Natur als Konstrukt Sara Enrico im Garten der Villa Reale in Mailand
23. September 2025 • Text von Julia Anna Wittmann
Sara Enricos Skulpturen besetzen die Terrasse und den Garten der Villa Reale in Mailand mit illusionistischen Oberflächen und einer körperlichen Präsenz. Für die Ausstellung “Under the Sun, Beyond the Skin” der Fondazione Furla und der Galleria d’Arte Moderna di Milano kreiert die Künstlerin neue, ortsspezifische Arbeiten, die das Verhältnis zwischen Natur und Künstlichkeit ausloten.

Die tierischen Bewohner des Gartens haben Sara Enricos Arbeiten bereits voll akzeptiert. Drei zahme Gänse umrunden die kreisförmig angeordneten, bunten Objekte aus Textil, die auf einer Wiese gegenüber der Villa Reale in Mailand stehen. Enricos großformatige Installation “Beyond the Skin” besteht aus 23 Schaumgummi-Elementen, überzogen mit einem bedruckten Polyesterstoff. Die weichen, horizontal angeordneten Objekte kontrastieren mit den dünnen Halterungen aus Stahl, die sie fest umklammern und einen halben Meter über dem Boden schweben lassen. Die kreisrunde Anordnung der Elemente weckt Assoziationen zu mystischen Steinkreisen oder den bei Pilzen natürlich vorkommenden sogenannten Feenkreisen. Die Gänse fühlen sich sichtlich wohl und lassen sich in der Mitte der Installation nieder – es scheint, als hätten Enricos Arbeiten bereits nach kurzer Zeit eine Symbiose mit ihrer Umgebung eingegangen.

Der Garten ist Teil der Galleria d’Arte Moderna di Milano und wurde im späten 18. Jahrhundert im Stil eines englischen Gartens angelegt. Das Ziel war es, eine malerische Landschaft zu kreieren, möglichst naturnah und authentisch. Dazu gehören auch ein artifizieller Teich und historisch nicht ganz korrekte antike Ruinen, die der Natur eine künstliche Zeitlichkeit verleihen. Für die Ausstellung “Under the Sun, Beyond the Skin” der Fondazione Furla und der Galleria d’Arte Moderna di Milano bespielt Enrico als erste zeitgenössische Künstlerin den gesamten Garten der historischen Villa und kreiert dafür einen Rundgang mit ihren größtenteils extra für diesen Ort entwickelten Arbeiten.

Die mit bunt bedrucktem Polyester überzogenen Elemente der kreisförmigen Installation “Beyond the Skin” heben sich vor der grünen Wiese ab. Abstrakt verschwommene Farbflächen in Blau, Orange, Lila und Gelb überziehen die weich geformten Objekte. Die Künstlerin kreierte schwirrende Oberflächen mit Hilfe einer weißen Leinwand und einer künstlichen Lichtquelle, des Lichts eines Scanners. Durch physische und digitale Manipulation der Scans entstehen rhythmische Muster, die nun im natürlichen Licht des Gartens ausgestellt werden. Eine artifizielle Landschaft entsteht inmitten einer artifiziellen Landschaft.

Das Spiel mit der weichen Materialität textiler Oberflächen zeigt sich auch in Enricos Werkserie “The Jumpsuit Theme”. Hier handelt es sich jedoch um in Beton gegossene Skulpturen, deren Oberflächenstrukturen eine auffallende Stofflichkeit aufweisen. Langgestreckte, anthropomorphe Objekte in Grau, Blau und Orange verteilen sich über die Terrasse der Villa und den etwas versteckten Tempio d’Amore in der Nähe des Teichs.
Abdrücke von Nähten und Reißverschlüssen verraten den Betrachter:innen den Ursprung der vertraut wirkenden, gliedmaßenähnlichen Formen: Es handelt sich um Abgüsse gebrauchter Kleidungsstücke. Die Skulpturen füllen die Terrasse und den historistischen Tempel mit einer körperlichen Präsenz, und es wirkt, als hätten sie sich zur Ruhe gelegt . Ebenso wie der Garten und der historistische Tempel der Liebe handelt es sich bei Enricos Arbeiten um Illusionen, die vorgeben etwas zu sein, was sie nicht sind.

Für ihre ortsspezifische Intervention “Carriers” greift die Künstlerin auf bereits vorhandene Elemente zurück. Die Überreste eines monumentalen Zürgelbaums, der während eines Sturms 2023 im Garten der Villa umstürzte, werden zum Ausgangsmaterial der Werkserie. Die Künstlerin verteilt sechs große Stücke des zuvor zersägten Baumstamms in einer fortlaufenden, lockeren Aneinanderreihung im hinteren Bereich des Gartens. Die Stämme werden von orangen, stählernen Strukturen leicht aufgestützt – als ob Enrico versuchen würde, sie zurück in ihre horizontale Form zu bringen. Dabei betont sie die Oberfläche des toten Baumes, der seit seinem Sturz zum Nährboden für ein neues Ökosystem geworden ist. Dort wimmelt es von Insekten, Pilzen und Moosen.

Der Garten der Villa Reale ist eine grüne Scheinwelt inmitten der Stadt – der Versuch, ein möglichst kontrolliertes Abbild der realen Natur und Zeitlichkeit zu erzeugen. Sara Enrico spielt mit dem dort vorherrschenden Anspruch, einen natürlichen und zugleich menschengemachten Garten zu kreieren. In ihren Skulpturen greift sie den Dualismus zwischen Natur und Künstlichkeit auf. Genau wie die umgebende Landschaft wirken Enricos Arbeiten illusionistisch und erzeugen widersprüchliche Assoziationen: Sie oszillieren zwischen natürlich und künstlich, weich und hart, tot und lebendig.
WANN: Die Ausstellung “Under the Sun, Beyond the Skin” ist noch bis Sonntag, den 14. Dezember zu sehen.
WO: Galleria d’Arte Moderna di Milano, Giardino di Villa Reale, via Palestro 18, 20121 Mailand.
Vielen Dank an Lara Facco P&C und die Fondazione Furla für die Presse-Einladung nach Mailand und die Übernahme der Reisekosten.