Rastazöpfe für Renate Monsieur Zohore bei KOW
22. September 2025 • Text von Lara Brörken
Monsieur Zohore ist ein Forscher und ein kultureller Wetterfrosch. Mit Lupe und Salz im Gepäck zoomt er an seine Umgebung heran, checkt das soziokulturelle Klima. Das Salz ist für die gefundenen Wunden. Mit “Whether the Weather” bei KOW sind die künstlerischen Ergebnisse seiner Deutschland-Studie zu sehen. Sie spiegeln eine Gesellschaft, die nicht da ist, wo sie glaubt zu sein.

Ein spätsommerlicher Sonntagabend auf der Kurfürstenstraße. Die Sonne hängt tief und vergoldet die versifften Straßen. Es sieht wärmer aus, als es ist. Mit großen Fensterfronten lassen die Räumlichkeiten des KOW die scheinbare Wärme und die kalte Realität hinein. Dies ist mit Monsieur Zohores aktueller Soloausstellung “Whether the Weather” besonders wortwörtlich gemeint. Sie reflektiert außen nach innen und andersherum. Diese Ausstellung kann wie ein gesellschaftliches Thermometer gelesen werden. Sie ist das Ergebnis einer monatelangen Feldforschung. Monsieur Zohores künstlerisch verpackter Blick von außen zeigt, dass sich Deutschland zwischenmenschlich und im Umgang mit postkolonialen Strukturen dringend stärker erwärmen muss – Es braucht frischen Wind, ein netteres kulturelles Klima.

Das mit dem frischen Wind hat Monsieur Zohore direkt in die Tat umgesetzt. Wer den Ausstellungsraum betritt, wird von vier Damen, Marianne, Susanne, Sabine und Hildegard begrüßt. Da sie Ventilatoren sind, verteilen sie ihre Brise im ganzen Raum. Und da sie sich im Urlaub Rastazöpfe haben flechten lassen, schwingen sie ihr europäisches Haupthaar im Luftstrom. Auch Hildegard will sich mal kurz wie Beyoncé fühlen, das wird ja wohl noch in Ordnung sein. Mit etwas Abstand hauchen sie den Besucher*innen gar lasziv in den Nacken. Ein Blick über die Schulter klärt schnell, das war nur die Marianne. In Witz und Wind verpackt, umweht Besucher*innen die Absurdität kultureller Aneignung.
Luftballons haben sich erschöpft auf den Boden gelegt, ihre Bänder werfen verschnörkelte Schatten auf dem kalten Beton. Ein Strauch in herbstlicher Färbung lodert im Licht der Abendsonne. In der Raumecke glänzt ein kleiner Döner-Grill. Auf dem Spieß, auf dem für gewöhnlich Fleisch gegrillt wird, röstet Monsieur Zohore die Werner Cartoons, Pumuckl und Markus Söder, der sich auf seiner Indien-Reise einen Turban binden ließ. Ganz gemächlich dreht sich der collagierte Spieß der Geschmacklosigkeit. Wobei Pumuckl da noch der harmloseste ist, der kreischt nur immer so.

Monsieur Zohore saugt seine Eindrücke buchstäblich auf – mit Küchenrolle. Das charakteristisch perforierte Zewa ist das zentrale Material. Mit dem Tuch in der Hand kann Dreck schnell aufgenommen werden. Rückstände sowie der physische Kontakt mit der Hand hinterlassen ihre Spuren. Jedes genutzte Tuch versteht Monsieur Zohore, wie er im Gespräch mit gallerytalk.net verrät, als eine Art Porträt der Umgebung und eines derjenigen, die versuchen diese von Dreck zu befreien. Es ist ein sehr zugängliches und verhältnismäßig günstiges Material, das vielschichtig in Collagen und Mixed-Media-Installationen zum Einsatz kommt. Das saugende Küchentuch ist Monsieur Zohores Leinwand und symbolisiert die Praxis des Künstlers und seinen Anspruch auf Niedrigschwelligkeit.

