SOLID GOLD #6
Dr. Ingrid Pfeiffer

12. Juni 2020 • Text von

Dr. Ingrid Pfeiffer ist Kuratorin der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Gerade hat die von ihr zusammengestellte Ausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ wiedereröffnet. Mit 260 Werken richtet das Ausstellungshaus den Blick auf den weiblichen Beitrag des Surrealismus. Wieso wurden die Künstlerinnen aus dem Kanon der Kunstgeschichte gestrichen? Und wieso werden sie, die in ihren Epochen durchaus Erfolge erzielten, in der heutigen Geschichtsschreibung immer noch nicht auszureichend besprochen? Dass Frauen wie Ingrid Pfeiffer dem nachspüren und die Lücke schließen, ist ein Gewinn für uns alle.

Dr. Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015, Foto: Gaby Gerster.

gallerytalk.net: Mit rund 260 Werken von 36 Künstlerinnen aus 11 Ländern zeigt die von Ihnen kuratierte Themenausstellung “Fantastische Frauen” den weiblichen Beitrag zum Surrealismus, jener Kunstrichtung die nach dem ersten Weltkrieg in Paris von André Breton gegründet wurde. Was war in Ihren Augen an der neuen Bewegung damals so außergewöhnlich?
Ingrid Pfeiffer: Aus heutiger Sicht scheint der Surrealismus besonders in den 1930er-Jahren die ungewöhnlichste und fortschrittlichste Bewegung der Moderne gewesen zu sein. Vor dem politischen Hintergrund des Nationalsozialismus in Deutschland einerseits und dem Stalinismus in der Sowjetunion andererseits verteidigten die Surrealisten eine antieurozentrische und antirassistische Haltung, interessierten sich für die Kunst indigener Völker, feierten Mythen, rebellierten gegen alles Autoritäre und Militärische, zweifelten auch Technologisierung und die überbordende Industrialisierung der Natur an. Statt Logik und Pragmatismus wandten sie sich dem Unbewussten zu, dem Traum, der Poesie und jeder Form von individueller Freiheit. Das zog auch viele junge Künstlerinnen an, die nach Paris kamen.

Dorothea Tanning, Voltage, 1942, Oil on canvas, Collection Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin, © The Estate of Dorothea Tanning/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Photo: Jochen Littkemann, Berlin.

Künstlerinnen stießen zur Gruppe erst einige Jahre später hinzu. Wie war das Frauenbild im Surrealismus und wie reagierten die Künstlerinnen darauf?
„Die Frau“, „das Weibliche“, der weiblichen Körper und die Projektion auf sie als Göttin, Vamp, Kindfrau oder Hexe waren die häufigsten Themen in den Texten, Manifesten und auch Kunstwerken der männlichen Surrealisten. Die echten jungen Frauen – fast alle hatten bereits eine künstlerische Ausbildung absolviert – taten sich als neue Mitglieder der Gruppe schwer, mit solchen irrealen Projektionen umzugehen und sich gegen sie zu behaupten. Künstlerinnen wie Leonor Fini drehten daher die Rollen einfach um: Anstatt einer schlafenden, nackten Frau thront in ihren Bildern eine starke, bekleidete Frau über einem schlafenden, nackten jungen Mann. Fini reagierte mit Ironie auf die Dominanz mancher männlicher Surrealisten. Andere, wie die Fotografin Claude Cahun, wählten eine neutrale Dagarstellung – nicht Mann, nicht Frau, sondern etwas dazwischen. Meret Oppenheim sprach später von der „Androgynität des Geistes“.

Leonor Fini, Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht, 1946, Öl auf Leinwand, 27,9 x 41,3 cm, © Weinstein Gallery, San Francisco and Francis Naumann Gallery, New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

Was macht die Themen und Ideen, die von Frauen im Surrealismus behandelt wurden, so aktuell?
Die englische, später sehr lange in Mexiko lebende Leonora Carrington schildert in ihren Werken traumhafte Welten, in denen Mensch und Tier in friedlicher Koexistenz leben. Ihre Kritik an der Zerstörung der Natur erscheint uns heute höchst aktuell. Auch der Respekt der Surrealisten für die Kunst der indigenen Völker, wie es etwa auch Frida Kahlo mit ihren Zitaten der präkolumbianischen Kultur zeigt, ist ein aktuelles Thema. In vielen Werken betonen die Surrealistinnen die Kraft des Unbewussten und den Wert der Fantasie, so sagte schon Meret Oppenheim: „Es sind die Künstler, die träumen für die Gesellschaft.“

