Sanfte Brutalität
Jovana Reisinger über Wut und Versprechen

16. Dezember 2020 • Text von

Im Zentrum ihrer Einzelausstellung in der Kunsthalle Osnabrück steht die Talkshow „Men in Trouble“, in der über Schönheit, Sex und Geld gesprochen wird. Für die Künstlerin, Filmemacherin und Autorin Jovana Reisinger geht es dabei meist um die Infragestellung gesellschaftlicher Kategorien und Glücksversprechen.

Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.
Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.

Die gebürtige Münchnerin wuchs in Oberösterreich auf und schloss 2019 ihr Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München ab. Bereits während ihres Studiums sind ihre Kurzfilme in Ausstellungen und Festivals zu sehen gewesen, unter anderem auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, im Goethe Institut Paris oder im Kunstverein München. Aktuell zeigt die Kunsthalle Osnabrück die Künstlerin und Filmemacherin in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung mit dem Titel „Men in Trouble“, für die Reisinger eine raumgreifende Installation entwarf, in der eine Talkshowbühne dazu einlädt, sich den großen Themen des Lebens zu stellen. Parallel ist Reisinger auch als Schriftstellerin und Kolumnistin tätig, ihr Debütroman „Still Halten“ wurde 2017 veröffentlicht und im Frühjahr 2021 erscheint ihr zweiter Roman „Spitzenreiterinnen“, auf den sie uns bereits einen Ausblick gibt. Ihre Kurzfilme beschäftigen sich mit grundlegenden gesellschaftlichen Fragen und zeigen gleichzeitig einen sehr individuellen Blick auf Weiblichkeit und die Illusion der Chancengleichheit. Endlich gibt es wieder eine schonungslos ehrliche, feministische Position, von der es hoffentlich bald noch viel mehr zu sehen und zu lesen gibt.

Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.

gallerytalk.net: Das Besondere an dieser Kunsthalle ist, dass sie sich in einer früheren Klosterkirche befindet und die sakrale Architektur zunächst nicht die Voraussetzungen eines White Cubes bietet. Wie bist Du damit umgegangen?
Jovana Reisinger: Die Ausstellung basiert auf einem Talkshow-Konzept und dafür sollte es ein entsprechendes Set für die Gespräche geben. Gemeinsam mit den beiden Direktorinnen der Kunsthalle, die ich vom Kunstverein Leipzig kannte, wurde recht schnell klar, dass wir in diesem riesigen Raum mehr in die Höhe gehen müssen. Mir gefiel auch die Idee, die Kirchenfenster als Hintergrund für das Talkshow-Set zu nutzen, wie man es aus Late-Night Shows mit Skylines im Hintergrund kennt. Deshalb haben wir ein Gerüst in den Chor gebaut. Man kommt nun in die Kirche hinein, dann führt zentral eine große breite Treppe nach oben zum Set. Links und rechts der Treppe kann man in die Gänge des Unterbaus des Gerüsts hineingehen. Dort laufen fünf Bildschirme und zwei Projektionen, auf denen ältere Arbeiten von mir gezeigt werden. So haben wir einen Rundgang geschaffen, was auch aktuell sehr praktisch ist.

Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.
Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.

Die Farbe Pink ist in Deiner Ausstellung extrem dominant. Pink ist eine sehr weiblich konnotierte Farbe, war das also eine bewusste Setzung?
Für das Szenenbild konnte ich Katharina Pia Schütz gewinnen. Wir wählten diese Farbe, um einen Kontrast zur Kirchenarchitektur zu erschaffen und zum anderen, um erstmal eine gewisse Harmlosigkeit zu suggerieren. Ich liebe dieses Pink, es ist gleichzeitig eine unglaublich brave wie auch brutale Farbe. Und genau das benötigten wir – die hübsche, niedliche Farbe, die auch einen komischen historischen Wandel durchgemacht hat, einen aber gleichzeitig in dieser Masse erschlägt. Zu dem pinken Satin-Vorhang, Teppich und den Klappstühlen haben wir uns für durchsichtige Möbel entschieden, um noch eine Durchlässigkeit zu zulassen. Wenn die Gäste und die Moderatorin darauf Platz nehmen, sieht es toll aus, weil alles wabert, alles ist aus Plastik aber gleichzeitig so organisch. Eine sanfte Brutalität.

Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.
Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.

Über die Ausstellungsdauer entsteht auch vor Ort eine neue Serie. Sie wird Anfang Januar veröffentlicht, kannst Du uns schon einen kleinen Ausblick geben?
Theoretisch wäre es so gewesen, dass Besucher*innen oben im Set sitzen und sich dort die Talkshow ansehen, die dort während dem Ausstellungbetrieb gedreht wurde. Im Januar wird sie aber nun online veröffentlicht. Die Talkshow hat sechs Episoden und verhandelt globale Themen wie Glück, Liebe, Geld, Schönheit, Sex und Glaube. Eine wichtige Rolle kommt der Moderatorin der Show „Men in Trouble“ zu, gespielt von Julia Riedler, die sich nicht nur an den Meinungen ihrer teils schrägen Gäste abarbeitet, sondern auch an dem System, dem Format der Talkshow, der fiktiven Redaktion mit patriarchalen Strukturen. Sie kommt einem Breakdown sehr nahe, rappelt sich wieder auf und es endet dann in einem besonderen Finale. Man sieht also den subjektiven Kampf der Moderatorin gegen den Apparat sowie den innerhalb der jeweiligen Themen mit den Gästen. Die großen gesellschaftlichen Themen, auch der feministische Diskurs darin, werden abgeklopft, gleichzeitig zeige ich aber auch, dass es nicht funktioniert, es kommt nie ein richtiges Gespräch zustande, es bleibt immer nur an der Oberfläche hängen. Ich habe selbst für eine Fernsehsendung gearbeitet und konnte viele Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, hier verarbeiten. 

Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.
Installationsansicht Jovana Reisinger, Men in Trouble, Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann.

Sprechen nur Frauen in der Talkshow?
Nein, es ist gemischt. Die Gäste werden von Mitgliedern des Jugendclubs des Theaters Osnabrück gespielt, das heißt es sind Personen zwischen 17 bis 26 Jahren, die auch unterschiedliche Erfahrungsgrade auf der Bühne hatten. Zum Teil verkörpern sie dann Personen, die viel älter sind als sie, was sehr spannend war. Überhaupt war es eine sehr schöne und aufregende Erfahrung mit einem ganz neuen Cast zu arbeiten, sonst drehte ich viel mit meinen Freund*innen oder Schauspieler*innen von den Münchner Kammerspielen.

Es geht in der Talkshow auch um die Fragen was weiblich und was männlich ist. In Deinen Filmen kommen ja auch nicht Cis-Personen vor. Wie denkst Du über solche Kategorien?
Ich würde am liebsten all diese Kategorien einfach abschaffen. Es wäre wahnsinnig befreiend, wenn diese Kategorien, auch wenn es um Sexualität geht, egal wären. Als ich an dem Film „Beauty is Life“ gearbeitet habe, recherchierte ich dafür bei Schönheitschirurg*innen. In diesen Gesprächen ging es immer nur darum, wie man als Frau möglichst überzeugend gelesen werden kann und welche Maßnahmen man dafür ergreifen muss. In dem Film sprechen verschiedene Frauen dann über ihre Weiblichkeit. Dabei habe ich gemerkt, wie groß mein Bedürfnis ist, dass dieser Druck endlich nachlässt. Es geht immer um Machtstrukturen und solche Kategorien helfen eben um andere Körper zu unterdrücken.

Jovana Reisinger, Beauty is Life, Film still, 2020. Foto: Jenny Bräuer.

