Mythos der körperlichen Norm Park McArthur im Mumok
13. August 2025 • Text von Gast
Mit “Contact M” zeigt das Mumok Wien in Kooperation mit dem Museum Abteiberg Mönchengladbach eine Überblicksausstellung der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Park McArthur. Mit den Mitteln der Minimal Art legt die Künstlerin Körper- und Zugänglichkeitspolitik analytisch wie eindringlich offen.(Text: Maja Lisewski)

Mit minimalistischer Schlichtheit und dennoch selten angetroffener Sensibilität vermittelt die 1984 in North Carolina geborene Park McArthur Umstände und Abhängigkeiten, die durch ein Leben jenseits der gesundheitlichen Norm entstehen. Seit den frühen 2010er-Jahren ist ersichtlich, dass Care in McArthurs Praxis kein rhetorischer Gestus ist, sondern eine logistische und institutionelle Notwendigkeit.
In einer Zeit, in der Ausstellungen primär an laut verkündeten Besucherrekorden gemessen werden, setzen Institutionen auf Exklusivität als kulturelles Kapital: Die vermeintliche Einzigartigkeit und das Novum einer Schau dienen der Erreichung kommerzieller Ziele. McArthur unterläuft diese Verknappungslogik konsequent, indem sie die Ausstellung „Contact M“ parallel an zwei Orten zeigt: im Wiener Mumok und im Museum Abteiberg in Mönchengladbach.

Der in der Kunstwelt betriebsbedingte Druck zu reisen wird auf diese Weise erleichtert, spätestens mit dem konzeptuell sehr stringenten Angebot der titelgebenden Soundarbeit „Contact M“: Gemeinsam mit Elaine Lillian Joseph und weiteren Kollaborateur:innen realisiert, fungieren Audiofiles als simultane Beschreibung beider Ausstellungen. Mit diesem eigenständigen Werk führt McArthur die Erweiterung von Zugänglichkeit über das Visuelle hin zum Performativen weiter konsequent fort, indem die Audiodateien online abrufbar sind.
Im Mumok nimmt die Ausstellung eine prominente Position nahe dem Haupteingang und Aufzug ein. Eine Entscheidung, die funktional und zugleich symbolisch lesbar ist. Mit einer ruhigen und dennoch einnehmenden Ausstrahlung werden in der hell ausgeleuchteten Ausstellungshalle dort rund zwei Dutzend Skulpturen, Installationen, Readymades und Wandarbeiten präsentiert.

Beim Betreten der Ausstellung ziehen Arbeiten wie „Softly, Effectively“ (2017) und „Missions“ (2025) an der Stirnseite des Raumes die Aufmerksamkeit auf sich: zwei für McArthur charakteristische, auf Autobahnschildern basierende Objekte. Auf den ersten Blick mögen sich hier Referenzen zu Minimalisten der 1960er-Jahre wie Carl André, Donald Judd oder Frank Stella anbieten. Zurückzuführen ist dieser Eindruck auf die in den Fokus gerückten Merkmale der Form und Materialität, aber auch auf McArthurs Erweiterung des Tafelbildes. Doch McArthur nutzt die Grammatik industrieller Materialien und serieller Strukturen, um Fragen von Kontrolle, Orientierung und deren Mängel im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.
Die Objekte sind zunächst nur schwer als Verkehrszeichen erkennbar, da sie gänzlich ihrer Funktion beraubt sind. Bei längerer Betrachtung aber verwandeln sich die Aluminiumschilder in abstrakte, silbern lichtreflektierende Oberflächen. Die Fragilität jener Leitsysteme ist hier so still wie drastisch entlarvt worden: Von Farbe, Schrift und Zeichen entleert, vergegenwärtigen die leeren Autobahnschilder jene Unzugänglichkeit, welche Menschen mit körperlichen Einschränkungen erfahren, hier egalitär für alle.

In der gesamten Ausstellung, wie in McArthurs Schaffen allgemein, ist die Werkgruppe „Ramps“ (2014) zentral – eine Arbeit, mit der McArthur internationale Aufmerksamkeit erlangte. Die aus Galerien, Schulen, Residencies und Studios zusammengetragenen Rampen sind teils improvisiert, teils industriell gefertigt. McArthur rekontextualisiert die funktionalen Objekte in klassischer Ready-Made-Manier als skulpturale Materie. Mit der Anordnung verdichtet, veranschaulichen die einzelnen Ramen in ihrer Heterogenität und schieren Vielfalt hinsichtlich Materials, Größe und Farbe, dass die Exklusion bestimmter Körper durch bauliche Normen nicht die Ausnahme, sondern als strukturelles Problem die Regel bildet.

