Entlang der Glam-Route
Screen Print Scenes mit Katharina Marszewski

16. Juli 2018 • Text von

Wer von Kunst leben will, muss am Galeriebetrieb teilnehmen. Oder etwa nicht? Katharina Marszewski hat sich abseits des Üblichen ihren eigenen Kosmos kreativen Schaffens gebaut. Was bedruckte Stoffe, eine Masterarbeit und zwei neue Jobs damit zu tun haben, erzählt sie im Interview.

Katharina Marszewski: Material, Printmodé, 2018.

Es ging um die Wurst – und zwar um eine mit Senf, als ich Katharina Marszewski kennenlernte. Es war eine Begegnung der indirekten Art, denn zunächst einmal stand ich vor ihrer Kunst, der Siebdruckserie „Mustard Maybe“ in der Galerie Exile, eine Kollaboration mit Natalie Häusler. So etwa ein Jahr später gab es dann ein richtiges Kennenlernen über Rübengemüse und Wein. Die Wurst wohnte inzwischen bei mir und Katharina hatte große Pläne, wie wir unsere Leben noch ein bisschen mehr ineinander verhaken könnten. Wir sollten gemeinsam eine Edition rausbringen, schlug sie vor. Dazu an anderer Stelle mehr.

Was ihr bis hierher wissen müsst: Katharina Marszewski ist Künstlerin, die einmal mehr Teil der Branche war, aus ihr heraustrat, um sie von außen zu mustern, und dann doch ganz in ihr aufging. Nur anders. Wer heute ihre Website printmode.de besucht, könnte meinen, sich zu einem Modelabel verirrt zu haben. Da sind T-Shirts und Kleider und Frauen in T-Shirts und Kleidern. Aber Printmodé ist kein Online-Shop. Auf ihrer Website collagiert Katharina ihre Siebdruck-Patterns, Fotografie und Textfragmente – Souvenirs ihrer Performance-Arbeit. Wer Katharinas Klamotten kauft, erwirbt eigentlich Editionen.

Katharina Marszewski, Los Angeles, 2016. Foto: E. J. Roman.

Warum Katharina Marszewski Stoffe bedruckt und Szenen entwirft, was sie an Kollaborationen liebt und beim klassischen Galeriebetrieb vermisst und wo ihr ihrem performativen Schaffen als nächstes beiwohnen könnt, erfahrt ihr im Interview.

gallerytalk.net: Wie viel Fashion verträgt die Kunst?
Ich bin dabei, dass herauszufinden. Irgendwann habe ich angefangen auf T-Shirts und Seidenstoffen, anstatt auf Papier zu drucken. Da kam mir die Idee, es auch als Kleidungsstücke zu benutzen. Die Weiterentwicklung des jeweiligen Patterns, Farbabmischungen, die Inszenierung und die Vermarktung sind weiterhin Teil des künstlerischen Prozesses.

Was ändert sich, wenn man von einer bildenden Künstlerin gestaltete Klamotten trägt?
See this turn of a body, lowlight color pattern without pattern, a say oh, ya, on you- bizarro.

Wieso hast du eigentlich das Medium gewechselt?
Es war schon immer Teil meiner künstlerischen Strategie, die Medien zu wechseln. Die Printmodé Editionen geben mir aktuell Gelegenheit, mich mit all dem zu beschäftigen, was mich fasziniert: Entwicklung von Mustern, Erproben von situativen Momenten, neue Formen der Zusammenarbeit.

Katharina Marszewski: Inlay, „Versuche: über das Austreten aus einer Galerie“, 2017, dimension Variable.

Was sind das für Szenen, die entstehen, wenn du Frauen deine Designs tragen lässt?
Das kommt auf die Umgebung des jeweiligen Ortes an. Ich „schreibe“ Abläufe für meine Protagonistinnen. Sie wiederholen Aufwärmübungen vor Fassaden, kippen Brunnenwasser auf Felder, lesen Textpassagen oder müssen untereinander selber Posen erarbeiten. Unter den Akteurinnen entsteht eine Intimität, als wären sie durch eine Ur-Kommunikation miteinander verwickelt.

Bei deiner letzten Show mit Kleidern der Edition „Off Duty“ stand die Inszenierung in starkem Kontrast zum Setting. Zarte Stoffe zwischen Metal-Heads. Gute Sache?
Ich hatte erst ganz kurzfristig erfahren, dass zeitgleich ein Death-Metal-Festival stattfindet. Dieses Geschehen habe ich gedanklich in einen Look kondensiert – den der Metal-Fans, und überlegt, was ich dem hinzufügen könnte. So habe ich entschieden, diese langen, fließenden, farbig abgestimmten Kleider mit dem Schwanenmotiv zu entwerfen. Meine Trägerinnen wirken wie Töchter aus gutem Hause mit rebellischen Gedanken. Ich habe die Proben in der Öffentlichkeit durchgeführt und das dokumentierte Backstagematerial als Stilelement auf der Website mit eingebunden. Das Aufregende an dem Projekt war ja gerade, dass es ein anderes Publikum gab.

Katharina Marszewski: „Erotic Substance“, Collage, Ink on Paper, 28,5 x 42 cm, 2009, Private Collection.

