Naturburschen bei der Arbeit
Von Humboldts Erben

21. Dezember 2018 • Text von

Als ob die Welt nicht schon wundersam genug wäre, schicken sich im Kunstpalais Erlangen zwei junge Querdenker an, unser Verständnis von Natur durch irrwitzige Eingriffe arg auf die Probe zu stellen. Vor der künstlerischen Ambition von Julius von Bismarck und Julian Charrière sind weder archaische Landschaften oder Eisberge noch Taubenschwärme sicher.

Julius von Bismarck und Julian Charrière, „I Must Ask You To Leave“, 2018, 3-Kanal-Videoinstallation, 30 Min., © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Leihgabe alexander levy Galerie, Sies + Höke, Collection of Lars Dittrich and André Schlechtriem

Julius von Bismarck und Julian Charrière, „I Must Ask You To Leave“, 2018, 3-Kanal-Videoinstallation, 30 Min., © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Leihgabe alexander levy Galerie, Sies + Höke, Collection of Lars Dittrich and André Schlechtriem

„Wie kommt man denn auf sowas?“, fragt eine ältere Dame ganz interessiert und Julius von Bismarck erklärt ihr geduldig, was er und sein Künstlerkollege Charrière sich wohl dabei gedacht hätten in der titelgebenden Arbeit der Ausstellung „I Must Ask You To Leave“ von 2018 einen phallusförmigen Fels naturgetreu nachzubauen, diesen täuschend echt in aufwendiger Team- und Handarbeit in der Landschaft zu installieren, nur um ihn später wieder zu sprengen. Die Frau ist verwundert und irgendwie beeindruckt, sie wünscht von Bismarck zum Abschied noch viele gute Ideen für die Zukunft. Dann kommt auch schon sein Künstler- und Atelierpartner Julian Charrière vorbei und beide begeben sich einen Raum weiter, um auf ihrer begehbaren Gemeinschaftsarbeit „Clockwork“ mit weiteren Besuchern ins Gespräch zu kommen. Auf einer eigens für die Ausstellung im Kunstpalais angekarrten Steinhalde tun kupferfarbene Zementmischmaschinen lärmend ihr Werk und runden ehemalige Bau- und Backsteine zu riesigen Kieseln ab, beschleunigen so die Erosion des Materials, das Mahlen der Zeit rapide.

Julian Charrière und Julius von Bismarck, "Clockwork", 2014, Betonmischer und verschiedene Arten von Steinen, Maße variabel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem, alexander levy

Julian Charrière und Julius von Bismarck, „Clockwork“, 2014, Betonmischer und verschiedene Arten von Steinen, Maße variabel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem, alexander levy

Es entsteht der sympathische Eindruck, dass zwei große Jungs das Kunstpalais zu ihrer temporären Spielwiese gemacht hätten, mit einer mitreisenden Begeisterung für die Sache – grob gesprochen, einer bisweilen humorvollen, oft tragisch-entfremdeten Zwiesprache zwischen Mensch und Natur. Unter diesem großen Themenkomplex findet sich ein Bilderkabinett aus venezianischen Tauben, bunt besprüht als hätten sie sich mit entflogenen Kanarienvögeln gepaart („Some Pigeons Are More Equal Than Others“, 2012), ebenso wie ein Film, der das ewige Fallen und gefällt werden der Bäume eindrücklich zu einer Videocollage verdichtet („Ever Since We Crawled Out“, 2018) – ein episches Mahnmal der menschlichen Rohstoffgier.

Julian Charrière, "The Blue Fossil Entropic Stories I", 2013, Druck auf Hahnemühle Museum Etching, 100 x 150 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem

Julian Charrière, „The Blue Fossil Entropic Stories I“, 2013, Druck auf Hahnemühle Museum Etching, 100 x 150 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem

In „The Blue Fossil Entropic Stories I“ von 2013 wiederum unternimmt Julian Charrière den anrührenden aber auch wahnwitzigen Versuch, einen Eisberg mit einem Glaslotkolben abzuschmelzen. Ein Eingriff in die Natur, der das sonst abstrakte Phänomen globaler Erderwärmung quasi personifiziert und gerade deshalb die Hilflosigkeit des Indivduums vor der Naturgewalt illustriert. Analog dazu peitscht von Bismark in „Punishment #7“ von 2011 das Meer aus und bezieht sich dabei auf die megalomanische Geste des Perserkönig Xerxes I., der 480 v. Chr. mit der gleichen Aktion die zerstörerischen Wogen der Wellen bestrafen wollte.

