschine, ein Kaltgetränk, versetzt mit Borneo-Affen-Muttermilch, zum wiederholten Werbegag.

Das Publikum johlt, beteiligt sich eifrig. Binnen weniger Minuten haben die Berliner Künstler Gernot Seeliger, Dargelos Kersten und Anton Peitersen die kunstinteressierte Gesellschaft für sich eingenommen, die vorsichtig zwischen in unterschiedlichen Gradstufen getrockneten Kuhfladen platzgenommen hat. Festival-Direktorin Andrea von Goetz wird eingespannt, dem Kasperl die ersehnte Kippe anzustecken. Einzig die erbetenen 10.000 Euro mag zum Ende der Show keiner der Anwesenden in Seppls Klingelbeutel versenken.
Wohlwollend ließe sich mutmaßen, die Brieftaschen seien bereits gelehrt, hatte doch am Vortag das Messeformat des Festivals art:badgastein eröffnet, erstmals organisiert in Kollaboration mit der Kunstmesse Positions Berlin. Zwei Etagen des einstigen Grandhotels Astoria bespielen zehn Tage lang acht Galerien aus Deutschland, eine aus Österreich sowie einzelne Künstler:innen.

Kronleuchter, bodenlange Vorhänge, ornamentale Tapeten, mit niedlichen Stoffen bespannte Polsterstühle und das ein oder andere Holzbettgestell skizzieren den Charme der auslaufenden Belle Époque, vielleicht unterstreichen sie auch die wohnlichen Qualitäten der gezeigten Arbeiten. Hier und da steht eine Balkontür offen. Die Verkaufsveranstaltung im Rücken eröffnet sich der Blick auf bewaldete Steilhänge, alte Prachthotels und – je nachdem, wen man denn nun fragt – Schand- oder Schönheitsflecken, die der Brutalismus dem Ort vermacht hat.
Als besonders gelungener Schachzug erweist sich im Astoria die Integration der Academy Positions. Der Positions-Ableger lädt zur Hauptmesse Absolvent:innen von Kunsthochschulen für mehr frischen Wind im Portfolio. Sechs Nachwuchskünstler:innen sind in Bad Gastein vertreten. Verteilt über die gesamte Ausstellungsfläche und gleichwertig präsentiert mit den professionellen Galerien, sind die Positionen fürs einigermaßen geschulte Auge stilistisch, nicht aber in ihrer Qualität von denen zu unterscheiden, die vermeintlich bereits am Markt Fuß gefasst haben.

Ein ganzes Zimmer voller Tiermalereien von Alanna Dongowski, Studentin der Berliner Weißensee Kunsthochschule, konkurriert mit der Wiener Galerie Zeller van Almsick im Nachbarraum um die gelungenste Raumpräsentation. Wolf in Wald, Wolf im Schafspelz, Wölfe hinterm Steuer vs. flammender Laptop (Xenia Lesniewski), glamouröses Frühstücksei (Li Jun), reges Treiben in – wie passend – Hotelzimmern (Livia Avianus).
Gestartet 2011 mit einem Residency-Programm im stillgelegten Wasserkraftwerk ist „sommer.frische.kunst“ konstant gewachsen. Das Festival oder Bad Gastein oder vielleicht eben genau das Festival und der Ort Bad Gastein zusammen haben treue Fans gesammelt. Der skurril-schöne Kurort, an dem sich schon Kaiserin Sisi, Thomas Mann und Albert Einstein erholten – unabhängig voneinander, in dessen Nobelhotels Liza Minnelli oder Falco abstiegen, war jahrelang von Leerstand geprägt. Inzwischen wird wieder investiert, renoviert und erweitert.
Am Eröffnungswochenende der „sommer.frische.kunst“ jedenfalls trifft man auf mehr Wiederkehrende als Erstbesucher:innen. Im Hotel Regina haben sie alle schon mal irgendwann genächtigt, im Café Schuh solle man vorbeischauen. Ja, so ein Radonwannenbad, ganz was Feines. Nein, auf Bad Gastein lasse man nichts kommen, aber Edelgas inhalieren, das müsse nicht sein. An der Stelle zur Abwechslung einmal: Uneinigkeit.

Die Jubiläumsausstellung von „sommer.frische.kunst“ im Kraftwerk am Fuße des Bad Gasteiner Wasserfalls beweist, dass nicht nur Besuchende auf den Geschmack zu kommen scheinen, sondern dass auch Künstler:innen gern zurückkehren. „Welcome back!“ ist, wie der Name indiziert, den Wiederkehrenden gewidmet.
Alle 15 Künstler:innen haben schon einmal im Rahmen des Festivals ausgestellt, darunter Gerwald Rockenschaub, Jorinde Voigt und Kazunori Kura. Letzterer behauptet sich mit einer dezenten Schwarz-Weiß-Fotokomposition von Bergkulisse neben einem Fenster mit Blick auf Bergkulisse angenehm subtil neben den andernfalls oft lauten, farbenfrohen, grafischen oder poppigen Arbeiten.
„sommer.frische.kunst“ begleitet die Sommersaison in Bad Gastein. Während vor dem Radon Pavillon Eröffungsreden gehalten werden, schieben sich Wanderer irritiert durch die wohlfrisierte Menge. Als das Kunstpublikum vor dem Kraftwerk den Ansprachen lauscht, ist für Tourist:innen auf dem Wasserfallweg kaum ein Durchkommen. Das Kunstfestival ist dennoch alles andere als ein Fremdkörper in der Urlaubsregion. Initiiert von Hoteliers und Tourismusverband ist und bleibt es für sie gemacht.

Selbst das Eröffnungswochenende, das über die Laufzeit des Festivals die höchste Programmdichte aufweist, lässt Besuchenden üppig Zeit für Pausen. Ein Kaffee hier, eine Limo da. Eigentlich könnte man ja auch mal unabhängig von der ganzen Kunstsache, vielleicht mit Freund:innen … – so wirkt der Zauber von Bad Gastein.
Es scheint, hier wird über Eventkultur hinaus etwas Nachhaltiges kultiviert. Ganz langsam, „slow“, wie es Theresa Hattingers Ski-Pisten-inspirierte Warnhinweise am Hang oberhalb der Mittelstation des Graukogel-Sessellifts gebieten. Körperliche Unversehrtheit ist nicht der einzige Grund, auch mal einen Gang runterzuschalten.
WANN: Das Kunstfestival „sommer.frische.kunst“ läuft bis zum 31. August.
WO: An verschiedenen Orten in Bad Gastein. Aktuell noch zu sehen sind die Jubiläumsausstellung im Kraftwerk, das Outdoor-Kunstprojekt von Theresa Hattinger am Hang des Graukogels, die Ausstellung von Floor Sabelis im Radon Pavillon sowie die Architekturausstellung „Gastein74 about Garstenauer“ im Kraftwerk, auf dem Kongressplatz und in der Felsentherme.
Vielen Dank für die Einladung zur Pressereise.