Zukunst
Gedanken zur Ausstellung "Survival of the Fittest"

10. März 2020 • Text von

Im Erlanger Kunstpalais lotet eine internationale Gruppenausstellung aus, wie die Kunst als Vermittlerin von Hightech und Natur die Rettung der Welt vorantreiben könnte. Was macht das mit den einzelnen Kunstwerken?

Raumansicht Paul Seidler & Paul Kolling & Max Hampshire: terraO – Prototype for an augmented forest, 2018 © the artists, Foto: designarchitektur

Vorneweg, die Ausstellung ist auf verschiedenen Ebenen relevant. Kunstschaffende und Kunstbetrachtende müssen über die Herausforderungen der Welt nachdenken und dürfen es sich nicht in der kulturellen Filterblase bequem machen. Es ist wichtig, dass Museen in diesem Zuge über ihren eigenen ökologischen Fingerabdruck nachdenken. Und es ist in jedem Fall gewinnbringend, die unkonventionellen Perspektiven der Kunst durch Fachleute verschiedener Wissenschaften weiterzudenken, sie sogar zusammen zu entwickeln, und die Konsequenzen aus diesen Überlegungen festzustellen.

All das leistet die Ausstellung „Survival of the Fittest“ im Kunstpalais Erlangen, voller Struktur, Aufrichtigkeit und Selbstkritik, und das ist eine Leistung für sich. Von der Kuratorin Milena Mercer sind erstaunliche Werke versammelt worden: Jahrmillionen alte Ammoniten auf konstruktivistischen Sockeln bewohnen einen der Kellerräume wie fremdartige und doch aufrecht gehende Lebensformen. Die Prognosen der Brexitwahl werden von einer künstlichen Intelligenz statistisch auf mehreren Flachbildschirmen mit den jeweiligen Wolkenformationen des Tages über Großbritannien in Verbindung gesetzt. Ein selbstspielendes Klavier musiziert, gleich neben einer großformatigen Animation über die erste künstlich hergestellte Lebensform, neben einem genetischen Selbstbauset für zu Hause, mit dem man einfache Erbgutveränderungen in Bakterien selbst vornehmen kann.

Páll Ragnar Pálsson & Andreas Greiner: Aussaat, 2018 © the artists, Foto: designarchitektur

Läuft Euch jetzt ein Schauer über den Rücken? Dann solltet ihr im Untergeschoss eine Zeit lang der „Kitten AI“ zuhören, einer digitalen Katze mit eigenem Twitteraccount, die Euch die Welt von morgen erklärt und dabei wirklich unglaublich süß ist. Immer einen Besuch wert ist natürlich der ArchaeaBot, der mechanisch-elektrische Einzeller im eigenen Aquarium, der munter im abgedunkelten Raum vor sich hin blubbert und wackelt. Eine würfelförmige Geruchskammer im Untergeschoss, in der sich ausgestorbene Pflanzenwelten erschnuppern lassen, rundet die multisensorische Erfahrung ab.

Raumansicht Pinar Yoldas: Artificial Intelligence for Governance, the Kitten AI, 2016 © the artist, Foto: designarchitektur

Die Kunst steht in dieser Ausstellung also im programmatischen Dienst einer übergeordneten Idee. Das kann durchaus schief gehen, wenn man an die letzte documenta, die d14 in Kassel zurückdenkt. Dort hatte 2017 der Kurator Adam Szymczyk den zweifellos hohen Wert einer globalen, poststrukturalistischen Political Correctness derart exzessiv zur Grundlage der Ausstellung gemacht, dass einige der hintersinnigeren Kunstpositionen unter der aufgebürdeten Last der politischen Bedeutung jeder Zweideutigkeit beraubt wurden und förmlich konzeptionell erstickten. Jene Räume der Poesie und der feinsinnig-humorvollen Ironie, die 2012 in der vorletzten, von Carolyn Christov-Bakargiev kuratierten documenta (13) zu fast magischen Erlebnissen führten, mussten bei der d14 immer wieder einer Atmosphäre der Betroffenheit, Agitation und Anklage weichen.

