Respektvoll ausgeprunkt
Zeitgenössische Interventionen im historischen Herrschersitz

2. November 2018 • Text von

Die fränkische Künstlergruppe „die sieben“ richtet sich mit der Ausstellung „prunkvoll abgespeckt“ genüsslich und fröhlich auf Schloss Ratibor in Roth ein.

Rechts: Erwin Weidmann – „Siebenmeilenstiefel“, Öl auf Leinwand © the artist; Links: Karl Schnell – „Montage 6“, Eiche gebrannt © the artist

Goldene Decken, feinmeisterliche Familienportraits, Geweihe und kostbare Teppiche, das barocke Schloss Ratibor ist ästhetisch in Höchstform, somit ist Thomas Willis Entscheidung, seine gehäuteten Hasenskulpturen in Reihe geschaltet auf der großen Tafel des Speisesaal zu präsentieren nur folgerichtig und doch für den Fleischesser fast zu nah, als Verweis auf die ursprüngliche Funktion des festlichen Raums aber treffend.

Thomas Willi – „Optimiertes Hybrid Kaninchen“, 3D-Kunstoff-Druck © the artist

Auf diese Tradition verweist auch Klaus-Leo Drechsel, wenn er mitten in den Prunksaal einen gewaltigen, schimmernden Glasstern stellt, nicht nur an die Allmacht des absolutistischen Herrschers erinnernd, sondern auch die frühere Inszenierung der Adelsgesellschaft in solchen Räumen aufgreifend.

Klaus-Leo Drechsel – „Stern“, mundgeblasenes Glas und LED © the artist

Mit dieser plastischen Geste ist er deutlich dominanter als Karl Schnell mit seinen stillen, geflammten Holzplastiken, die in der vorderen Enfilade des Haupthauses wie verwitterte Schiffe an den Glasfenstern vorbeigleiten.

Vorne: Karl Schnell – Plastiken, Eiche gebrannt © the artist; zwischen den Fenstern: Erwin Weidmann – Acrylmalereien © the artist

Offensichtlich frech greifen die Aktfotografien von Kai Bader in die gewohnte Portraitdarstellung ein: eines der alten Gemälde wurde kommentarlos in der historischen Schausammlung ersetzt, sogar das Namensschild wurde beibehalten. Weitreichende Fragen nach Identität und Gleichrangigkeit zwischen den Geschlechtern, nach Repräsentation und Zeit stellen sich.

Kai Bader – ohne Titel, Fotografie © the artist

Verblüffend nahtlos fügen sich  manche Malereien von Erwin Weidmann in die verschnörkelten Wandfassungen der hellen Kammern ein, melancholische Szenen von Schuhen und Vögeln prägen die von erlesenen Materialien geprägten Räume. Ähnlich selbstverständlich faltet sich die flammend gelb gemusterte Stoffbahn von Gottfried Faaß in den steinernen Kamin des Speisesaals, evoziert Wärme und häuslichen Alltag in den musealen Räumen und dient damit einem gämzlich anderen Zweck als die skulpturalen, knotigen Netze von Csilla Wenczel, die sich wie tierische Kokons zu den historischen Gewändern gesellen oder als Fensterornament ganz eigene Geschichten von Natur und Vergänglichkeit erzählen.

Gottfried Faaß – „Feuer, Entfaltung“, Stoff © the artist

Es sind poetische, spektakuläre, manchmal auch nachdenkliche und freche Szenen, die von den sieben Künstlerinnen und Künstlern in der goldhaltigen Umgebung des Jagdschlosses aufgerufen werden. Eine Kollision der Epochen mit Ankündigung, der Versuch von ästhetischer Behauptung von zeitgenössischen Werken gegen historischen Prunk. Die Konfrontation ist dort am eindrucksvollsten, wo alte und neue Elemente sich symbiotisch ergänzen, oder aber auch wo sie sich am stärksten bekämpfen.

Csilla Wenczel – „Hülle“, Wollfilz mit Shibori-Faltung © the artist

So entsteht ein vielstimmiges Gesamtkonstrukt in den malerischen Räumen des Schlosses, das dadurch plötzlich in seiner Gesamtheit viel moderner wirkt als man erwarten würde.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum Freitag, den 30. November.
WO: Im Schloss Ratibor, Hauptstraße 1, 91154 Roth. Geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, auch an den Feiertagen außer dem Karfreitag.

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