Schöne neue Welt
Zwischen Candypop und Überwachungsstaat

11. April 2018 • Text von

Wer weiß sie nicht zu schätzen, die vielen kleinen bunten Helferlein auf dem Handy. Die Apps, die Klicks, die Buttons, die Items, die Likes. All dies Getümmel der geschmeidigen Usability manifestiert die Berliner Künstlerin Verena Issel am Beispiel einer chinesischen Nachrichten-App in ihrer doppelbödigen Ausstellung in der Oechsner Galerie.

Ausstellungsansicht WeChat. Foto: Annette Kradisch

2013 nennt Verena Issel ihren Katalog „Nugue – back to privacy“ in Anlehnung an die kleinen poetischen Einlassungen des römischen Lebemanns Catulus, ein Dandy seiner Zeit, der, umgeben von seiner hippen Entourage, ein Leben in Sorglosigkeit und Überfluss führte. In dieser Erzählung findet sich aber nicht nur der Aspekt der dekadenten Ausschweifung, sondern auch die Keimzelle dessen, was vielleicht eine Triebfeder für Verena Issels Kunst sein könnte: der Topos der Unabhängigkeit des Künstlers von den Zwängen der Gesellschaft. Dieser ermöglicht nämlich auch deren distanzierte und kritische Betrachtung. Issel verdichtet in ihren Installationen viele kleine gestaltete und gefundene Fragmente, Bilder und Objekte zu einem großen Ganzen, das uns einiges erzählt über einen formal komplexen Kunstbegriff, Kommentare über das Bildermachen, bestreut mit einer Brise Ironie, aber auch, auf den zweiten Blick, über virulente gesellschaftliche Fragestellungen. Der erste Reiz für den Betrachter liegt vielleicht in der Verbindung zweier ungewöhnlicher Maßstäbe. Der kleine, stille, private Moment wird verbunden mit einer großen raumgreifenden, ja manchmal überbordenden Behauptung; als hätte man in einer Suprematismus-Ausstellung einen Flohmarkt für Nippes und Deko-Objekte eröffnet.

Verena Issel, Artphone VI, 2018, 39 x 23 cm, Filz, Silikon-Styropor. Foto: Annette Kradisch

In der Ausstellung „WeChat“, aktuell noch zu sehen in der Oechsner Galerie, begegnen wir eben dieser interessanten Melange aus Malerei, Sammeltrieb, Bastelei und konzeptueller Raumarbeit. Schon der Titel verrät einen wichtigen Aspekt der eigens für die Oechsner Galerie konzipierten Ausstellung: „WeChat“ ist eine App, die in China zunächst als reiner Messenger-Dienst dem übermitteln kleiner Textnachrichten diente. Inzwischen wurden die Funktionen der App derart erweitert, daß sich damit Zahlungen vornehmen, Visas beantragen und die eigene Identität nachweisen lassen. Diese vielfältigen Funktionen gehen allerdings zu Lasten der Unabhängigkeit chinesischer Bürger, die von ihrem Staat über die App mehr denn je allumfassend überwacht werden und über ein „Sozialpunktesystem“ als „gute“ oder „schlechte“ Bürger für ihre Konsum- und Kommunikationsgebaren entweder belohnt oder bestraft werden, in Zukunft bis hin zum Entzug der Sozialversicherung.

Ausstellungsansicht WeChat. Foto: Annette Kradisch

Dies alles wird in der Ausstellung von Verena Issel nicht erklärt, vielmehr verbirgt sich dieser Gedankengang hinter einer putzigen, naivlich wirkenden Fassade aus Plüschhandys, Plastikröhren, aus deren Öffnungen Styropor-Augen mit künstlichen Wimpern blicken, oder auch plattgedrückten Knetgummibananen die auf einem rollenden Tisch-Sockel drapiert wurden.

Foto: Wolfgang Gillitzer, Nürnberg

Issels Kunst ist eine Zweistufenbetrachtung. Zunächst macht es die Künstlerin dem Betrachter leicht sich ihren poppigen, oft frohsinnigen Farben zu nähern oder in den kleinen, bereitgestellten Objekten eine Setzkasten-Niedlichkeit zu entdecken. Materialien, klassisch-künstlerische ebenso wie banal-industrielle werden in ihrer Bedeutung neu befragt. Filz etwa, einst von Beuys schamanisch-rituell aufgeladen, wird hier zum plüschig-poppigen Malgrund, der der Künstlerin und dem Betrachter eine scheinbare Wohlfühlzone gönnt, als wäre die Ausstellung gespickt mit Süßigkeiten. Bei genauerer Betrachtung aber wird diese Verspieltheit hinterfragt, die Augen in der Röhre scheinen den Besucher zu beobachten, überall lauern sie in den Ecken, es gibt kein Entrinnen, wie U-Boot-Teleskope und U-Bahn-Kameras beobachten sie die Umgebung und machen die zunächst liebliche Atmosphäre der Ausstellung zu einem Überwachungsland in Miniaturform. In der Oechsner Galerie sind die Augen des großen Bruders (noch) geschlossen, in China sind sie es nicht.

WANN: Nur noch bis 20. April läuft die Ausstellung, eine Führung gibt es am Sonntag, den 15. April, ab 11 Uhr, ein Frühstück mit der Künstlerin zur Finissage am Freitag, den 20. April, ab 10.30 Uhr.
WO: Die Oechsner Galerie ist im Atelier- und Galeriehaus Defet in der Gustav-Adolf-Straße 33.

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