Leonora Carrington, Selbstbildnis in der Auberge du Cheval d’Aube, 1937/38, Öl auf Leinwand, The Metropolitan Museum of Art, New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

In der Ausstellung wird deutlich, dass der Anteil an Künstlerinnen weit größer ist, als bislang bekannt. Wieso ist es im 21. Jahrhundert immer noch notwendig reine Künstlerinnen-Ausstellungen ins Programm zu nehmen?
Noch vor wenigen Jahren hat es in Düsseldorf eine große Überblicksausstellung zum Surrealismus gegeben, in der fast gar keine Künstlerinnen zu sehen waren. Im Ausstellungsbetrieb fehlen gerade in Gruppenausstellungen häufig die Künstlerinnen, obwohl es sie nachweislich immer gegeben hat und das wissenschaftlich auch längst erforscht ist. Ich weiß nicht, warum ein völlig überholter Kanon der Kunstgeschichte ständig wiederholt wird. Ist es Bequemlichkeit oder Ignoranz?

Sagen Sie es uns!
Mir ist auf jeden Fall aufgefallen, dass Künstlerinnen in ihrer Epoche wesentlich mehr Ausstellungen, Publikationen und Möglichkeiten hatten, als man üblicherweise denkt. Sie sind oft im Nachhinein aus der Geschichtsschreibung gestrichen worden. Selbst Frida Kahlo, die 1954 starb, wurde erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt und ist heute die populärste Künstlerin aller Zeiten. Ich würde mir wünschen, dass solche Ausstellungen nur über Künstlerinnen nicht mehr nötig wären und sie bei jeder Gruppenausstellung ganz selbstverständlich einbezogen würden, doch leider sind wir da noch lange nicht soweit.

Claude Cahun, Selbstporträt (I am in Training… Don’t Kiss Me), ca. 1927, Vintage-Silbergelatineabzug, 11,7 x 8,9 cm, Privatsammlung,© Claude Cahun /// Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Dornenhalsband und Kolibri, 1940, Öl auf Leinwand, Collection of Harry Ransom Center, The University of Texas at Austin, Nickolas Muray Collection of Modern Mexican Art © Banco de México Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust/VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

Der jetzigen Präsentation von Künstlerinnen des Surrealismus sind zwei weitere Überblicksausstellungen vorangegangen. 2008 kuratierten Sie eine Show zu weiblichen Positionen im Impressionismus und 2016 zu den Sturm-Frauen. Blicken wir zuerst zurück auf dem Impressionismus: Die Ausstellung zeigte anhand von vier Künstlerinnen und 150 Werken den weiblichen Anteil an der impressionistischen Bewegung. Können Sie uns etwas über die Künstlerinnen erzählen?
Berthe Morisot und auch ihre Schwester Jeanne hatten jahrelang professionellen Malerei-Unterricht und stellten beide mehrfach in der großen Jahresausstellung in Paris, dem Salon, aus. Nach ihrer Heirat beendete Jeanne die künstlerische Arbeit, da ihr Mann dagegen war. Aus diesem Grund blieb Berthe Morisot zunächst lange unverheiratet. Sie war mit Edouard Manet befreundet und wurde oft von ihm porträtiert. Im Gegensatz zu Manet schloss sich Morisot der neu gegründeten Impressionisten-Gruppe an und nahm an deren „Gegenausstellungen“ zum Salon teil, neben Monet, Degas, Renoir und vielen anderen. Die Kritiker lobten Morisots Werke und sahen sie als zentrales Mitglied der Gruppe an. Morisots eigener Stil mit besonderes viel Weiß und extrem lockerem Pinselstrich wurde oft hervorgehoben. Nachweislich beeinflusste ihr Stil Manet, der vorher sehr dunkeltonig gemalt hatte.

