Priorität Prag Prague Art Week liefert
1. Oktober 2025 • Text von Anna Meinecke
Der September ist satt an Kunstveranstaltungen, die Prague Art Week ist da eher ein Underdog – das könnte sich bald ändern. Seit Jahren überzeugt sie konstant vor allem mit jungen, engagierten Künstler:innen und Ausstellungsmacher:innen. Auch die Erwartungen an den tschechischen Auftritt bei der kommenden Venedig-Biennale sind groß. Zeit, die wichtigen Namen der örtlichen Kunstszene zu pauken.

An Klára Hosnedlová kommt man im wahrsten Sinne des Wortes nur schwer vorbei während der Eröffnung der diesjährigen Prague Art Week. Bereits kurz nach 19 Uhr ist der Ausstellungssaal Mánes, der auf Betonpfeilern die Prager Altstadt mit einem Moldau-Inselchen verbindet, gut gefüllt. Direkt im Eingang hängt von der Decke und in die Menschenmenge hinein ein drei Meter langer weißlicher Epoxy-Kokon, darauf eine Stickerei, die andeutet, was in einem fiktiven Sci-Fi-Szenario schlüpfen könnte: ein knochiges Körperfragment mit Corsage.
Hosnedlová ist gegenwärtig wohl Tschechiens gehyptester Kunstexport. Selbstverständlich ist sie Teil der Havrlant Art Collection, der Kunstsammlung von Unternehmerin Kateřina Havrlant, die mit der Ausstellung „HAC#2“ ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Sammlungsschwerpunkt war lange Zeit vor allem junge Kunst aus Tschechien, auch aus angrenzenden mitteleuropäischen Ländern. Zunehmend kauft Havrlant internationaler ein.

Von Hosnedlová ist in Prag nicht nur der gewaltige Kokon zu sehen, den sie 2023 in der Hannoveraner Kestner Gesellschaft zeigte, kurz bevor ihr in traditionellem Kunsthandwerk verankerter, futuristischer Weltenbau maximal hochskaliert und damit ein Stück weit seines Zaubers entleert wurde. Über die Ausstellung verteilt finden sich kleinere Arbeiten von 2015 oder 2016, die sich aus heutiger Perspektive nicht als typisch Hosnedlová aufdrängen würden, wären sie nicht typisch Hosnedlová gestickt: das historisch anmutende Porträt eines ernst blickenden Mädchens in rotem Umhang oder ein in lustvoller Umarmung verbundenes Menschenpaar, gerahmt von Glasperlen auf einem ästhetisch fragwürdigen, in der Werkliste als Kimono titulierten Textil.
Die Ausstellung „HAC#2“ ist der perfekte Einstieg in die Prager Kunstwoche und die Szene vor Ort. Hier können Besuchende von außerhalb an Bekanntes anknüpfen: Skulpturen von Anna Hulačová etwa waren im vergangenen Jahr bei Eres Projects in München zu sehen, Malereien von Igor Hosnedl, Hosnedlovás Partner, bei Eigen + Art in Berlin. Und sie können Künstler:innen entdecken, die in Prag längst alle kennen und bei denen man sich fragt, wieso sie nicht schon viel öfter prominent in Deutschland ausgestellt waren: Tadeas Podracky, Valentýna Janů und Jakub Choma zum Beispiel. Und natürlich Jakub Jansa, der Tschechien bei der Venedig-Biennale im kommenden Jahr vertreten wird.

Die Prague Art Week ist ein Underdog im internationalen Kunstkalender – bislang noch ein Geheimtipp. Das mag daran liegen, dass es vor Ort nicht viele Galerien mit international konkurrenzfähigem Programm gibt. Hunt Kastner oder Polansky sind echte Ausnahmen, vielleicht entwickeln sich die noch jungen Galerien Clauda und Spot in eine ähnliche Richtung.
Die Museumslandschaft im Bereich zeitgenössische Kunst ist über die vergangenen Jahre bereits reicher an privaten Institutionen und damit um einiges interessanter geworden. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst Dox existiert zwar bereits seit 2008, lief bis 2020, vor der Verpflichtung eines Chefkurators, jedoch etwas unter dem Radar. Das ändert sich mit Otto M. Urban gerade. Seit 2022 gibt es außerdem die Kunsthalle Praha, die zuletzt während der Berlin Art Week im Rahmen des Kunstfestivals „Hallen 06“ in den Wilhelm Hallen mit einem Videoprogramm im Ausland für sich warb.