Raumansicht Jonas Staal: Neo-Constructivist Ammonites, 2019 © the artist, Foto: designarchitektur

Irgendeine Ausstellung mit der documenta zu vergleichen, ist natürlich schon mit Blick auf die Budgets absurd, und um einen quantitativen Vergleich geht es hier auch nicht. Zu bemerken ist aber, dass „Survival of the Fittest“ dieser ideologischen und pädagogischen Schwere nicht erliegt und die einzelnen Kunstpositionen in ihrer Abfolge in Teilen noch eigenständig, untereinander reaktiv und auch streckenweise rätselhaft bleiben. Das mag an der Unaufdringlichkeit liegen, mit der die Kunstwerke, die nachhaltige Ausstellungsarchitektur und die verschiedenen Medien sich in den Räumen des Kunstpalais‘ verbinden.

Nun kann man, wie in jeder Ausstellung, über Details streiten: Ist die für die Mitarbeiter des selbstverwalteten Waldes produzierte Arbeitsjacke mit Feelgood-Label wirklich so ausstellungswürdig, dass man ihr in zweifacher Ausführung eine gesamte Wand direkt am Eingang einräumt? Wer hat eigentlich den Samsung-Flachbildschirm gefertigt, auf dem durch die „Kitten AI“ die Gefahren des Kapitalismus für die Welt angeprangert werden? Und wie viel Kohlestrom muss dem System „Nachhaltigkeitsausstellung“ eigentlich zugeführt werden um die ganzen Gedanken zu Nachhaltigkeit und Datenschutz überhaupt öffentlich verbreiten zu können? Diese Widersprüche sind dem Ausstellungsteam offensichtlich bewusst, ein eigener museumspädagogischer Raum befragt die Besucherinnen und Besucher zu ihren ökologischen Einstellungen und geht dadurch mutig in die Offensive.

Verbindungsdetail des reversiblen Ausstellungskonzepts © Kunstpalais Erlangen, Foto: designarchitektur

Pragmatische Kompromisse sind schlicht unvermeidlich in einer Welt, die noch nicht gelernt hat, Dinge so zu produzieren, wie sie es müsste, und diese Erkenntnis ist ein sympathisches Detail. Was geschieht nun also mit den Kunstwerken in einem derart politisierten Umfeld? Die Antwort ist vielschichtig: Manche der Positionen verschmelzen geradezu mit der Idee der Gesamtausstellung, und diese Anpassung schwächt ihre Sichtbarkeit, was angesichts des Ausstellungstitels eine feine Ironie in sich trägt. So postulierten Herbert Spencer 1864 und später auch auch Charles Darwin (1869) durch den Terminus „Survival of the Fittest“ ja exakt das Gegenteil: dass der bestangepasste Organismus überlebt. Andere Werke irritieren und gruseln erst beim zweiten Anblick und lassen die Betrachter nachhaltig schaudern. Manche der Werke bewahren sich aber auch einen in diesem Kontext überraschend anarchischen Humor, der für eine funktionierende, positive Zukunftsvision vermutlich ebenso entscheidend ist wie eine ausgereifte Kalkulation.

Raumansicht Anna Dumitriu & Alex May: ArchaeaBot: A Post Singularity and Post Climate Change Life-Form, 2018 © the artist, Foto: designarchitektur

Eine interdisziplinäre Tagung mit Redebeiträgen aus Biotechnologie, Paläontologie, Medientheorie und Nachhaltigkeitsforschung am Wochenende des 14. und 15. März öffnet das Diskussionsfeld noch weiter. Und schon die Tatsache, dass ein Open-access-Tagungsband im Nachgang kostenlos digital publiziert werden wird, lässt der Veranstaltung viele Teilnehmende und konstruktive Einwürfe wünschen, bei wissenschaftlichen Veranstaltungen ist das leider auch in der Universitätsstadt Erlangen keine Selbstverständlichkeit. Natur und Technologie, das muss keine Feindschaft sein, das kann etwas Zärtliches und Gutmütiges werden; oder aber die Cyborgs überrennen uns bald. Wenn auch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht diese.

Dieser Artikel ist der zweite Baustein einer plattformübergreifenden Berichterstattung. Der erste Baustein findet sich in der März-Ausgabe des kostenlosen, analogen und digitalen curt Magazins.

WANN: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr. Die Ausstellung wurde verlängert bis zum 6. September.
WO: Im KUNSTPALAIS im Palais Stutterheim, Marktplatz 1, Erlangen.

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