Neues Europa!
Ein Atelierbesuch bei NA&NE

13. August 2016 • Text von

Sciene Ficition und Virtual Reality treffen auf Marmor und Plottermaschine. In seinen Rauminstallationen erschafft Niko Abramidis & NEnicht nur seine eigene Corperate Identity, sondern entführt uns auch in ein Paralleluniversum.

von Leo Stadler

Vor Kurzem bezog der Künstler ein loftartiges Studio in der Stadtmitte Münchens. In dem gerade neu entstandenen Büro und Atelier fand ein Gedankenaustausch über seine künstlerische Arbeitsweise und den europäischen Moment in seinem Werk statt.

„Ich bin überzeugt, dass jeder beliebige Tisch für jeden von uns eine Landschaft sein kann, die so groß und weit ist wie die Andenkette, […] Ich muss gestehen, dass ich mein Leben lang eine große Vorliebe für Tische hatte.“ Jean Dubuffet, 1952

NA&NE Office Hybris, Foto: NA&NE

NA&NE, Hybris Office, installation view 2016, Foto: NA&NE

gallerytalk.net: Lieber Niko, lass uns direkt einsteigen; welche Themen beeinflussen und inspirieren Dich in Deiner Arbeit?
Niko Abramidis & NE: In der heutigen Zeit lassen sich viele Dinge und Prozesse nicht mehr vollständig nachvollziehen und verstehen. Mit dem Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Spezialisierung auf einzelne Arbeitsschritte und ist heute so weit fortgeschritten, dass der Mensch immer nur Teil einer großen Produktionskette ist. In meiner Arbeit setzte ich mich mit diesen wirtschaftlichen Abläufen aus der wirklichen Welt auseinander. Nur in der Kunst ist es für mich möglich solche Einflüsse mit vollkommen anderen Ideen und Motiven aus der phantastischen Literatur, der Musik, dem Film oder auch der Philosophie zu verknüpfen. Ich bin ein großer Fan von Nietzsche! In meinem Werk verankere ich diese Themen in einer Art Paralelluniversum mit eigenen Bezügen. Diese Auseinandersetzung mit der realen Welt geschieht also nie direkt, sondern immer über eine Metaebene, die für mich gleichzeitig eine Aktionsgrundlage für alles Weitere darstellt.

Portrait des Künstlers NA&NE, Foto: NA&NE.

Portrait des Künstlers NA&NE, Foto: NA&NE.

 

Wörter in Deinen Werken, wie „No Place for Pretenders“, „Hybris“, „A Europe that I once hated,…“ lassen eine kritische Auseinandersetzung mit der Wirtschaftswelt vermuten.
Kritisch muss man immer sein. Wichtiger ist mir allerdings ein gewisser subversiver Humor in der Kunst; den findet man ja sonst in anderen Bereichen nur ganz selten.

In Deinem Werk lassen sich auch immer wiederkehrende Zeichen und Symbole erkennen, wie zum Bespiel das NE, das auch in Deinem Künstlernamen Niko Abramidis & NE vorkommt. Was hat es damit auf sich?
NE steht für ganz verschiedene wichtige Metaebenen, aber vor allem für die Neue Entität. Eine Entität, die mich als Künstler und als Person beinhaltet und mich in einen Referenzkosmos einordnet, der sich als eigenständiges Gebilde innerhalb des uns umgebenden Informationskomplexes bewegt. NE steht auch für das Neue Europa, das mein Werk und die Paralellwelt in einen größeren Kontext einbettet. Es stellt eine Art Rückgrat dar, anhand dessen ich meine Ideen ausrichte. Fast alle Unternehmen erzeugen Corporate Identities, um ihre Produkte zu vermarkten und den Kunden an sich zu binden. Ich denke, dass eine gute Idee immer ein eigenes Design braucht, mit dem sie identifiziert werden kann. Der Vorteil an der Kunstwelt gegenüber der Wirtschaftswelt ist jedoch, dass diese Zeichen geistig aufgeladen sind und sich vielseitig deuten lassen.