Was Prag seit jeher üppig vorhält: erschlagend schöne historische Orte. Die Prague Art Week führt an nicht ganz so offensichtliche jenseits der üblichen Tourirouten. In diesem Jahr beherbergt das barocke Schloss Troja im Norden der Stadt eine Ausstellung der städtischen Galerie. Vor allem mit Arbeiten junger Künstler:innen beleuchtet „The Palace of (Leisure) Time“ die Geschichte des Orts als Sommerresidenz des Grafen von Sternberg im Kontext zeitgenössischer Freizeitgestaltung.
Ganz im Westen der Stadt liegt das Benediktinerkloster am Weißen Berg, Bílá Hora. Nach zwei Ausgaben im Stift Broumov nahe der polnischen Grenze ist das Ausstellungsformat „Ora et lege“ dorthin umgezogen und somit in Reichweite der Prague Art Week. Die dritte Auflage „Saïat Nova – New Hour“ nimmt das mehrsprachige Werk des armenischen Dichters Sayat Nova als Ausgangspunkt für eine Zusammenstellung künstlerischer Arbeiten zum Thema Vielstimmigkeit. Die kann sich in einer skulpturalen Arbeit ausdrücken, wie der Ansammlung ausrangierter Handtaschen von Ana Gzirishvili, die die Geschichten ihrer einstigen Besitzer:innen bergen. Oder in einer vielfältigen Buchauslage auf einem überlangen Holztisch von Lado Lomitashvili. Man muss nur den ganzen Katholizismus drumherum ertragen.

Die Prague Art Week ist verhältnismäßig jung. Sie findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt. Direktorin Lenka Bakešová und ihrem Team gelingt es seit 2022, ganz unterschiedliche Akteur:innen der Prager Kunstwelt unter einen Hut zu bringen.
Die Nationalgalerie zeigt an ihrem Standort im Stadtteil Holešovice, im sogenannten Messepalast, eine aufwändige Retrospektive des 2015 verstorbenen Malers und Bildhauers Aleš Veselý, das Auktionshaus Dorotheum in Showroom und Wintergarten eine gleichermaßen sehenswerte, wenn auch übersichtliche Schau mit Werken der 2003 verstorbenen Malerin und Performancekünstlerin Zorka Ságlová. Das Emblem Hotel zeigt seine Kunstsammlung, die neue Galerie KodlContemporary, nicht zu verwechseln mit dem Auktionshaus Kodl Galerie – selbe Familie jedoch, ihren dreigeschossigen Glaskasten zu Füßen des jüngst sanierten Brutalismusklotzes, der das Luxushotel Fairmont Golden Prague beherbergt.
Was Prag als unterschätzten Kunststandort jedoch seit Jahren auszeichnet, ist eine aktive Off-Szene. Bakešová ist selbst Teil davon. Gemeinsam mit ihrem Mann Richard Bakeš betreibt sie den Ausstellungsraum Berlínskej Model, von 2020 bis 2023 war sie eine der treibenden Kräfte hinter der kleinen, aber wirklich feinen Initiative Prager Galerien und Off-Spaces Sumo. Sicher profitiert auch die Prague Art Week von diesem Zugang.

