"Die Kunstmesse muss neu gedacht werden"
Rudolf Zwirner: Eine Erfolgsgeschichte #1

4. Dezember 2019 • Text von

Man kann nicht überall dabei gewesen sein, aber man kann davon lesen. Rudolf Zwirner war überall, wo es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spannend war in der Kunstwelt. Seine erste Galerie gründete er 1960 in Essen, zog dann weiter nach Köln. Dort erfand er 1967 den Kölner Kunstmarkt, die erste Kunstmesse weltweit. Im Alter von 86 Jahren hat Zwirner nun gemeinsam mit Nicola Kuhn seine Autobiografie herausgebracht. Mit gallerytalk.net spricht er über den Teufelskreis Kunstmarkt.

Rudolf Zwirner mit Duane Hansons Footballers, New York, 1969 ZADIK, Foto: Guido Mangold © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 für Duane Hanson.

gallerytalk.net: Ihre Biografie heißt, „Ich wollte immer Gegenwart“. Erinnern Sie sich trotzdem gerne?
 „Ich wollte immer Gegenwart“ heißt nicht, dass ich mich nicht auch für die Vergangenheit interessiere. Wenn ich für Freunde ein Buch signiere, erlaube ich mir den Satz: „Wer nur die Gegenwart kennt, kennt auch die Gegenwart nicht.“ Man kann als Kunsthändler rückwärts arbeiten und Picasso verkaufen – oder die Impressionisten, die Expressionisten, die Surrealisten. Das habe ich auch gemacht. Aber an der Gegenwartskunst habe ich immer geschätzt, dass man ins Atelier eines Künstlers gehen und mit ihm sprechen kann. So kann man viel mehr über eine Arbeit verstehen, als wenn das Kunstwerk für sich alleine stehen muss. Aus Besuchen in Ateliers habe ich auch gelernt, dass ich nie einen Künstler generalvertreten möchte.

Sie wollten als Galerist nie hinter einem Gesamtwerk stehen, sondern haben sich immer das in Ihren Augen Beste herausgesucht?
Ich habe mir die Freiheit genommen, nur das zu vertreten, was ich wirklich gut finde. Ich wollte immer sagen können: „Das ist ein schlechtes Bild.“ Auch in der Produktion eines sehr guten Künstlers ist höchstens die Hälfte der Arbeiten wirklich gut. Höchstens! Die Hälfte ist mittelmäßig und es gibt auch Bilder, die besser nicht gemalt worden wären. Sobald aber ein Künstler berühmt und teuer ist, werden Bilder nicht mehr einfach übermalt oder zerstört. Wenn ein schlechtes Bild 100.000 Euro kostet, kommt es in den Markt. Es gibt eben insgesamt viel mehr schlechte Arbeiten von Georg Baselitz als gute. Aber das heißt nicht, dass er nicht ein großer Künstler ist. Das gilt auch für Picasso – für alle! Und deswegen habe ich eben die Gegenwart geliebt: Da konnte ich mir etwas aus dem aussuchen, wovon noch in Fülle da war. Ich habe aus Tausenden Warhols die wichtigen Warhols ausgesucht!

Rudolf Zwirner: „Ich wollte immer Gegenwart“, Autobiografie, aufgeschrieben von Nicola Kuhn. © Wienand Verlag.

Woran haben sie die wichtigen Arbeiten von Andy Warhol erkannt?
Das waren Originale und keine Auftragsarbeiten. Eine spannende Arbeit ist immer eine, die aus Notwendigkeit entsteht, für die sich der Künstler mit einem Thema beschäftigt hat. Bei Warhol waren es Katastrophen. Es ist doch auffällig, dass die berühmten Schauspieler, die er gemalt hat, auf tragische Weise ums Leben kamen. Marilyn Monroe zum Beispiel! Bei Warhol fliegen Leute aus dem Fenster, Autos krachen zusammen, da kommt die Ambulanz. In seinen großen Bildern geht es um Existenz und Existenzangst. In Kontrast dazu stehen Serien, wie die, die VW oder Mercedes bei ihm bestellt haben. Das ist reines Geschäft gewesen. Oder all die langweiligen Porträts. Jeder hat ein Porträt bekommen, aber nur Warhols Porträt und das von Joseph Beuys: Das ist Kunst! Warhol war ein wahnsinnig kluger Mann. In seiner Factory wurde Geld gemacht. Sie können heute Katzen, Hunde und alles mögliche andere von ihm kaufen. Aber die richtigen Werke, die hatte ich!