“Die! Meerjungfrau”, eine übergroße Leinwand, repräsentiert die symbolische Kraft des Zewas exemplarisch. Es trieft nahezu blutig und schlammig von all dem Dreck, der davon zeugt, dass das sozio-politische Wetter in Deutschland einfach schlecht ist. Nosferatu lauert in der unteren Bildecke und scheint ihre böse Seele in das gesamte Sujet zu entsenden. Eiserne Kreuze schnellen hindurch, als würden sie mit ihren scharfen Ecken Schnittwunden hinterlassen. Das Zewa suppt, wirft nasse, rostrote Falten. Umgeben von Horror-Gestalten und -Symbolen beißt May Ayim in einen weißen Schokokuss.
Mit diesem Werk reagiert Monsieur Zohore auf deutsche Reaktionen, auf ihre Begriffe und Symbole, die die böse rassistische Seele bis heute weitertransportieren und die Schwarze Lebensrealität exotisieren. In seiner Berlin-Zeit setzte sich der Künstler intensiv mit der Kolonialgeschichte Berlins auseinander. Ayim ist eine Schlüsselfigur des Schwarzen-Aktivismus in Berlin und ganz Deutschland. Sie war Wissenschaftlerin, Dichterin und politische Aktivistin. 1986 gründete Ayim die Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Das Berliner May-Ayim-Ufer wurde nach ihr benannt. Wie May Ayim haben viele afro-deutsche Menschen mit einem Land zu tun, für das sie nicht Weiß und auch nicht Schwarz genug sind, erfahren Rassismus, Gewalt – und kämpfen dennoch weiter. Hoffnung bleibt, dass die Weiße Vorherrschaft irgendwann nicht mehr nur auf metaphorischer Ebene wie ein Schokokuss gesnackt wird.

Die Arbeit “Bunter Hund” thematisiert die Exotisierung Schwarzer Menschen in der deutschen Öffentlichkeit und Medienlandschaft. Arabella, Tic Tac Toe, Roberto Blanco und der Künstler selbst sind in einem Hundekäfig eingesperrt. Ihre Abbilder auf Zewa versammeln und überlappen sich auf einem Quader. Besucher*innen können um den Käfig herumgehen und die Schwarzen Ikonen der 90er- und 00er-Jahre begaffen. Es ist eine unbequeme Wahrheit, dass dieses Blickverhältnis, der White Gaze vorherrscht und dieser Schwarze Menschen bis heute gefangen hält. Mit dieser Arbeit hat Monsieur Zohore eine koloniale Betrachtungsweise wirkungsvoll als Realitätsklatsche umfunktioniert. Und von hinten windet Sabine.

Monsieur Zohore erkundete Berlin seit vergangenem Juni, er ist in der Stadt gewandelt als Touri, als Schwarze Person im Weißen Deutschland, er hat von Bierkönig I bis II, von rechts nach links die Facetten eingesogen und verarbeitet und gibt nun im KOW einen kulturellen Wetterbericht. Dieser Bericht pustet einen um, Eindrücke prasseln ein und es wirbelt noch Tage nach dem Besuch in der eigenen Innenwelt. Die Gruseligkeit wurde von Monsieur Zohore bis auf die Skurrilität eingedampft. Was bleibt, ist das Destillat eines Landes. Man lacht laut und möchte weinen. Hoch- und Tiefdruckgebiete durchziehen es, es tropft von der Decke, also habt den Regenschirm vorsichtshalber dabei. Wir könnten das Deutschland-Fazit auch besingen: “Kein Hut, verstockt, ein Regensturm!”
WANN: Die Ausstellung “Whether the Weather” läuft noch bis Samstag, den 1. November.
WO: KOW, Kurfürstenstraße 145, Eingang über Frobenstraße, 10785 Berlin.