Im Gegensatz zu ihrer Schwester übte Berthe, nachdem Sie geheiratet hatte, ihren Beruf als Künstlerin weiter aus?
Ja, Morisot heiratete Manets jüngeren Bruder und bekam eine Tochter. Sie setzte ihre Arbeit aber immer weiter und mit Erfolg fort. Darin wurde sie von ihrem Mann unterstützt. Nach ihrem frühen Tod 1895 erschienen die ersten Bücher über die nun immer bekannteren Impressionisten, doch darin wurde Morisot fast gar nicht erwähnt. Dabei war sie an sieben der acht Impressionisten-Ausstellungen maßgeblich beteiligt. Sie und die drei anderen weiblichen Mitglieder – Mary Cassatt, Eva Gonzalés und Marie Bracquemond – wurden für lange Zeit, bis in die 1970er Jahre, von der männlich geprägten Kunstgeschichte aussortiert. Heute ist die Amerikanerin Mary Cassatt in den USA sehr bekannt und in vielen Museen dort vertreten. Morisots Werk hängt im Musee d’Orsay in Paris, ist aber dem breiten Publikum immer noch weniger bekannt als Monet, Degas und Renoir.

Ausstellungsansicht „STURM-FRAUEN. KÜNSTLERINNEN DER AVANTGARDE IN BERLIN 1910-1932“ © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015, Foto: Norbert Miguletz.

Reisen wir ins Berlin der 1910er bis 1930er Jahre und zur legendären Sturm-Bewegung. Der Galerist der Sturm-Galerie und Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift, Herwarth Walden, spielt eine einzigartige Rolle, gerade was die Förderung von Künstlerinnen zu dieser Zeit angeht. Können Sie diese Rolle skizzieren?
Kein anderer Galerist der Klassischen Moderne hatte so viele Künstlerinnen im Programm wie der unkonventionelle Verteidiger des Expressionismus Herwarth Walden: Selbst zunächst mit der Dichterin und Malerin Else Lasker-Schüler und dann mit der schwedischen Malerin Nell Walden verheiratet, hatte Walden wenig Vorurteile. Er zeigte im Laufe der Jahre über 30 Künstlerinnen in seiner Galerie DER STURM oder publizierte sie in der STURM-Zeitschrift. Künstlerinnen wie Gabriele Münter oder Alexandra Exter profitierten von Waldens internationalen Ausstellungen und seinem Netzwerk sogar über Europa hinaus. Allerdings war Walden nicht sehr geschäftstüchtig und ein großer Idealist, sodass die Künstlerinnen zwar durch ihn ihre Reputation aufbauen, aber nur wenig verdienen konnten.

Ihre Ausstellung stellte mit rund 280 Werken von 18 Sturm-Frauen weibliche Positionen aus Expressionismus, Kubismus, Futurismus, des Konstruktivismus und der Neuen Sachlichkeit vor. Wie waren die Reaktionen aus der Öffentlichkeit auf so viele, teilweise in Vergessenheit geratene Künstlerinnen?
Unser Publikum ist immer begeistert davon, zu erfahren, dass es zu allen Zeiten herausragende Künstlerinnen gegeben hat – auch wenn sie von der männlich dominierten Kunstgeschichte lange ignoriert wurden. Ausstellungen, die den Kanon hinterfragen und ergänzen, zeigen dem Publikum, dass es sich lohnt, auch scheinbar bekannte Strömungen wie den Expressionismus oder den Surrealismus immer wieder neu zu beleuchten.

Über mehrere Epochen hinweg wird deutlich, dass es starke Positionen von Künstlerinnen gibt. Wie kam es dazu, dass die Kunstgeschichte so viele Jahrzehnte den Schaffensprozess von Künstlerinnen ausklammern konnte?
Nach den fortschrittlichen 1920er Jahren folgte mit Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg die Unterdrückung der modernen Kunst auf vielen Ebenen. Dazu gehörte auch die Wahrnehmung von Künstlerinnen. In den gesellschaftlich konservativen 1950er und 1960er Jahren dominierte eine nur von Männern verfasste Kunstgeschichte, die Frauen überhaupt nicht im Blick hatte. Erst mit dem Beginn der feministischen Forschung wurden neue Fragen gestellt und die Kunstgeschichte ganz anders befragt und aufgearbeitet als zuvor. Der Prozess hält immer noch an und ist längst nicht abgeschlossen.

WANN: „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ läuft noch bis Sonntag, den 5. Juli.
WO: Schirn Kunsthalle, Römerberg, 60311 Frankfurt am Main.

Mit SOLID GOLD öffnen wir für euch eine Schatzkammer: Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Green wirft einen Blick hinter die Kulissen des Kunstbetriebs und besucht außergewöhnliche Künstler, Kuratoren und Galeristen in ihren Produktionsstätten. Ob aufregende junge Talente oder etablierte Ausstellungsmacher – das neue Interviewformat stellt Euch spannende Persönlichkeiten des Kunstbetriebs vor.

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