Schönheit als Experiment
Kosmetiksalon Babette im KINDL

1. März 2020 • Text von

Mit „How beautiful you are!“ ist der Kosmetiksalon Babette zu Gast im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst. Die von Maik Schierloh kuratierte Gruppenausstellung widmet sich dem Schönheitsbegriff im Kulturbetrieb und experimentiert über die Gattungsgrenzen hinaus mit Ästhetikbegriffen. Dabei wird von herkömmlichen Definitionen weitestgehend abgesehen.

Foto: Maik Schierloh.

Es klimpert und musiziert aus mehreren Richtungen, sobald man den Ausstellungsraum im KINDL Zentrum betritt. Wispernde Schaufensterpuppen und ein blinkender Nachbau des Autos aus Knight Rider lassen im ersten Moment die vollkommene sensorische Reizüberflutung vermuten. Aus Nik Nowaks „Mobile Booster“, einem grellgrünen Soundmobil auf Rädern, dröhnt Rihannas „Shine bright like a Diamond“. Eine Aufforderung, die mit zunehmender Wiederholung an Verzerrung gewinnt und von hämmernden Kanonenschüssen untermalt wird. Dass mehr als 20 Künstler*innen in das Ausstellungskonzept von „How beautiful you are!“ involviert sind, macht sich bemerkbar: In jedem Quadratmeter des Raumes scheint ein glitzernder, klingender Wust an Kunst untergebracht zu sein, wodurch die Atmosphäre einem heiß gelaufenen Casino gleicht.

Wer direkt eine Runde spielen möchte, kann sich diesen Wunsch an Saralisa Volms „Glücksspielautomat #365“ erfüllen. Zu gewinnen gibt es filmische Sequenzen über vermeintlich unschöne Phänomene wie ungezähmten Haarwuchs oder die Periode. Bleiben wir beim Körperlichen: „Black Hole“, ein schwarzer Spiegel von Mathilde ter Heijne, thematisiert unser Selbstbild und dessen Umkehrung. Einem schwarzen Loch gleich saugt er die Aufmerksamkeit auf das eigene Spiegelbild. Unwillkürlich ertappt man sich beim Zurechtzupfen des eigenen Mantels. Schön genug?

Sonja Allhäuser: „Das Willkommen“ / Vera Kox: „Solid flow, figured halts“. Installationsansichten, „How Beautiful You Are“, KINDL. Fotos: Julia Meyer-Brehm.

Faszinierende Materialität weist Vera Kox’s monumentale Skulptur „Solid flow, figured halts“ auf. Hervorquellender Bauschaum, darin versinkende Ketten, ein Ei – schnell wird eine kindliche Faszination für eigentümliche Körperlichkeit geweckt. Ähnlich reizvoll ist Sonja Alhäusers Margarineskulptur „Das Willkommen“: In eine Kühlvitrine wurden kleine, fettige Putti gequetscht, wobei eines der speckigen Engelchen vom dicken Hintern der umschwärmten Hauptfigur fast zerdrückt wird. Obwohl die Kühlung die buttrige Szenerie konserviert, zeugt ein matschiger Fleck auf der Glasscheibe vom ölig weichen Spektakel.

Dass Schönheit und Tragik oft nah beieinander liegen, verdeutlicht „The Catastrophe Colours book“ des Büros von Gonzalez Haase AAS. Attraktive Farbtöne sind neben Bilder von weltweiten Missständen und Katastrophen gestellt und verwandeln sich so in eine Farbpalette der Zerstörung. Namen wie „Zaatari Refugee Camp Beige“ oder „Pacific Garbage Pink“ lassen den Wunsch nach einem neuen Wandanstrich schnell in den Hintergrund rücken. Bunt ist auch Moritz Freis Fotografie „41058“, die einen mit Mühe und Not durch Heißkleber zusammen gehaltenen Klumpen Legosteine zeigt. Dort, wo kein Stein in den nächsten greift, assoziiert man schnell Unangepasstheit oder zumindest ein Gefühl von „nicht hinein passen“. Ob das nun die Gesellschaft oder eine zu enge Hose ist, bleibt der Interpretation überlassen. Apropos Enge: Ein beklemmendes Körpergefühl beschleicht einen bei Yvon Chabrowskis Videoarbeit „Screen“, in der sich eine in einem schmalen Raum zusammengefaltete Protagonistin mühsam an den Bildschirm presst und um die eigene Achse windet.