Berlínskej Model ist jedes Jahr Teil der Prague Art Week. Mit ihrem Programm haben es sich Bakeš und Bakešová zur Aufgabe gemacht, junge tschechische Talente in einen internationalen Kontext zu rücken. Die diesjährige Gruppenausstellung „Crusted Core“ sieht ein bisschen aus wie Alien unter Wasser, in der Zukunft aus einem versunkenen Schiffswrack geborgen. Die Kuratorinnen Agáta Hošnová und Karolína Voleská paaren die Nachwuchskünstlerin Ljuba Šlechtová, die derzeit noch in Prag studiert, mit Peter Nižňanský, Vertreter einer älteren Generation tschechischer Künstler:innen, Ivy Chilelli aus Italien und Mona Schulzek aus Deutschland.
Auch NoD produziert seit Jahren verlässlich tolle Ausstellungen. Die von Lenka Glisníková ist ästhetisch wie inhaltlich in ähnlicher Richtung wie „Crusted Core“ unterwegs: ökofuturistisch Sci-Fi. Der Ausstellungsraum erstrahlt als grenzenloses Weiß, darin floaten weiße Strukturen wie übergroße freigelegte Pilzgeflechte oder Fadenbakterien unterm Mikroskop und, als hätten sie sich darin verfangen, schwer zu verortende Objekte, die sich als dreidimensionale Bildträger digitaler Fotografie erweisen. Wie auch schon in den Vorjahren, als sich der Ort in einen überdimensionalen Spieltisch (Lenka Tyrpeklová) oder in ein minimalistisches Maßstabsarchiv (Selmeci Kocka Jusko) verwandelte, zeigt NoD, wie das mit dieser viel beanspruchten Immersion wirklich geht.

Die Macher:innen beider Ausstellungsräume, Berlínskej Model und NoD, wissen jedenfalls, was sie tun. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Namen während der Prague Art Week auch an anderer Stelle aufploppen. Richard Bakeš etwa bespielt das zweite Jahr infolge die kuratorisch alles andere als dankbaren Büroräume des tschechischen Ablegers von Sotheby’s International Realty.
Die Ausstellung „Housing Standard III: Omnivore“ preist einer heranwachsenden Sammler:innengeneration Malerei, Skulptur und Fotografie als gleichwertige Kaufoptionen an. Besonders im Gedächtnis bleiben dabei die skulpturalen Arbeiten von Néphéli Barbas. Auf eigenwillig geformten Beistelltischen aus Holz hat sie transparente Architekturmodelle mit modernen Elementen von Buntglasdekor platziert, die sie mit Zeichnungen menschenleerer Szenen urbanen Lebens versehen hat – der Blick auf ein U-Bahngleis oder aus einem vergitterten Ladengeschäft heraus auf die Straße.

Pavel Kubesa von NoD hat im Erdgeschoss des Hinterhofs des Gebäudekomplexes Palác Savarin, nach langen Renovierungsarbeiten wiedereröffnet zur Prague Art Week 2024, eine große Gruppenausstellung kuratiert. Die bringt weniger clean als die Havrlant Art Collection, dafür wirklich konzentriert auf die junge tschechische Kunstszene zusammen, wer sich in Prag bereits bewiesen hat: Eliška Konečná (2022 bei Berlinskej Model, 2023 bei Polansky, in diesem Jahr im Schloss Troja), Sofie Tobiasova (2024 bei Hunt Kastner), Vladimír Houdek (2020 & 2022 bei Polansky, 2024 bei Sotheby’s und in diesem Jahr in der Galerie Spot), Jiří Pitrmuc (2022 bei Stone Projects).

Überhaupt ist es für Wiederkehrende ein Genuss, während der Prague Art Week verfolgen zu können, wie sich Künstler:innen entwickelt haben, die man in den Vorjahren entdeckt hat. Olbram Pavlíček hatte 2024 eine Soloausstellung im nicht-kommerziellen Kunstzentrum MeetFactory, in diesem Jahr ist er sowohl in der Havrlant-Ausstellung als auch in einer Gruppenschau im Dox vertreten. Tomáš Roubal hat 2023 das Foyer eines ehemaligen Bankgebäudes bespielt, nun ist er Teil einer Gruppenausstellung im Galerie-Design-Shop-Hybrid C12 und im Backoffice von Clauda zu erspähen. Olga Krykun, 2022 bei einer Gruppenausstellung bei Světova 1 dabei, öffnet in diesem Jahr im Rahmen der „Open Studios“ des Kunstzentrums The House ihren Arbeitsort für Besuchende.