Gibt es Künstler*innen, deren Gesamtwerk Sie vertretbar finden?
Es ist extrem schwer, ein schlechtes Bild von Giorgio Morandi zu finden. Oder eine schlechte Box von Joseph Cornell. Da ist dann allenfalls etwas graduell nicht ganz geglückt, aber das sind alles bedeutende Werke. Es gibt kein einziges schlechtes Bild, das Jan Vermeer von seiner Heimatstadt Delft gemalt hat! Es gibt Meisterwerke – aber die anderen sind auch sehr gut. Mindestens die ersten 20 oder 30 Jahre von Francis Bacon sind fantastisch. Von Barnett Newman kenne ich kein schlechtes Bild. Das sind alles Denker und Zweifler. Manche Künstler lassen Bilder drei, vier oder fünf Jahre im Atelier stehen, bevor sie sie freigeben. Aber gerade explodiert der Markt und die Künstler geraten unter Zugzwang.

Porträt Rudolf Zwirners mit Drucken von Magritte und Lichtenstein im Rahmen einer Fotoreihe von Adolf Clemens, Köln, 1965. © Adolf Clemens. © Estate of Roy Lichtenstein/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 für René Magritte.

Sie meinen, sie müssen schneller und mehr Nachschub liefern?
Genau. Galerien gehen heute im Jahr auf 10, 12, 15 Messen. David Zwirner (Rudolf Zwirners Sohn; Anm. d. Red.) ist bei 18 Messen in der ganzen Welt! Dafür müssen die Galerien Bilder haben. Also rufen sie ihre Künstler an und sagen: „Wir brauchen eine Arbeit für die Messe in Paris, eine für die Messe in Tokio, eine für die Messe in Hongkong und und und.“ Schon kommt ein Bild rein, was nicht gut ist. Wer hat hier Schuld?

Sagen Sie es mir!
Der Markt ist einfach riesenhaft groß geworden und für den wird produziert. Messen kosten extrem viel Geld – viel zu viel. Das macht die Händler unsicher. Sie brauchen Bilder und die Künstler müssen liefern. Wenn sie nicht liefern, bekommen sie keine Galerie. So schließt sich der Kreis.

Sie gelten als Miterfinder des Konzepts Kunstmesse, weil sie 1967 den Kölner Kunstmarkt, Vorläufer der Art Cologne, ins Leben gerufen haben. Wie beurteilen Sie Ihren Anteil an der Entwicklung des Kunstmarkts?
Ob ich mitverantwortlich dafür bin, dass der Kunstmarkt so aufgebläht ist? Jein! Beim Kölner Kunstmarkt ging es ja nicht nur ums Verkaufen. Die Arbeiten sollten überhaupt erst einmal gesehen werden! Gegenwartskunst wurde damals nicht wahrgenommen. Die klassische Moderne, Bauhaus oder Brücke erzielten bei Auktionen schon hohe Preise, aber Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Blinky Palermo hatten echte Probleme. Künstler und Händler sollten von ihrer Arbeit leben können. Dass sich das dann so entwickelt hat, ist bedauerlich. Sicherlich habe ich daran einen Anteil. Das heißt aber nicht, dass die Erfindung falsch war. Die Erfindung war richtig und jetzt muss sie neu gedacht werden.

Rudolf Zwirner, 2019, mit Werken von Jakob Mattner (Lichtdrucke) und Franz West aus seiner Sammlung
Foto: privat. © Jakob Mattner, Franz West.

Haben sie dahingehend Vorschläge?
Wenn die Beteiligung am Kunstmarkt 100.000 Euro kostet – und das können ein paar Tage Messe kosten, dann ist das für junge Galeristen absurd. Die wirtschaftliche Belastung ist zu hoch. Wir kommen in das virtuelle Zeitalter. Vielleicht können wir also abseits von Messen virtuelle Räume für Kunst schaffen. Darüber muss nachgedacht werden.

Es ist ja ohnehin oft von einer Art Messemüdigkeit die Rede. Finden Sie Messen noch spannend?
Also ich habe die Messen, die ich in den letzten Jahren noch gesehen habe – meist war es Basel, nicht mehr richtig wahrnehmen können. Schon am Tag der Vorbesichtigung für die VIPs standen da 100.000 Leute, prügelten und drängelten sich und stürzten sich hinein in die Schnäppchenjagd. Da geht es nicht mehr um Kunst. Da können Sie reingehen und sich Möbel oder irgendwelche absurden Skulpturen angucken. Sie können ihren Hund mitbringen, die Mama oder die Freundin. Überall sind Bars. So geht es nicht. Die Kunst muss einen Raum haben, wo das Spirituelle einer Galerie vermittelt werden kann. Es braucht eine Atmosphäre, die die Auseinandersetzung mit der Kunst begünstigt, wo nicht alles so poppig daherkommt. Die Besucher müssten nahezu gezwungen werden, in das Gespräch mit den Kunstvermittlern zu kommen. Dann wäre nicht alles so beliebig.

Der zweite Teil unseres Interviews mit Rudolf Zwirner erscheint in einer Woche.

Rudolf Zwirner Autobiografie „Ich wollte immer Gegenwart“ aufgeschrieben von Nicola Kuhn ist im Wienand Verlag erschienen und kostet 25 Euro. Hier könnt ihr sie bestellen.

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