Mit der Demokratisierung von Schönheit hast Du Dich in dem angesprochenen Film „Beauty is Life“ beschäftigt. Zunächst geht es darin um Beauty Gadgets, inzwischen eine riesen Industrie. Du führst aber nicht nur auf humorvolle Weise die Skurrilität dieser Produkte vor Augen, Du zeigst auch auf, dass Fragen, die unser Äußeres betreffen schnell auf ein weites, sensibles Feld aus Sexismus und Identitätspolitik führen.
Der zweite Teil des Films zeigt ein Gespräch zwischen zehn Frauen, die jede ein eigenes Thema in Bezug auf Weiblichkeit und Schönheit besetzt. Wir haben mit einer Drehbühne und ziemlich harten, schnellen Schnitten gearbeitet. Es sollte ein kurzer Block sein, in dem möglichst viel Persönliches, Allgemeingültiges und Merkwürdiges gleichzeitig enthalten ist. Am Ende ist die Zusammensetzung des Gesprächs sehr radikal geworden und es wird viel darüber gestritten. Ein Festival hat mich deshalb abgelehnt und wollte, dass ich die Arbeit verändere und diesen Gesprächsteil herausschneide. Dann gab es stattdessen ein weltweites Online-Release von „Beauty is Life“, was sehr spektakulär war, weil meine Arbeit einer völlig neuen Öffentlichkeit ausgesetzt war und auf einmal von mehreren Websites geteilt wurde. Das ist ähnlich wie mit einem Buch, da weiß man am Schluss auch nicht wer es alles liest.

Jovana Reisinger, Beauty is Life, Film still, 2020. Foto: Jenny Bräuer.

Für die „pretty pretty mad sad“ Kurzfilmreihe hast Du zwei Preise gewonnen. Um was geht es darin und wie ist die Reihe entstanden? 
Die Reihe ist während meinem Studium entstanden. An der Hochschule für Fernsehen und Film bekommen die produzierenden Abteilungen immer wieder ein bestimmtes Budget, um Filme zu drehen. Ich habe damals allerdings Drehbuch studiert und sollte Bücher schreiben. Irgendwann war ich dann einfach richtig wütend und dachte, ich zeige es allen und drehe in kürzester Zeit einen Film. Wut ist überhaupt ein Katalysator für meine Arbeit, es hat sich aber inzwischen wieder etwas gelegt. Aber wenn ich über eine Situation sehr wütend werde, ist das oft die treibende Kraft, etwas Neues zu machen. Nach dem Erfolg der ersten Episode, habe ich dann auch Geld bekommen, um die anderen Episoden drehen zu können. 
Die vier Episoden spielen grundsätzlich in München und sowohl die Storylines als auch die Charaktere sind miteinander teilweise verschränkt. In der ersten Folge geht es um Max das Model, dann um Linda, die sich nach einem glamouröseren Leben sehnt, um Nathalie, die in die USA fliegt um als Showgirl berühmt zu werden und um drei süße Drogendealer. Es geht um Versprechen, um das individuelle Streben nach Glück oder dem besseren Leben und um die gnadenlosen Kämpfe darum. In meinen Texten geht es auch oft darum, dass nicht alle die gleichen Chancen haben.

Jovana Reisinger, pretty boyz don't die, Film still, 2016. Foto: Sophie Wanninger.
Jovana Reisinger, pretty boyz don’t die, Film still, 2016. Foto: Sophie Wanninger.

Du gibst das Stichwort – zu guter Letzt, um was wird es in Deinem neuen Roman „Spitzenreiterinnen“ gehen?
Es geht um verschiedene Frauenfiguren, die alle nach den Titeln von Frauenzeitschriften benannt sind. Die Handlung läuft über wenige Monate und manche Stories verstricken sich wieder miteinander. Wie in meinem ersten Roman, werden die Frauen nicht beschrieben, man weiß nicht wie groß sie sind, was für Hautfarben sie haben, aber sie haben diese Namen, die bei jedem gewisse Bilder hervorrufen. Es geht ganz stark um Genderrollen, Einschränkungen, Machtstrukturen, um die Idee, dass wenn man seine persönliche Katastrophe nur erst überwunden hat, man auf jeden Fall ein besseres Leben führen wird. Das Überthema sind eigentlich wieder Versprechen. Das Buch beschäftigt sich mit den Zielen im Leben dieser Frauen, sei es die Ehe, das Kind, der Macker, die Karriere oder das Geld. Während die eine zu einem Schluss für sich gelangt, kommt eine andere zu einem ganz anderen Schluss, und das ist beides ok. Es hat mich interessiert, diese Frauen ein Stück weit zu begleiten, in deren Leben hineinzufallen und wieder herauszufallen.

WANN: Die Ausstellung “Men in Trouble” läuft noch bis zum 14. Februar 2021.
WO: Kunsthalle Osnabrück, Hasemauer 1, 49074 Osnabrück.