Master scale, 2015, Foto: NA&NE

NA&NE, Master & Scale, installation view 2015, Foto: NA&NE.

Diese Welten setzt Du seit neustem in Virtual Reality Brillen um. Warum dieses Medium?
Ich finde es faszinierend mit neuen Technologien zu arbeiten und diese zu adaptieren. Virtual Reality stellt für mich eine neue Möglichkeit dar, meine eigenen Welten zu erschaffen. Es ist ein sehr immersiver virtueller Raum, in die die Menschen durch ein Fernglas Einblick erhalten. Darin können sie außerdem ortsunabhängig eintauchen, da sie hierzu nur ihr Smartphone benötigen.

 

NA&NE, crisp consulting, Master scale, 2015, Foto: NA&NE

NA&NE, crisp & consulting, installation view 2015, Foto: NA&NE.

Aber die Grundlage für Deine Werke bilden ja immer Zeichnungen.
Für mich stellt die Zeichnung die beste und effektivste Möglichkeit dar, Gedanken und Ideen Form und Ausdruck zu verleihen. Da bei der Verwendung dieses Mediums am wenigsten Gedankengut verloren geht, wird es ja auch oft als Vorstudie verwendet. Wobei ich meine Zeichnungen immer als Ganzes betrachte, die erst nach einer gewissen Zeit Sinn ergeben. Einzeln stellen sie für mich Fragmente dar. Meine Zeichnungen sind deswegen immer auch eine chronologische Archivierungsmethode.

 

NA&NE, Hybris Triptych, 250x125cm, c-drawings on steelplate, 2013, Foto: NA&NE.

NA&NE, Hybris Triptych, 250x125cm, c-drawings on steelplate, 2013, Foto: NA&NE.

Die meisten Zeichnungen entwirfst Du davor aber in einem Skizzenbuch.
Oder mit einer speziellen App auf meinem Handy. Danach werden sie über eine alte Plottermaschine direkt auf ein geeignetes Papier übertragen. Das hat für mich vor allem pragmatische Gründe: Es ist platzsparend und ich kann immer zeichnen, auch wenn ich unterwegs bin. Außerdem wird die Zeichnung dadurch nicht kopiert, sondern in einem beschleunigten Prozess nochmals gezeichnet – einfach faszinierend!

Neben Zeichnungen fertigst Du auch Objekte an. Das sind häufig Tische. Warum genau dieser Gegenstand?
Der Tisch ist neben dem Bett eines der wichtigsten Möbelstücke, an dem der Mensch viel Zeit verbringt. Es ist für mich ein geistiger Ort, an dem man abgesehen von einigen stupiden Arbeiten sein Leben organisiert und fiktive Reisen unternimmt. Deshalb haben wir auch nicht nur im Büro einen Schreibtisch, sondern auch zu Hause.

NA&NE, NVE top office, Foto: NA&NE.

NA&NE, NVE office, virtual reality devices, installation view 2016, Foto: NA&NE.

Warum verwendest Du für die Herstellung der Tische meistens teure Materialien, wie beispielsweise Marmor, Glas oder Stahl ?
Da sind wir wieder bei dem Thema, das ich vorhin schon angesprochen habe. Viele Gegenstände werden nur noch sehr oberflächlich betrachtet. Wenn man einen billigen Tisch aufschneiden würde, dann käme einem der stinkende und bröselnde Pressspan entgegen. Ich möchte den Dingen, die wir benutzen und die wichtig für unser Leben sind, wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. Das Neue Europa sollte aus Marmor und Stahl gebaut werden, nicht wie bisher aus Pressspan!

WO: Ab zum Sendlinger Tor!
WANN:
 Einen Atelierbesuch vereinbaren? NA&NE freut sich über Post: mail@nikoabramidis.eu .

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