Nachklang an der Wand
“Void & Sound” in der Galerie Kai Erdmann

29. Januar 2020 • Text von

Was bleibt, wenn die Musik vorbei ist? Beim Festival “Void & Sound” in der Galerie Kai Erdmann findet eine Reihe musikalischer Performances mit bildender Kunst zusammen – das Echo der performativen Events hallt in einer Gruppenausstellung nach. 

Performance "Die Apotheke", "Void & Sound", Galerie Kai Erdmann

Aristide & Constance Olt, Thomas Zipp: Performance „Die Apotheke“, „Void & Sound“, Galerie Kai Erdmann

Die Hängung als öffentlicher Akt: ein leerer weißer Raum, der sich langsam mit Kunst füllt. Woche für Woche kommt ein neues Werk hinzu, bis zur Eröffnung, die gleichzeitig die Finissage dieses Additionsprozesses darstellt. Das ist das Prinzip des “Void & Sound” Festivals in der Galerie Kai Erdmann. Doch hier geht es nicht nur um materielle Arbeiten, die sich an den Wänden summieren. Zum Konzept gehört auch das Ephemere: Das, was im Raum passiert, aber nicht bleibt. Klänge zum Beispiel. 

Seit November wird der Galerieraum regelmäßig mit Klang-Performances verschiedener Künstler*innen bespielt. Ob Minimal Punk Jazz Industrial oder “Happy Grindcore”, Object-Trouvé-Noise mit Betonmischern, Death Metal oder Techno bis nachts um 3 – das Spektrum ist breit und steht bisweilen nicht im direkten Bezug zu den materiellen Arbeiten. 

Ausstellungsansicht "Void & Sound", Galerie Kai Erdmann

Ausstellungsansicht „Void & Sound“, Galerie Kai Erdmann

Kurz vor dem Grand Finale von “Void & Sound” haben wir uns “Die Apotheke” angesehen. Dabei handelt es sich um eine Performance des Berliner Künstlers Thomas Zipp zusammen mit Bela B und Konstanze Habermann, die hier unter den Aliassen Aristide und Constance Olt auftreten. Zwischen Schlagzeugrhythmen und Noise-Elementen geht es unter dem Motto “Pharma 4 U” unter anderem um den bewusstseinserweiternden Effekt von Medikamenten. 

An einem nassen Montagabend Ende Januar treffen wir in der gut gefüllten Galerie auf drei maskierte Figuren in weißen Schutzanzügen, die auf einem Kinderschlagzeug, einem Vibraphon und einem modifizierten Lautsprecherrucksack musizieren. Erst in seriös-skeptischer Distanz verharrend, kann man sich einem dezent groovigen Mitwippen zu den Schlagzeugbeats bald nicht mehr entziehen, während die maskierten Performer*innen zur infernalischen Geräuschkulisse Auszüge aus den Packungsbeilagen einer Reihe Psychopharmaka und Schmerzmitteln rezitieren. 

Zuerst ist da vor allem das Spielerische, das anarchisch Noisige, der “Geniale Dilletanten”-Charme der Darbietung. Den wilden Mix aus Drums, Vibraphon und DIY-Lautsprecherrucksack ergänzen diverse Knallgeräusche, als die Künstler*innen gegen Ende der Performance Luftballons aufblasen und mit den Füßen zum Platzen bringen.

Aristide & Constance Olt, Thomas Zipp: Performance "Die Apotheke", "Void and Sound", Galerie Kai Erdmann

Aristide & Constance Olt, Thomas Zipp: Performance „Die Apotheke“, „Void & Sound“, Galerie Kai Erdmann

Beim näheren Hinschauen manifestiert sich eine interessante Dichotomie: Auf der einen Seite der Lärm, die Drums, das visuelle Chaos, auf der anderen Seite die kleingedruckten Packungsbeilagen, eine der vielleicht nüchternsten Textformen, der wir in unserem Alltag begegnen. Und gleichzeitig beschreibt so ein Stück Papier mit seinen verklausulierten Ausführungen voller Fachtermini dann doch elementarste Auswirkungen auf unseren Organismus: von einschneidenden körperlichen Nebenwirkungen bis hin zu bewusstseinsverändernden Zuständen. 

Eingeordnet wird der Auftritt auch durch die textuelle Struktur auf dem ankündigenden Flyer: “Liberation, Absorption, Distribution, Metabolisierung, Exkretion”. Das sind die unterschiedlichen Stadien der Aufnahme- und Ausscheidung eines Medikaments durch den menschlichen Körper. In Bezug auf das Oeuvre von Thomas Zipp ist das Pharma-Thema nicht neu – der Künstler hat Pillen und Tabletten mehrfach behandelt, schon in seiner ersten Monografie aus dem Jahr 2005 “Achtung! Vision: Samoa & The Family of Pills.”

Noch während die Performance läuft, werden die neuen Arbeiten gehängt. Viel freier Platz ist an den Galeriewänden so kurz vor dem Finale des Festivals allerdings nicht mehr. Drei Stück sind es, die dazukommen: Zum einen “Lärm”, eine Collage mit Schalldämpfer-Eierkarton von Bela B Felsenheimer/ Aristide Olt. Ein Titel, der zum schlagzeuggetriebenen Soundtrack des Abends passt, aber mit dem Verweis auf das Quasi-Anagramm “Al Arme”– zu den Waffen – eine weitere, aktivistische Dimension erhält. Thomas Zipps smoothe Skulptur “Checkered Pill” scheint das Thema der Performance dagegen inhaltlich weiterzuführen. Bei Zipps zweitem beigesteuerten Werk hört die ach so einfache Referenz zum Performance-Inhalt jedoch auf: Der Siebdruck “Wobble” scheint gänzlich losgelöst vom Wirken der “Apotheke”.

Ausstellungsansicht "Void & Sound", Galerie Kai Erdmann

Ausstellungsansicht „Void & Sound“, Galerie Kai Erdmann

Das passt zum vom Galeristen und Kurator intendierten Fokus auf die materiellen Werke der Gruppenausstellung: “Am Ende muss die Ausstellung ja stehen und funktionieren. Die performativen Abende sind dann ja nicht mehr zu sehen. So war es mir fast schon egal, wie der klangliche Beitrag aussah. Obwohl er natürlich abgesprochen wurde,” erläutert Kai Erdmann. Ganz ohne Echo verhallen die performativen Elemente der Reihe jedoch nicht. Sie werden alle online auf Vimeo archiviert, der Nachklang verlagert sich also ins Digitale.

Ist “Void & Sound” ein Gesamtkunstwerk? Dafür sind die mentalen Fäden zu dünn, die Performance und Werk an der Wand zusammenhalten. Hochkarätige Arbeiten wie die Betonskulptur in Textiloptik von Philip Zaiser, das animierte Holzkreuz von Jonas Hofrichter, die Keramikpilze von Bernhard Schreiner, der Mixed Media “Herrgottswinkel” von Evamaria Schaller oder der abjekt-kuschelige “Streichelhandschuh” mit Weidenkätzchen von Judith Delgado behalten ihre Gattungsautonomie.

Es sind sorgfältig ausgewählte Kunstwerke mit eigenem Bedeutungskosmos, keine Relikte der Performance-Events. Einen Spurencharakter erhalten sie nur durch den quasi-rituellen Hängungsakt, der parallel zur musikalischen Darbietung stattfindet. Wie so oft liegt es am Ende also bei den Betrachter*innen, eine Verbindung herzustellen und das materielle Echo der Performances im eigenen Kopf zu rekonstruieren. 

WO: Galerie Kai Erdmann, Kleine Reichenstraße 1, 20457 Hamburg.
WANN: Die komplettierte Ausstellung könnt ihr noch bis zum 15. Februar besuchen, je Montag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr.

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