Installationsansicht: „How beautiful you are!“, KINDL. Foto: Daniela von Damaros. V.l.n.r. Norbert Bisky: „Untitled“, 2018 (Öl auf Leinwand, 80 x 60 x 4,5 cm), Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE, Berlin/London/Tokyo, (c) Norbert Bisky, VG Bild-Kunst, Bonn, 2018, Norbert Bisky: „Mama Boy“, 2018 (Öl auf Leinwand, 80 x 60 x 4,5 cm), Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE, Berlin/London/Tokyo, (c) Norbert Bisky, VG Bild-Kunst, Bonn, 2018, Kerstin Schröder: Am Lagerfeuer (wissenschaftliche Bestimmung der Körpertemperatur spiritueller Wesen), 2019 – 2020 (Metall, Farbe/, Keramik, Textil, Haare, 480 x 380 x 60 cm).

Aber nicht alles bewegt sich im KINDL: Das Kollektiv BIEST hat mit „Quadrat“ eine Reihe von identisch anmutenden Stoffquadraten entworfen, die mithilfe von Druckknöpfen, Klett- und Reißverschlüssen zu unterschiedlichen Kleidungsstücken geformt werden können. Da die Textilien leblos an der Stange hängen, bleibt das formvollendete Erscheinungsbild jedoch der Imagination überlassen und von der mutmaßlichen Schönheit ist (noch) nichts zu sehen. Eine Aufforderung an die Besucher*innen?

Was die Interaktion mit den Werken angeht, herrscht bei den Gästen einige Verwirrung. Insgesamt wird nur wenig am Geschehen teilgenommen, dabei gäbe es doch allerlei Gelegenheit dazu: „Love Cry“ des Kollektivs Omsk Social Club ermöglicht es experimentierfreudigen Besucher*innen beispielsweise, drei Kartenspiele auszuprobieren. Zur Ausstellungseröffnung wurde besonders Mutigen an dem esoterisch wirkenden Spieltisch die Zukunft vorausgesagt.

Bild links: Isabella Fürnkäs „Unpredictable Liars“. Foto: Julia Meyer-Brehm. / Bild rechts: Installationsansicht „How beautiful you are!“. V.l.n.r.: Isabella Fürnkäs: „Unpredictable Liars“, 2018 (Sound-Installation, 5 Figuren/Schaufensterpuppen, variable Größe), Thomas Eller featuring Wang Longxing: „THE vaChina (six of many)“, 2020 (edition 1 of 6, 2AP, Hahnemühle auf Dibond, 6 pieces each 90 x 60 cm), Albert Weis: „faltung“ (5013/9004), 2017 (Gefaltete und pulverbeschichtete Aluminiumlochbleche, 210 x 120 x 130 cm), v.: Omsk Social Club: „Love Cry“, 2019 (Acryl-Glas, Birkenholz, Papier, Quarz, Drei Kartenspiele, 94 x 64 cm). Foto: Maik Schierloh.

Der Ausstellungskonsens ist kein erhobener Zeigefinger, der einem zum x-ten Mal erklärt, dass Schönheit ein Konstrukt sei, das es zu verneinen gilt. Die Zusammenstellung der Werke ist eher Experiment als Vorgabe. Immer wieder werden die Besucher*innen in verschiedene Richtungen gestupst, wobei die Interpretation jeder und jedem Einzelnen überlassen ist. Ob hier nun die Kunstwerke, die Besucher*innen oder die Künstler*innen unter die Lupe genommen werden, ist Auslegungssache. Durch den fehlenden Erzählstrang entwickelt sich eine individuelle Deutung dessen, was Schönheit sein kann oder eben auch nicht.

WANN: „How beautiful you are!“ läuft noch bis Sonntag, den 8. März.
WO: KINDL Zentrum für Zeitgenössische Kunst, Maschinenhaus M0

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