Das beste, beste im Sinne von zukunftsweisende, Beispiel könnte Stanislav Zábrodský sein. Im vergangenen Jahr hat die Prague Art Week mit dem Format „Young Selection“ erstmals gezielt junge Talente in Szene gesetzt, die noch nicht in großen Institutionen ausgestellt haben und die die lokale Kunstszene in Zukunft vertreten könnten. Zábrodský war einer von ihnen, er zeigte ein rostrotes zweiteiliges Betonrelief, gleichzeitig verschiedene Arbeiten im Rahmen einer Duo-Show im Off-Raum Holešovická Šachta. Inzwischen hat ihn die Galerie Polansky ins Programm aufgenommen, dort hat zur Art Week seine Einzelausstellung eröffnet.
Die Überschneidung „Young Selection“ und Holešovická Šachta wiederholt sich in diesem Jahr: Paula Gogola stellt an beiden Orten aus. Ihre Malerei, diffuse Fragmente menschlicher Körper in matter Farbpalette, wirkt weniger fertig als Zábrodskýs Arbeiten damals. Nun hatte dieser jedoch auch schon seinen Abschluss in der Tasche, Gogola studiert noch an der Akademie der Bildenden Künste Prag. Ob sie sich durchsetzt, wird sich zur Prager Art Week im kommenden Jahr überprüfen lassen.

Sicher als Stars der tschechischen Kunstszene durchgesetzt haben sich bereits Jakub Jansa und das Duo Selmeci Kocka Jusko. Sie werden 2026 den tschechischen Pavillon in Venedig bespielen. Wer mit ihrem Werk noch nicht vertraut ist, bekommt während der Prague Art Week einen Vorgeschmack.
Die Galerie Hunt Kastner, nicht offiziell im Programm der Kunstwoche, zeigt Selmeci Kocka Jusko aka Alex Selmeci und Tomáš Kocka Jusko in ihrem Projektraum. Zeitgleich sind beiden Schwesterausstellungen des Drillingsformats „Tower“ bei Šopa und Vunu im slowakischen Košice zu sehen.
Jakub Jansa stellt gemeinsam mit Pavla Malinová im sogenannten Laichter-Haus im Wohnviertel Vinohrady aus. Allein das Gebäude von Jan Kotěra, der als Wegbereiter der modernen tschechischen Architektur gilt, ist einen Besuch wert. Für umgerechnet gut 200 Euro pro Nacht kann man dort übrigens zu zweit übernachten. Wird der tschechische Venedig-Auftritt den hohen Erwartungen gerecht, könnte die Prague Art Week 2026 den ohnehin verdienten Besucher:innen-Boost erfahren. Nicht beschweren, wenn das geschichtsträchtige Zimmer dann ausgebucht ist. In Prag passiert was, die Kunstszene hat Bock. Sagt nicht, ihr hättet es nicht gewusst.
Die Prague Art Week 2025 ist vorbei, doch einige Ausstellungen laufen noch. Solltet ihr demnächst nach Prag reisen, notiert euch:
Mánes: „HAC#2“ – Havrlant Art Collection, bis Montag, den 6. Oktober, Masarykovo nábř. 250/1, 110 00 Nové Město.
Städtische Galerie im Schloss Troja: „The Palace of (Leisure) Time“, bis Mittwoch, den 29. Oktober, U Trojského zámku 1/4, 170 00 Prague 7.
Nationalgalerie Prag / Národní galerie Praha: „Aleš Veselý: Retrospective – Alešville“, bis 22. Februar 2026, Dukelských Hrdinů 530/47, 170 00 Praha 7-Holešovice.
Dorotheum: Zorka Ságlová, bis Freitag, den 17. Oktober, Vchod z recepce, Václavské náměstí, Jindřišská 19/832, Nové Město, 110 00 Praha.
Sotheby’s International Realty: „Housing Standard III.“, bis Jahresende nach Vereinbarung, Janáčkovo nábř. 51, 150 00 Malá Strana.
NoD: Lenka Glisníková, bis Mittwoch, den 15. Oktober, Dlouhá 33, 110 00 Staré Město.
Polansky: Stanislav Zábrodský, bis 1. November, Veletržní 841/45, 170 00 Praha 7-Holešovice.
Hunt Kastner: Selmeci Kocka Jusko, bis 15. November, Bořivojova 85, 130 00 Praha 3-Žižkov.
Danke an die Prague Art Week für die Einladung zur Pressereise.