Julius von Bismarck, "Punishment #7", 2011, Inkjet-Druck auf Hahnemühle Museum Etching, 100 x 150 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy alexander levy

Julius von Bismarck, „Punishment #7“, 2011, Inkjet-Druck auf Hahnemühle Museum Etching, 100 x 150 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy alexander levy

An anderer Stelle der Ausstellung wird in der von beiden Künstlern gemeinsam realisierten Serie „Kunst“ die Frage aufgeworfen, inwieweit wir uns bereits durch die Benennung der Dinge ihrer habhaft machen. In einer aufwendigen Aktion wurde etwa der reale Urwald in riesigen Graffitti-Lettern mit dem Wort „DSCHUNGEL“ versehen. Die Fotografie als Zeugnis dieses Eingriffs gibt in der Ausstellung einen treffsicheren, zeitgenössischen Kommentar auf Magrittes „Verrat der Bilder“ ab, persifliert aber zugleich die Vermessung der Welt im humboltschen Sinne als Geste nicht nur sprachlicher, sondern auch physischer Aneignung durch den Homo Scientificus.

Julian Charrière und Julius von Bismarck, "Kunst (Lava)", 2013, Inkjet-Druck auf Hahnemühle Photo Rag Barytak, 50 x 75 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem, alexander levy

Julian Charrière und Julius von Bismarck, „Kunst (Lava)“, 2013, Inkjet-Druck auf Hahnemühle Photo Rag Barytak, 50 x 75 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem, alexander levy

Physisch präsent und zugleich verschwindend gering konfrontiert uns dagegen von Bismarcks „I like the flowers“, 2017, mit einer Reihe von scheinbaren Pappaufstellern die ein Stück Natur plakativ in den Ausstellungsraum bringen und eine Art Raumcollage bilden. Erst bei genauem Hinsehen entdeckt man, daß es sich um reale, gepresste Pflanzen und auch Tiere handelt, aufgebracht auf stabilen Aluminiumplatten. Die Erwartung an das Authentische und das Natürliche verkehrt sich so in ihr Gegenteil und wirkt hier künstlicher als jede Abbildung. Das Reale, Stofflich-Organische wird eine steril transformierte Masse, deren Präsenz sich hier nur noch wie ein Echo ihrer selbst darstellt.

Julius von Bismarck, "I like the flowers", 2017, getrocknete und gepresste Pflanzen und Tiere auf Edelstahlplatten montiert, diverse Maße, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Sies + Höke

Julius von Bismarck, „I like the flowers“, 2017, getrocknete und gepresste Pflanzen und Tiere auf Edelstahlplatten montiert, diverse Maße, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Sies + Höke

Dieser Grundgedanke einer entfremdeten, überformten Natur findet sich bei vielen Arbeiten der Ausstellung wieder, die man mit einem weindendem und einem lachendem Auge verlässt. Einerseits erscheint es erstaunlich, was der menschliche Wille zu bewegen vermag, wenn selbst die Landschaft und die Wildnis zum Werkstoff der künstlerischen Auseinandersetzung werden. Andererseits wird der Künstler hier zum stellvertretenden Akteuer einer Menschheit, deren federführende Charaktereigenschaft die Hybris gegenüber ihres eigenen natürlichen Lebensraumes zu sein scheint. Wir sägen an dem Ast auf dem wir sitzen, allerdings selten mit soviel Charme wie bei von Bismarck und Charrière.

WANN: „I’m Afraid I Must Ask You To Leave“ ist noch bis 24. Februar 2019 zu sehen.
WO: Das Erlanger Kunstpalais liegt zentral am Marktplatz 1.

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