McArthurs Auseinandersetzung mit Zugänglichkeit knüpft an Marta Russells Kritik an spätkapitalistischen Wohn- und Baupolitiken an, die diese 1998 in ihrer Publikation “Beyond Ramps: Disability at the End of the Social Contract” formulierte. Darin identifiziert sie die systematische Unterdrückung behinderter Menschen als Konsequenz kapitalistischer Strukturen. Als thematische Verschränkung manifestiert sich diese These in McArthurs Arbeit „Is this an investment, pied-à-terre, or primary residence?“ (2018), die in großflächigen schwarzen Lettern mehrere Wände überzieht.
Ursprünglich unter dem Titel „Projects 195“ für das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) konzipiert, änderte McArthur ihre Präsentation in der Ausstellungsreihe von 109 auf 195, um frühere, nicht nummerierte Ausstellungen einzuschließen und die selektive Geschichtsschreibung des MoMA offenzulegen. Parallel dazu formulierte die in New Yorker lebende Künstlerin einen Gegenentwurf zur Realisierung des MoMA-Turms als Luxusimmobilie. Dieser fokussierte sich neben privaten Wohnungen auf öffentlich zugängliche, bezahlbare Räume, die von behinderten und nicht behinderten Menschen in gegenseitiger Betreuung nutzbar wären.

Einen vielleicht unerwarteten Gegenpunkt zur Text- und Materialdominanz setzen vier sichtbar getragene Pyjamas, „Black & White Plaid Commode“, „Breakfast Commode“, „Pink Love Commode“ und „Calvin Klein Commode“ (2014). Die auf Metallbügeln hängenden, zerknitterten Textilien tragen Spuren des Körpers und werden zu Zeugnissen eines Alltags, der von Einschränkungen geprägt ist, wenn so private Kleidung wie Nachtwäsche teils dauerhaft zur primären Kleiderwahl wird.
Als taktile Intervention in unmittelbarer Nachbarschaft erheben sich ein pastellblauer und ein schwarzer, großformatiger Polyurethanschaumwürfel mit dem Titel „Polyurethane Foam“, geschaffen 2025 und 2016. Die minimalistisch-industrielle Form des alltäglichen Materials, das in Matratzen, Möbel oder Dämmungen eingesetzt wird, ruft abermals Referenzen an Donald Judd auf. Doch die weiche, schallabsorbierende Materialität des Schaumstoffs bricht diese harte Kante der Minimal Art auf und verwandelt die Objekte in Resonanzkörper, die Schall schlucken, Blicke blockieren und sichtbare physische Makel vorweisen.

Die teils bedrohlich, teils schützend wirkenden Korpora verweisen auf Transkorporalität – ein Verständnis des Körpers als ständig im Austausch mit seiner Umwelt stehend. Das heißt auch die Besucher:innen treten in eine Beziehung zur umgebenden Architektur, insbesondere mit der körperlichen Präsenz der „Polyurethane Foam”-Objekte.
Hinter den beiden Schaumstoffkuben hängt eine Serie von ausgedruckten E-Mails, die McArthur an Mumok-Kurator Matthias Michalka adressiert hat. Der Betreff der E-Mails und Titel der Arbeit lauten „These are the questions I would ask“ (2013) – das sind die Fragen, die ich stellen würde. Fragen wie „Which patient lift minimises loss of dignity and privacy?“, also „Welcher Patientenlift minimiert den Verlust von Würde und Privatsphäre?”, destabilisieren die Grenze zwischen administrativer Korrespondenz und künstlerischer Arbeit und legen mit präziser Direktheit die institutionelle Verpflichtung und letztlich auch Empathie gegenüber Menschen mit Behinderungen offen. Zugleich werfen diese Frage auch die Besucher:innen auf ihre eigene Wahrnehmung und Rücksichtnahme auf non-normative Lebensrealitäten zurück.

Am Ende des zirkulären Durchgangs gelangen Besucher:innen an ein Edelstahltablett, das auf einem Sockel platziert ist. Darauf sorgfältig arrangiert: Kondome, Covid-19-Testkits, Desinfektionsmittel und Masken – eigentlich unscheinbare Objekte der Vorsorge und Hygiene. Fast übereinander gehäuft verdichten sich hier jedoch die Erinnerungen an die Corona-Pandemie oder die Aids-Krise zur Vergegenwärtigung kollektiver physischer wie psychischer Verletzlichkeit.
Im Kontext von McArthurs Praxis jedoch verweigert dieses Tableau die Symbolik des Ausnahmezustands. Stattdessen formuliert es eine leise, aber unmissverständliche Behauptung: Die in der Krise sichtbar gewordenen Fragilitäten sind weder Einzelfälle noch vorübergehende Phänomene. Trotz des Mythos der körperlichen einheitlichen Norm aufgrund der dominierenden Sichtbarkeit von normativer Gesundheit im spätkapitalistischen System ist die Verwundbarkeit schon immer und in jeder menschlichen Konstitution veranlagt.
WANN: Die Ausstellung “Contact M” von Park McArthur läuft bis Sonntag, den 7. September.
WO: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien.