Raus aus der Oase
MS Artville 2019

26. Juli 2019 • Text von

Der große bunte Abenteuerspielplatz des MS Artville hat den kuscheligen Oasen-Gedanken hinter sich gelassen. Das Urban-Art-Festival auf der Elbinsel zeigt sich im Jahr 2019 politischer denn je.

MS Artville 2019 Foto: Philipp Schott

MS Artville 2019 Foto: Philipp Schott

Die Magie ist immer noch da. Zwischen den Bäumen des Inselparks und der postapokalyptischen Industriekulisse des Rethespeichers im Hamburger Hafen wirkt das MS Artville auch in diesem Sommer noch hippie-esk hingehaucht. Ein chaotisch-bunter Wanderzirkus, dessen Zelte morgen vielleicht schon weiterziehen. Auch im 12. Jahr seines Bestehens hat das Urban-Art-Festival auf dem MS-Dockville-Gelände seinen Zauber nicht verloren.

Nachdem das „Richtfest“ am Eröffnungssamstag vom Unwetter heimgesucht wurde, haben wir uns diesmal zum ersten “Kunstgucken” am sonnigen Dienstagabend eingefunden. Der Artville-Abenteuerspielplatz aus überdimensionierten Installationen zum Beklettern und Bestaunen hat in diesem Jahr einige Neuerungen zu bieten. So wurde das Gelände um einen wild-verwunschenen “Kunstpfad” durch das naturbelassene hintere Ende des Areals erweitert.

MS Artville 2019, Aida Gómez “Green Roller”, Foto: Martina John

MS Artville 2019, Aida Gómez “Green Roller”, Foto: Martina John

Vom Soundtrack geschäftigen Grillenzirpens untermalt, flanieren wir einen ins hohe Gras gemähten Pfad entlang. Unter den Bäumen begegnet man dort zum Beispiel den Installationen von Street-Art-Künstlerin “Barbara”. Die aus Stadtlandschaft und Internet bekannten Spruchschilder scheinen gleich an mehreren Stellen wie Pilze aus dem Boden zu sprießen.

Das Duo Jana und JS verschmilzt seine Arbeiten sogar noch enger mit der sie umgebenden Natur: Zarte, urban anmutende Figuren auf  die Baumscheiben eines aufgeschichteten Holzstapels gemalt – leicht kitschig, aber irgendwie auch schön und den verspielten genius loci des Ortes widerspiegelnd.

Von der Idylle zur Konsumkritik. Aida Gómez “Green Roller” – eine überdimensionierte Malerrolle, die verdorrtes Gras grün einfärbt, betreibt buchstäbliches “Greenwashing”. Und die Müllsäcke mit Nike-Logos von Simon Freund erinnern daran, welche Ressourcen unsere unbedachten Shopping-Sprees einfordern – und wo der ganze Müll am Ende wieder landet.

MS Artville 2019 Bordalo II, Foto: Martina John

MS Artville 2019 Bordalo II, Plastic Mole, Foto: Martina John

Plastikmüll ist auch Thema und Material der wohl plakativsten Arbeit auf dem Artville-Gelände. “Plastic Mole”, dem gigantischen Maulwurf von Bordalo II. Das monströse Tier besteht komplett aus Müll, der u.a. im Hamburger Hafen gesammelt wurde.

Die Themen Klimawandel, Nachhaltigkeit und politischer Aktivismus ziehen sich durch das gesamte Spektrum der ausgestellten Arbeiten: Vom Klimaanlagen-Iglo von Marlene Hausegger über das große Graffiti von Arkane mit Portraits der “Weiße Rose”-Mitglieder Traute Lafrens und Hans Scholl bis zur Sammlung von prominent platzierten “Fridays for Future” Demoschildern.

Passend dazu lautet das diesjährige Motto “morgen” – und wirft Fragen auf: Wie geht es weiter? Auf persönlicher, lokaler und globaler Ebene? Mit der politischen Situation in Deutschland und mit der Erderwärmung?

Stand bei bisherigen MS-Artville-Mottos wie “Oasen” (2017) oder “Der 105. Stadtteil” (2018) primär die Örtlichkeit des Festivals im Mittelpunkt – der bunte Gegenentwurf zu den etablierteren (Kunst-)Orten der Stadt – so gestaltet sich der thematische Zusammenhang der Kunstwerke dieses Jahr wesentlich homogener.

MS Artville 2019, Foto: Martina John

MS Artville 2019, Foto: Martina John

Das MS Artville genügt sich dieses Jahr nicht nur als kuschelige Oase festivalverliebter Szenemenschen, die hier ihre Vorfreude aufs Dockville zelebrieren. Es will mehr. Es wagt Diskurs, wird mit Workshops wie “The Art of Protest” politischer denn je.

“Mir ist schon klar, dass ich die Welt nicht retten kann, aber ich möchte es trotzdem versuchen”, steht auf einem großen “Barbara”-Plakat am Festivalzaun. Noch ist sie nicht tot, die Weltenretterromantik. Auch wenn sich die Botschaft teilweise hinter Bauspielplatz-Optik und leicht verdaulicher Kunst für die junge Zielgruppe verbirgt – vielleicht kommt sie so umso besser an. Ganz unberührt wird wohl kaum jemand das bunte Tomorrowland im Inselpark verlassen.

WANN: Das MS Artville läuft noch bis zum 10. August. Kunst gucken könnt ihr bis dahin jeweils Sonntag, Dienstag und Mittwoch von 14 bis 22 Uhr. Für Infos zu Führungen und Performances schaut ihr am besten auf der Website nach. Am 10. August feiert das Artville zum Abschluss dann noch einmal großes “Burgfest”
WO: MS ARTVILLE-Gelände, Reiherstieg-Hauptdeich / Alte Schleuse 23, 21107 Hamburg-Wilhelmsburg.

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