Du hast deine Karriere ganz „klassisch“ begonnen: Kunststudium, Galerievertretung, Messen. Wieso war das nichts mehr für dich?
Alle Aktionen entstehen aus meiner künstlerischen Haltung. Ich war letztes Jahr auf der Art Cologne mit meinen Arbeiten vertreten und habe in all die traurigen, gelangweilten Gesichter geblickt. Es scheint mir, die Glam-Route des Kunstgeschehens der 00er-Jahre hat an einem Punkt einfach haltgemacht. Finanziell passiert nichts Überragendes mehr und auch die Inhalte bereiten einem nicht wirklich Gänsehaut. Dieser Variante des Kunstmarkts habe ich nur noch wenig abgewinnen können. Zur selben Zeit habe ich meine Masterarbeit am Institut „Kunst in Kontext“ an der Berliner Universität der Künste “Versuche: Über das Austreten aus einer Galerie” verfasst. Danach musste ich es selber durchziehen.

Sollten Künstler sich generell breiter aufstellen, was ihre Einnahmequellen anbelangt?
Einnahmequelle – ein schönes, bejahendes Wort! Ja, auf jeden Fall. Diese Themen sollten schon in den Ausbildungsstätten thematisiert werden. Ich empfinde es als unzeitgemäß, zu denken, freie Kunst sei unabhängig vom Markt. Ich stelle mir regelmäßig vor, wie alternative Geschäftsmodelle von KünstlerInnen aussehen können – auch wenn sie noch so utopisch sind.

Katharina Marszewski: “Centrum Artystycznych Rozwiązań/ Red Shopper 34 “, 38,5 x 59 cm, C-Type Print, 2014.

Gib mir mal ein Beispiel!
Für eine Utopie? Wie wäre es so: Jede Firma in Berlin muss ab einer gewissen Größe per Gesetz eine bildende KünstlerIn als Honorarkraft einstellen. Die Person kümmert sich um alles Mögliche – um die Aura im Büro, um interpersonelle Fragen, meinetwegen auch um die Auswahl der Möbel. Sie kann Ernährungstipps geben oder bei der Freizeitgestaltung helfen oder aber sie entwickelt auf der Führungsetage Ideen für größere Projekte mit.

Welchen Stellenwert misst du Kollaborationen in der Kunst bei?
Kollaborationen sind für mich eine Art der sozialen Praxis. Verschiedene Temperamente, Interessen und Lebensweisen wirken aufeinander. Es ist auch so: Ich denke mir einfach lieber mit jemandem ein Projekt aus, als bloß einen Kaffee trinken zu gehen.

Du hast dir mit verschiedenen Projekten eine gewisse Unabhängigkeit vom klassischen Kunstbetrieb erarbeitet. Du organisierst eine Siebdruckwerkstatt in Neukölln und arbeitest für das Museum Hamburger Bahnhof. Zu wie viel Prozent bist du eigentlich noch Künstlerin?
Ich sehe da keinen Widerspruch. Außerhalb des Ateliers entstehen die Geschichten, die ich für meine Arbeiten brauche. Es stimmt, ich bin seit ein paar Monaten offiziell die Präsidentin des Ruetli Wear e.V. – der Titel war einfach zu verlockend (lacht). Es erscheint mir als sinnvolle Arbeit, eine Werkstatt aufzubauen, um so anderen die Möglichkeit zu geben, ihre Vorhaben zu realisieren. Ich finde das sehr erfrischend. Im Museum gebe ich gerade Führungen auf Polnisch und Deutsch. Diese Arbeit ermöglicht es mir, als Teil des Kunstbetriebs die Reaktionen eines breiten Publikums auf Kunstwerke und die Institution des Museums unmittelbar zu beobachten.

Katharina Marszewski: Screenshot#5, www.printmode.de, 2018.

Und verkaufen Sie Lycra?
Du spielst auf meine Veranstaltung im Hamburger Bahnhof an? Es geht hier um die Geschichten, die Materialien und Kunstwerke bereits in sich tragen. Den Titel habe ich vor einiger Zeit mal in einem ganz anderen Zusammenhang notiert. Hier hat er plötzlich perfekt gepasst.

Worum geht es bei der Veranstaltung?
Sie findet im Rahmen der Ausstellung “Hello World” statt. Expertinnen aus verschiedenen Disziplinen wurden zu einem Perspektivwechsel eingeladen. Ich bereite das gerade mit der Kuratorin und Kunstvermittlerin Judith Kirchner als szenische Lesung vor. Unsere Veranstaltung soll die Organisation des Lebens aus künstlerischer Perspektive beschreiben. Die ist nämlich ein Balanceakt. Ich denke, gerade als Künstlerin sollte man sich zumindest zeitweise außerhalb bestehender Netzwerke aufhalten, um von da aus das Kunstgeschehen mit geschärftem Blick erfassen zu können.

Was also erwartet die Besucher?
Es werden verschiedene Kunstwerke und Artefakte in der Ausstellung zusammen angeschaut. Es wird exklusiv ein Brief von Wolf und Mercedes Vostell an Robert Rehfelder vorgelesen. Besonders freue ich mich darauf, einen Song meiner polnischen Lieblings-New-Wave-Band vorzuspielen. Und natürlich wird irgendwo ein Kleidungsstück präsentiert. My kind of re-presentation.

Wenn ihr mehr von Katharina Marszewski sehen wollt, klickt euch durch ihre Website. Als Soundtrack dazu empfiehlt die Künstlerin übrigens „More Women“ von Saâda Bonaire.

WANN: Die Veranstaltung „Verkaufen Sie Lycra“ findet am Donnerstag, den 19. Juli, von 18.00 bis 19.30 statt.
WO: Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin.

Außerdem erwartet euch unsere ganz eigene Kollaboration mit Katharina Marszewski. Also haltet die Augen offen!

Foto: Instagram/mercedes_marszewski.

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